Europa

Stefan Kuntz im Interview: "Das ist ein anderes Level"

Türkischer Nationaltrainer über seine ersten Wochen - und sein Verhältnis zum DFB

Kuntz im großen Interview: "Das ist ein anderes Level"

"Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen": Stefan Kuntz.

"Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen": Stefan Kuntz. picture alliance / AA

Hängen Ihnen Flugzeugmahlzeiten schon zum Hals raus, Herr Kuntz?

(lacht) Durch die Ernährungsberatung bei der U 21 bin ich gut vorbereitet. Das kriegt man heutzutage relativ gut hin, auch an Flugreisetagen qualitativ gut zu essen.

Kochen Sie vor und packen was ein?

Nein, nach Istanbul sind es ja nur drei Stunden, das hält man auch mal ohne Essen oder mit einem Snack aus.

Was hat Sie an Ihrem neuen Job besonders gereizt?

Ich habe schon öfter gesagt, dass ich mich gerne weiterentwickle und dazulerne. Das ist jetzt eine neue große Herausforderung in einem zumindest ein wenig bekannten Umfeld, weil ich in meinem Jahr als Spieler bei Besiktas die türkische Kultur kennengelernt habe. Es ist eine A-Nationalmannschaft, das ist ein anderes Level, und es sind nicht nur zwei recht junge Jahrgänge, sondern ich habe es jetzt mit gestandenen Spielerpersönlichkeiten zu tun. Die Profis sind in Europa auf die großen Ligen verteilt. Ich lerne neue internationale Trainerkollegen kennen, mit denen ich ein Netzwerk aufbaue, um Informationen über meine Spieler austauschen zu können. Das alles übt einen großen Reiz aus.

Ich glaube nicht, dass ich für jeden Verband infrage komme.

Stefan Kuntz

Hätten Sie jede A-Trainer-Stelle mit realistischen WM- und EM-Chancen angenommen oder hob sich das türkische Angebot besonders ab?

Ich glaube nicht, dass ich für jeden Verband infrage komme. Es gab zwar Kontakt mit anderen Verbänden, aber neben meiner positiven Vergangenheit als Spieler war Hamit Altintop natürlich ein großer Faktor. Es ist ideal, wenn ein Verantwortlicher dich will, in Deutschland riesige Erfolge und Erfahrungen gesammelt hat und du dich mit ihm sprachlich perfekt austauschen kannst. Das Hindernis der Sprachbarriere ist zudem geringer, weil gut ein Drittel des Teams schon im deutschsprachigen Raum gespielt hat und man sich mit den anderen im Ausland spielenden Profis auch gut auf Englisch verständigen kann. Ganz wichtig war noch eine Sache.

Erzählen Sie.

Sehr überzeugt hat mich, dass die Verantwortlichen zwar kurzfristig noch alles für die letzte WM-Chance tun wollen, aber auch jemanden wollten, der innerhalb des Dreijahresvertrags mit einer dann verjüngten Mannschaft die Qualifikation zur EM 2024 in Deutschland gut meistert.

Nach kicker-Informationen sprachen Sie zuvor auch mit dem russischen Verband. Warum wurde daraus nichts?

Weil ich die Zusage gegeben hatte, die deutsche Olympia-Auswahl Ende Juli zu coachen. Da hatte es zeitlich nicht gepasst weiter zu verhandeln.

Gab es einen Moment während der fünf U-21-Jahre, ab dem Sie sich bereit für ein A-Nationalteam fühlten?

Die EM 2019 in Italien war zunächst eine gute Bestätigung, es nach dem Titel 2017 noch einmal ins Finale geschafft zu haben. Und dann kam die Herausforderung mit einem Jahrgang, der nicht so hoch eingeschätzt wurde. Der Start war holprig, und wir hatten schwierige Situationen in der Qualifikation durch zwei Niederlagen gegen Belgien. Wie wir dann trotzdem eine Weiterentwicklung beim Team und vor allem den einzelnen Spielern hinbekommen haben, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Die letzte Bestätigung war sicher die EM-Gruppenphase im März, wo wir uns entgegen vielen Erwartungen fürs Viertelfinale qualifiziert haben. In den Wochen danach ist meine innere Überzeugung gewachsen.

Ich möchte auch mit einer gewissen Unbefangenheit an die Sache herangehen.

Stefan Kuntz

Zwischen Ihrer Vorstellung und dem Debüt gegen Norwegen liegen keine drei Wochen. Wie laufen Ihre Tage ab?

Innerhalb von zwei Wochen bin ich achtmal nach Istanbul und zurück geflogen, habe in dieser Zeit auch Heimspiele von Lille, Trabzonspor, Basaksehir und Galatasaray im Stadion angeschaut und Fenerbahce in Frankfurt gesehen. Auf den Reisen laufen fast immer Spiele oder Szenen der Spieler auf dem Tablet, ich führe sehr viele Telefonate, mit den Spielern oder innerhalb meines jetzt zu vergrößernden Netzwerks, um möglichst viele Informationen über sie zu bekommen. Aber das muss ich eingrenzen, denn zu viele Informationen können schaden. Ich möchte auch mit einer gewissen Unbefangenheit an die Sache herangehen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Türkei in der WM-Quali in Norwegen und Holland gewonnen hat, gegen Lettland und Montenegro aber nur remis spielte und dann eine schwache EM sowie zuletzt das 1:6 gegen Holland folgten, nach dem Ihr Vorgänger Senol Günes entlassen wurde?

Das ist ein kleiner Bestandteil der Analyse. Ich will mich nicht zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigen. Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen.

Wo wollen Sie ansetzen, um die Mannschaft wieder erfolgreich zu machen?

Im Training werden wir auf Basis unserer Analyse ein paar Dinge ausprobieren, aber auch schauen, womit sich die Mannschaft am wohlsten fühlt. Natürlich haben wir einen Plan, wie wir gegen Norwegen und generell Fußball spielen wollen. Aber in der Arbeit mit dem Team wird sich zeigen, wie viel wir von der Wunschvorstellung umsetzen können, um einen guten Effekt zu erzielen. In den vier Tagen vor dem ersten Spiel ist keine hohe Belastung wegen der vielen Spiele der Jungs möglich, aber wir werden als Team zusammenfinden und an der Überzeugung arbeiten.

Haben Sie Sorge, dass Ihre große Stärke, die Kommunikation, wegen der Sprachbarriere leiden könnte?

Wenn mich alle Spieler in meiner Muttersprache verstehen, ist es natürlich einfacher. Aber wir werden das kompensieren. Neben vielen Einzelgesprächen wird es auch viele Gruppengespräche und Videositzungen geben, wo wir uns genug Zeit nehmen, unsere Botschaften verständlich zu machen.

Wie eng wird Sie Altintop in Training und Wettkampf begleiten?

Er möchte sich auf keinen Fall auf die Bank setzen, trotzdem ist er natürlich mein erster Austauschpartner. Aber auch alle weiteren Personen des türkischen Verbandes sind in den Gesprächen sehr professionell aufgetreten. Es ist sehr schnell ein großes Vertrauen entstanden. Zum Vorstand habe ich auch weiter guten Kontakt, aber in erster Linie geht es jetzt darum, dieses enge Team um die Mannschaft herum zu formen, das die Spieler Selbstvertrauen und Zuversicht tanken lässt und ihnen gute Matchpläne vermittelt.

Soll schon jetzt die anvisierte Verjüngung Richtung EM 2024 einfließen?

Wir schauen schon jetzt nach einigen talentierten Jungs. Wir wollen sie nach und nach einladen, um eigene Eindrücke zu gewinnen, ich kann sie ja sehr gut mit den europäischen Toptalenten vergleichen. Im Groben werden wir aber zunächst dem bestehenden Kader das Vertrauen geben.

In den vergangenen Jahren wurde öfter über eine Verbesserung der Nachwuchsarbeit gesprochen, es blieb aber nur bei Versprechungen. In den türkischen Topklubs spielen meist nur zwei bis drei Türken. Da scheint eine Menge Arbeit anzustehen.

Wir sind uns einig, dass es erst mal um die vier ausstehenden WM-Quali- Spiele geht. Aber ab November werden wir uns, in erster Linie Hamit, auch dieses Themas annehmen. Ich bringe mich gerne mit meinen Erfahrungen ein. Es wird wie in Deutschland ein Schlüssel sein, die Jungs individueller zu fördern.

Es ist es schön zu wissen, dass die Tür, aus der ich jetzt rausgegangen bin, weder vom DFB noch von mir zugeschlagen wurde.

Stefan Kuntz

Der Präsident und sogar die türkischen Medien haben bei Ihrer Verpflichtung Geduld gepredigt. Istanbul ist dennoch ein Haifischbecken für Trainer. Wie sicher sind Sie, auch bei Misserfolgen Rückhalt zu bekommen?

Ich habe ein sehr gutes Gefühl, aber im Profifußball gibt es immer ein Risiko. Die Zeit wird es zeigen.

In der U 21 hatten Sie eine überaus erfreuliche Zeit. Was bedeutet Ihnen am meisten aus den fünf Jahren?

Im Grunde jede Beziehung zu den Staffmitgliedern und besonders zu meinem Trainerstab. Ich muss aber auch sagen, dass der DFB mit seiner U-Trainer-Gemeinschaft, die Meikel Schönweitz und Joti Chatzialexiou leiten, über diverse Fortbildungen, Workshops und Austauschformate einen viel besseren Coach aus mir gemacht hat. Das hat mir überhaupt erst die Chance eröffnet, A-Nationaltrainer zu werden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was bleibt von den Spielern?

Es war teilweise sehr emotional und schön zu sehen, welche Spieler mir welche Nahrichten geschrieben haben und dass Verbindungen bestehen bleiben. Und natürlich ist es für die Bücher gut gewesen, drei Finals und dabei zwei Titel erreicht zu haben, aber das Persönliche überwiegt.

Sie wollten nach Joachim Löws Rücktrittsankündigung gerne Bundestrainer werden. Ist die Enttäuschung über die Nichtberücksichtigung inzwischen verflogen, und lebt dieser Traum irgendwo in Ihnen noch weiter?

Die Enttäuschung bezog sich ja nicht darauf, dass ich nicht Bundestrainer geworden bin, sondern darauf, dass ein angekündigtes Gespräch zu diesem Thema nicht stattgefunden hat. Das ist aber ausgeräumt und Vergangenheit. Ich habe schon öfter betont, dass die Wahl Hansi Flick auch aus meiner Sicht alternativlos war, das ist eine Top-Entscheidung vom und für den DFB. Ich hätte vor einem Monat auch nicht gedacht, dass ich türkischer Nationaltrainer werde. Im Fußball was vorauszusagen, ist ganz schwer. Trotzdem ist es schön zu wissen, dass die Tür, aus der ich jetzt rausgegangen bin, weder vom DFB noch von mir zugeschlagen wurde. Durch die tollen Gespräche rund um meine Freigabe und auch danach sind wir so auseinandergegangen, dass wir uns immer mit offenen Armen begegnen können. Das war für mich ganz wichtig.

Den Bundestrainer-Traum haben Sie jetzt aber umschifft. Gibt es ihn?

Ich lebe im Hier und Jetzt, und da bin ich aktuell Nationaltrainer der Türkei.

Was muss passieren, dass Sie den Job in der Türkei als erfolgreich einstufen?

Wenn die Leute, die jetzt eine gute Meinung über mich haben beim Start, eine noch bessere Meinung über mich haben, wenn ich gehe.

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