Handball

Handball-Bundesliga, Verfolger: Ist der THW Kiel wirklich aufzuhalten?

Hinter dem Rekordmeister tobt der Kampf um die Plätze

Ist der THW wirklich aufzuhalten? - Die Verfolger im Check

Silvio Heinevetter, Hampus Wanne, Marian Michalczik, Timo Kastening und Uwe Gensheimer (v.l.)

Protagonisten einer sicherlich spannenden Bundesliga-Saison: Silvio Heinevetter, Hampus Wanne, Marian Michalczik, Timo Kastening und Uwe Gensheimer (v.l.). imago images (5)

Die Meinung von DHB-Vizepräsident und Füchse-Boss Bob Hanning dürften eigentlich alle Verantwortlichen teilen. "Der THW ist definitiv das Team, das es zu schlagen gilt. Wenn eine Mannschaft in der neuen Saison Kiel hinter sich lässt, wird sie auch Meister", stellte der 52-Jährige im kicker (Montagsausgabe) klar. Doch wer sind überhaupt die Teams, die sich hinter den Zebras zu einem Angriff formieren?

Flensburgs Duftmarke in Paris

An allererster Stelle ist da natürlich Nordrivale SG Flensburg-Handewitt zu nennen, der 2018 und 2019 die deutsche Meisterschaft feiern konnte. Das Team von Maik Machulla hat sich in der Vergangenheit auch von namhaften Abgängen - wie Rasmus Lauge, Mattias Andersson oder Anders Eggert - nicht aus der Spur bringen lassen. Im ersten Schlagabtausch der Nordlichter zog die SG im Supercup gegen Kiel zwar den Kürzeren, doch mit dem 29:28-Auswärtssieg beim Starensemble von Paris Saint-Germain setzten die Flensburger schon ganz früh in der Saison eine erste große Duftmarke.

Auch vor dieser Spielzeit haben die SG-Kaderplaner die Mannschaft wieder einen Schritt weiter im sukzessiven Verjüngungsprozess gebracht: Holger Glandorf (37, Karriereende mit Rekordwert), Michal Jurecki (35), Anders Zachariassen (29) und Simon Jeppsson (25, zu Liga-Konkurrent HC Erlangen) stehen Machulla nicht mehr zur Verfügung. Dafür kamen mit dem deutschen Nationalspieler Franz Semper (23, rechter Rückraum), Lasse Kjaer Möller (24, Rückraum links), Mads Mensah Larsen (29, Rückraum links) und Domen Sikosek Pelko (23, auf Leihbasis für den Kreis) frische Kräfte. Die SG bleibt fraglos erster Ansprechpartner, wenn es um die Herausforderer des THW geht.

Die SCM-Profis wollen einen Titel

Auf Rang drei der abgebrochenen Saison 2019/20 landete der SC Magdeburg, der seit Jahren den Anschluss nach ganz oben sucht, aber zu selten die dafür nötige Konstanz an den Tag legte. Coach Bennet Wiegert arbeitet weiter hart daran, aus dem SCM einen ernstzunehmenden Titel-Anwärter zu formen. Klares Ziel aus der Mannschaft heraus ist es auch, am Ende der Saison auf dem Magdeburger Rathaus-Balkon eine Trophäe präsentieren zu können - am liebsten natürlich die Meisterschale. Die holte der Traditionsklub aus Sachsen-Anhalt einzig 2001.

Zum Kader: Die ganz große Fluktuation wie in so manchem Jahr davor gab es beim SCM nicht. Linkshänder Omar Ingi Magnusson kam als Ersatz für Albin Lagergren (wechselte zu den Löwen), Kreisläufer Magnus Gullerud übernimmt den Posten von Erik Schmidt. Zudem verließen Filip Kuzmanovski (TSV Hannover-Burgdorf) und Kay Smits (zurück zu Stammverein Holstebro) den Klub. Ohne die sonst gewohnte, große Fan-Unterstützung muss Magdeburg zu Hause eine Macht bleiben und auswärts auch direkte Konkurrenten schlagen.

Das sind die Neuzugänge für die Saison 2020/21

Was können "lockere" Löwen ausrichten?

Die Rhein-Neckar Löwen haben nach den Meisterschaften 2016 und 2017 eine sehr schwierige Saison hinter sich. Unter anderem scheiterte das verheißungsvolle Projekt um Trainer Kristjan Andresson krachend, der Isländer musste noch im Februar durch Martin Schwalb ersetzt werden. Sieben Niederlagen und vier Remis mussten die Nordbadener vergangene Spielzeit in 26 Partien schlucken. Nun ist der Optimismus zurück: "Letztes Jahr ist einfach in die Hose gegangen. Jetzt sind wir alle lockerer, jeder ist nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigt - wir sind eine Mannschaft", sagte Keeper Andreas Palicka jüngst der "Rhein-Neckar Zeitung".

Natürlich hänge das auch mit Trainer-Fuchs Schwalb zusammen. Dieser verlor in Abwehrchef Gedeon Guardiola (mit Zwillingsbruder Isaias nun beim TBV Lemgo Lippe) und Mads Mensah Larsen (ging nach Flensburg) zwar zwei wichtige Stützen, bekam mit Linkshänder Albin Lagergren (SC Magdeburg), den Halblinken Mait Patrail (TSV Hannover-Burgdorf) und Lukas Nilsson (THW Kiel) sowie auf Leihbasis Ex-Löwe Rafael Baena (BM Los Dolmenes) reichlich Qualität dazu. Am Dienstag erreichten die Löwen die Gruppenphase der neuen European League.

Füchse mit Kretzschmar und 26-jährigem Trainer

Mittelfristig eine sehr interessante Rolle könnten die Füchse Berlin einnehmen. Der Hauptstadtklub wurde im Vorjahr Sechster, will nun aber höher hinaus. "Wir wollen unter die besten Vier", sagte Hanning dem kicker. Perspektivisch gesehen könnte besonders die Verpflichtung von Stefan Kretzschmar ein immens wichtiges Puzzlestück werden. Das sieht auch Hanning so: "Mit der aktuellen Entwicklung bin ich sehr zufrieden, was die Neuzugänge betrifft, zeigt sich jetzt schon, wie wichtig unser neuer Vorstand Sport Stefan Kretzschmar ist und welche Akzente er noch setzen wird."

Allen voran Neuzugang Marian Michalczik (GWD Minden) sagt Hanning "eine tolle Zukunft" voraus, eine Saison Zeit müsse man dem Spielmacher allerdings gewähren. Dazu kommen Lasse Andersson vom FC Barcelona (Rückraum links), Linksaußen Milos Vujovic, Torhüter Fredrik Genz und Rechtsaußen Vater Chrintz. Die vielleicht spannendste Personalie ist aber der neue Trainer Jaron Siewert, der gebürtige Berliner ist gerade mal 26 Jahre alt und führte Essen in der vergangenen Saison zum Bundesliga-Aufstieg.

Geht Melsungen jetzt endlich den nächsten Schritt?

Reichlich Potenzial schlummert auch bei der MT Melsungen, die das trotz größerer Investitionen in den vergangenen Jahren aber viel zu selten auf die Platte brachte. Dass die Hessen Anfang September bereits in der ersten Qualifikationsrunde zur European League scheiterten, passt irgendwie ins Bild. Und doch will die MT deutlich höher hinaus.

Auf dem Transfermarkt machte die "MT Deutschland" ihrem Ruf im Sommer alle Ehre und holte mit Keeper Silvio Heinevetter und Rechtsaußen Timo Kastening zwei weitere deutsche Nationalspieler hinzu. Auch Kreisläufer Arnar Freyr Arnarsson schloss sich den Melsungern an, die keine schwerwiegenden Abgänge zu verkraften haben. Kann das Team von Trainer Gudmundur Gudmundsson endlich in die Phalanx der Spitzenmannschaften vorstoßen?

Kieler Belastung als echte Chance?

Aber ja, was kann den deutschen Rekordmeister aus Kiel in dieser Saison überhaupt aufhalten? "Verletzungen", antwortete Uwe Gensheimer in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur kurz und knapp, um anzufügen: "Im Ernst, sie sind mit Sicherheit nicht schlechter geworden im Vergleich zum letzten Jahr. Jetzt haben sie sogar noch Sander Sagosen und damit einen Spieler geholt, durch den die Ansprüche nicht kleiner geworden sind. Aber vielleicht gibt es im Dezember eine Chance, sie zu attackieren, weil sie dann ja auch noch das Finalturnier der Champions League spielen müssen. Da könnte es dann vielleicht passieren, dass die Einstellung und Konzentration auf die Bundesliga-Spiele etwas weggeht."

Ohne den - im Handball tatsächlich unumstrittenen - Heimvorteil wird es eine ganz spannende Saison. Einmal im Flow und ohne schwerwiegendere Verletzungen führt kein Weg am THW vorbei, doch in der Lücke dahinter wird der Kampf um die Plätze toben. Nicht umsonst prognostizierte auch Kiels Trainer Filip Jicha unlängst: "Ich denke, wir werden überraschende Resultate erleben." Mögen die Spiele beginnen.

Maximilian Schmidt

Von Glandorf bis Olsen: Diese Abgänge tun richtig weh