Regionalliga

Golz und Reck im Doppel-Interview: "Die lachen sich schlapp über uns"

Interview mit den Ex-Bundesliga-Torhütern - Duell am Samstag

Golz und Reck im Doppel-Interview: "Die lachen sich schlapp über uns"

Einst Bundesliga-Schlussmann, heute Sportchef in Altona: Richard Golz.

Einst Bundesliga-Schlussmann, heute Sportchef in Altona: Richard Golz. picture alliance / Pressefoto Rudel

Herr Golz, in Deutschland ist der Frühling ausgebrochen. Für wen scheint denn am Samstag nach dem Spiel die Sonne?

Golz: Vielleicht ja für bei Klubs, bei einem Remis. Aber das hilft uns nur bedingt. Wir wollen gewinnen und ich habe mir vorgenommen, erst wieder auf die Tabelle zu gucken, wenn wir gewonnen haben. Alles andere macht keinen Sinn.

Spielersteckbrief Golz
Golz

Golz Richard

Spielersteckbrief Reck
Reck

Reck Oliver

SSV Jeddeloh II - Vereinsdaten
SSV Jeddeloh II
Altona 93 - Vereinsdaten
Altona 93

Gründungsdatum

28.07.1893

Vereinsfarben

Schwarz-Weiß-Rot

Reck: Damit kannst Du aber auch noch ein bisschen warten, Richie!

Golz: Ich habe schon erwartet, dass Du das sagen wirst (lacht).

Sie können die drei Punkte ja auch sehr gut gebrauchen, Herr Reck. Aus den letzten drei Spielen gab‘s nur einen Punkt.

Reck: Ja, wir wollen natürlich jedes Spiel gewinnen. Das hilft auch in der Tabelle. Wir hatten ein paar personelle Engpässe. Ich hoffe, dass wir zeitnah den Kader wieder besser besetzen können. Das würde uns sehr helfen und dann treten wir auch wieder anders auf.

Haben Sie Angst, dass Sie noch Richtung Abstiegszone abrutschen könnten?

Reck: Angst haben wir nie. Für Altona und für uns geht es darum, in dieser Liga zu bleiben. Und am Samstag würden wir gerne einen Schritt weiter sein.

Oliver Reck

Bei Jeddeloh II an der Seiten-, früher in der Bundesliga auf der Torlinie: Oliver Reck. imago images/Nordphoto

Bei Altona hat man immer den Eindruck, dass ein Abstieg nicht ganz so schlimm wäre. Stimmt das?

Golz: Natürlich wäre ein Abstieg eine große Enttäuschung, weil wir uns vorgenommen haben, in der Regionalliga zu bleiben. In den meisten Spielen sind und waren wir auf Augenhöhe. Das kriegen wir auch jede Woche bestätigt. Unser Punktestand passt nicht zu der Art und Weise, wie wir spielen. Uns fehlt der Punch. Wir sind angetreten, um uns in der Regionalliga zu etablieren - und das ist immer noch unser Ziel. Wenn das nicht klappt, dann nehmen wir den nächsten Anlauf.

Ist das der Unterschied zu Jeddeloh II, die sich seit 2017 in der Liga etabliert haben?

Reck: Ja. Wir sind vor der Saison mit dem Ziel angetreten, dass wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben wollen. Aber wegen des schlechteren Torverhältnisses sind wir nun mal in die Abstiegsrunde reingerutscht. Wir werden auch wieder erfolgreicher sein, wenn sich die Personalsituation entspannt hat. Die Ausfälle erfahrener Spieler trifft kleinere Klubs wie Altona 93 oder uns härter als andere. Langfristig wollen wir ohnehin in der Liga bleiben. Auch die Infrastruktur wird verbessert. Aber das dauert eben.

Hat die Entwicklung der letzten beiden Jahre mit Corona die wirtschaftlichen Möglichkeiten entscheidend eingeschränkt?

Golz: Definitiv. Aus dem letzten Jahr sind wir mit einem Minus rausgegangen, weil wir in unseren Einnahmen eben auch stark von den Zuschauerzahlen abhängig sind. Das hat uns schon weh getan. Durch die Unterstützung der Stadt konnten wir das einigermaßen ausgleichen. In diesem Jahr können wir noch nicht sagen, wie es wird. Wir versuchen, uns breiter aufzustellen und professioneller zu werden - auch im Sponsorenbereich. Es ist für alle schwierig und wir beklagen uns nicht.

Reck: Zum Glück haben unsere Sponsoren uns in den letzten zwei Jahren total gut unterstützt. Es ist wichtig, dass da ein guter Austausch stattfindet, weil wir uns allein durch die Zuschauer nicht in der Liga halten können. Regionalliga-Fußball wird in Jeddeloh II nur durch Sponsoren funktionieren.

Wie schätzen Sie als ehemalige Bundesligaprofis die Qualität in der Regionalliga Nord ein?

Reck: Ich habe ja einen ganz guten Vergleich, weil ich in der Regionalliga Südwest schon bei Kickers Offenbach gearbeitet habe. Dort arbeiten viele Klubs auch richtig professionell, aber die Qualität im Norden ist trotzdem richtig gut. Auch, wenn es für TSV Havelse in der 3. Liga nicht so hundertprozentig funktioniert. Für den Norden wäre es gut gewesen, wenn Havelse sich dort profiliert hätte.

Wenn einer aus der Regionalliga Nord in die Oberliga im Süden wechselt, dann macht er das nicht, weil dort eine bessere Uni ist.

Richard Golz

Golz: Im Westen hast du Topklubs wie Rot-Weiss Essen, Preußen Münster oder Rot-Weiß Oberhausen. Da sind sie etwas stärker. In allen Ligen hast du 2. Mannschaften. Das sind zwar reizvolle Duelle für die Spieler, macht den Wettbewerb für kleine Vereine aber noch einmal schwieriger. Wirtschaftlich sind die Gegebenheiten sehr unterschiedlich. In Baden-Württemberg gibt es Oberligisten, die einen Etat von einer Million Euro haben.

Reck: Richie, mit einer Million bist du da noch unten angesiedelt. Dort gibt’s es Klubs, die noch weitaus mehr zur Verfügung haben.

Golz: Ja, die lachen sich schlapp über uns. Wir sind an der Schnittstelle vom Amateur- zum Profifußball. Viele Jungs leben fast nur vom Fußball. Wenn einer aus der Regionalliga Nord in die Oberliga im tiefsten Süden wechselt, dann macht er das nicht, weil dort eine bessere Uni ist.

Gibt es in Ihren Mannschaften Spieler, die den Sprung in die 2. Liga oder sogar in die Bundesliga schaffen könnten?

Golz: Das ist nicht auszuschließen. Es bestätigt sich jedes Jahr, dass du als junger Spieler jede Woche spielen musst. Toptalente, die in Bundesligakadern auf der Bank versauern, haben es echt schwer. Dann kommen Spieler, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. Die haben dann ein oder zwei Jahre lang ihre 30 Spiele gemacht und überrollen die. Als junger Spieler musst du dir überlegen, wo du hingehst. Vereine wie Altona oder Jeddeloh II können genau richtig sein, um später nochmal richtig Karriere zu machen. Wenn du mit 26 noch in der Regionalliga bist, wirst du kein Bundesligaspieler mehr. Mit 19 oder 20 kann das aber genau der richtige Schritt sein.

Wie schaut es in Jeddeloh II aus?

Reck: Mit Konstantin Engel oder Chris David haben wir Spieler bei uns, die schon in der 2. Liga gespielt haben. Auch wir suchen nach talentierten Spielern, bei denen wir eine Entwicklung sehen. Vor gar nicht so langer Zeit hat hier ja auch Anton Stach noch gespielt. Das zeigt, wie schnell es nach oben gehen kann. Aber der Schritt nach unten kann auch genauso schnell sein.

Wie schätzen Sie das Niveau der Torhüter in der Regionalliga ein?

Golz: Das ist gut bis sehr gut. Ich hatte meinen ersten Torwarttrainer, als ich 30 war. Da ist in der Ausbildung nicht mehr viel zu holen (lacht). Die Torwartausbildung ist jetzt eine ganz andere als noch zu unserer Zeit. Aus den Nachwuchsleistungszentren kommen viele gut ausgebildete Torhüter. Manchmal landen sie nicht weiter oben, weil ihnen vielleicht fünf Zentimeter an Reichweite fehlen und sie keine 1,95 Meter groß sind.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Duelle auf dem Platz?

VFB Stuttgart - Werder Bremen v.l.: Wicky Raphael ; Poschner Gerhard ; Reck Oliver

Reck reckt sich - im Duell mit Gerhard Poschner vom VfB Stuttgart. Links Werder-Kollege Raphael Wicky. imago sportfotodienst

Reck: Ooh, einige. Oder, Richie?

Golz: Definitiv. Die etwas emotionaleren waren natürlich die Spiele zwischen dem HSV und Werder. Haben wir in Freiburg noch gegeneinander gespielt?

Reck: Ich glaube auch, ja.

Golz: Ich erinnere mich an viele Nordderbys. Die waren noch nicht ganz so emotional wie die in den letzten zehn oder 15 Jahren. Meine Wahrnehmung ist, dass sich da ein bisschen was aufgeschaukelt hat. Aber es hat immer Spaß gemacht, gegen Werder zu spielen, weil Werder eine Mannschaft war, die attraktiven Fußball gespielt hat. Bei aller Rivalität gab es auch immer eine ganz gut persönliche Basis. Torhüter verstehen sich sowieso immer gut. Das ist zumindest mein Gefühl. Aber auch unter den Mannschaften war es nie aggressiv. Wenn du Ulli Borowka in der Mannschaft hattest, gab es natürlich schon auf die Socken, aber es hat auch immer Spaß gemacht.

Reck: Ich denke an einige interessante Duelle. Ich habe mit Kickers Offenbach, Werder Bremen und Schalke 04 nur für drei Klubs in der Liga gespielt und hatte das Glück, meist auch in sehr erfolgreichen Mannschaften zu spielen. Das hilft natürlich als Torwart. Als junge Torhüter hatten Richie und ich die Chance, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Das ist heute schwieriger. Ich habe nie bei den Bayern gespielt, aber trotzdem neun Titel gewonnen. Da kann man schlussendlich zu seinen Enkelkindern sagen: "Ich habe da auch mitgekickt und habe den ein oder anderen Titel mitgenommen." Das ist schon eine Geschichte, die man ab und an mal erzählen kann. Aber die heutige Zeit ist eine ganz andere.

Was hat sich geändert?

Reck: Man bekommt im Leben nichts geschenkt, sondern muss sich alles hart erarbeiten. Nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch drumherum. Es müssen Zusatzschichten eingebaut werden. An jedem Tag muss etwas für den Körper gemacht werden. Das ist einfach so. Ohne geht es nicht mehr. Das war früher vielleicht einen Tick anders. Aber ohne diese Zusatzgeschichten wirst du heutzutage kein Fußballprofi mehr. Das muss jeder wissen.

Golz: Heute kommen jedes Jahr aus den Nachwuchsleistungszentren jede Menge Spieler nach. Da musst du jeden Tag und jedes Jahr deinen Platz verteidigen. Das mussten wir damals auch, aber die Konkurrenz war in der Breite nicht so vorhanden. Wenn du heute mit einer Verletzung lange raus bist, kann es gut sein, dass du zwei Jahre später in der Regionalliga landest. Das ist keine Schande. Olli hat ja auch gesagt, dass die Spieler in den Reihen haben, die schon in der 2. Liga gespielt haben. Das ist ja kein Zufall.

Reck: Das stimmt.

Werder, Schalke und der HSV kämpfen in der 2. Liga um den Aufstieg. Wer packt es am Ende?

Torhüter Richard Golz (SC Freiburg) betritt als Ex-Hamburger erstmals das Volksparkstadion.

Torhüter Richard Golz (SC Freiburg) betritt als Ex-Hamburger erstmals das Volksparkstadion.

Golz: Der HSV ist jetzt in der Verfolgerrolle und muss von den sieben Spielen fast alle gewinnen, um direkt aufzusteigen. Möglicherweise reicht es nur für die Relegation. Aber es ist ja auch möglich, darüber dann aufzusteigen. Werder hat die besseren Karten. Das gilt auch für St. Pauli, was für den HSV das Worst-Case-Szenario wäre. Wenn St. Pauli aufsteigt, würde das in der Stadt einiges weiter verändern. Ich glaube nach wie vor an den HSV. Schön wäre es auch, den DFB-Pokal zu gewinnen. Den hat Olli ja auch das ein oder andere Mal in der Hand gehabt.

Reck: Das Momentum spricht für Werder. Trotz Verletzungen und Corona-Problemen haben sie jetzt ein ganz wichtiges Spiel zu Hause gegen Darmstadt gewonnen. Das war für die Moral unwahrscheinlich wichtig. Ich glaube, dass die Gruppe im Moment gut mit dem Trainerteam harmoniert. Werder hat eine echt gute Chance, aber das ist noch keine Garantie. Richie sagt es richtig: Die letzten Spiele werden jetzt entscheidend. Ich drücke Schalke die Daumen, dass sie oben noch dran rutschen.

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War der Sieg der Bremer Not-Elf gegen Darmstadt nochmal ein dickes Ausrufzeichen?

Reck: Das war schon enorm und hat gezeigt, dass vieles intakt ist. Ein junger Spieler wie Eren Dinkci hat die Wochen zuvor kaum gespielt, aber dann sofort geliefert. Ich schaue gerne darauf, was ist, wenn zwei oder drei wichtige Spieler ausfallen. Wie reagiert die Mannschaft? Wie reagiert das Umfeld? Wie funktionieren die Jungs, die dann reinkommen? Daran kann man viel erkennen.

Wer wird in der Regionalliga Nord Meister?

Reck: Das sieht für mich nach dem VfB Oldenburg aus. Die spielen eine überragende Runde. Das Manko ist, dass der Meister nicht direkt aufsteigt. Es wäre gerechter, wenn auch der Meister der Regionalliga Nord direkt hochgeht.

Golz: In den Aufstiegsspielen drücken wir alle dem Vertreter aus dem Norden die Daumen, weil dann auch eine Mannschaft weniger absteigt. Oldenburg hat ein Statement gesetzt und Teutonia, die ja hohe Ambitionen formuliert haben, 3:0 geschlagen. Hochzukommen ist schwierig, drinzubleiben aber nochmal einen Tick schwieriger. Das sieht man bei Havelse. Es ist in jeder Liga das gleiche: Du musst ein gutes Team haben. Einen guten Spirit. Einen guten Trainer. Sonst wären Teams wie Darmstadt, Paderborn oder Braunschweig nie in die Bundesliga gekommen.

Herr Reck, Ihr Spieler Chris David geht davon aus, dass Sie im Sommer mindestens in die 3. Liga wechseln. Verlassen sie den Klub also nach der Saison?

Reck: Aktuell habe ich ein wichtiges Thema. Und das ist, diesen Verein in der Liga zu halten. Ich bin so lange in diesem Geschäft und was im Sommer passiert, weiß kein Mensch. Der Verein braucht irgendwann Planungssicherheit, das ist ganz normal. Momentan geht es aber nur darum, Spiele zu gewinnen. Der nächste Schritt ist, sich dann irgendwann wieder zusammenzusetzen. Das werden wir auch tun.

Im Sommer könnte es in in Jeddeloh II zu Veränderungen in der Sportlichen Leitung kommen. Beeinflusst das Ihre Entscheidung?

Reck: Wenn es etwas zu vermelden gibt, wird der SSV es tun. Der Verein plant und schaut, was möglich ist, um sich professioneller aufzustellen. Hier sind ja keine Profis. Der einzige Profi, der 24 Stunden vor Ort ist, bin ich.

Bei Altona 93 werden im Sommer keine Fragen nach dem Trainer gestellt, oder?

Golz: Ich habe zumindest noch keine gehört (lacht).

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