FIFA WM

Japans Endo vor der WM 2022: "Ein wenig wie Schicksal"

Japan startet am Mittwoch gegen Deutschland

Endo im großen Interview: "Es hat sich ein wenig wie Schicksal angefühlt"

VfB-Kapitän Wataru Endo trifft mit Japan zum Auftakt auf Deutschland.

VfB-Kapitän Wataru Endo trifft mit Japan zum Auftakt auf Deutschland. IMAGO/AFLOSPORT

Immer wieder lacht Wataru Endo während des Gesprächs über Video. Seine Antworten gibt er sehr konzentriert und fügt ein paarmal Zusätze ein, während die Dolmetscherin schon übersetzt. Seine Kopfverletzung, die er sich am 8. November gegen Hertha BSC zuzog, hindert ihn zum Glück nicht an der WM-Teilnahme. In Katar startet Japans Auswahl, zu deren Defensive Endo gehört, an diesem Mittwoch gegen Deutschland.

Herr Endo, was haben Sie empfunden, als Sie sahen, dass Sie mit Ihrem Team auf Deutschland treffen?

Die Bundesliga war immer mein Ziel gewesen, als ich Profi wurde. Hier wollte ich spielen. Mittlerweile bin ich seit über drei Jahren in Stuttgart. Dass ich als Bundesligaspieler womöglich mein erstes WM-Spiel ausgerechnet gegen Deutschland mache, ist schon aufregend. Ich habe mich sehr gefreut, und es hat sich sogar ein wenig wie Schicksal angefühlt.

Zur Gruppe zählen noch Spanien und Costa Rica. Wie sehen Sie die Kräfteverhältnisse in diesem Viererfeld?

Da es um die Weltmeisterschaft geht, ist für Japan jeder Gegner schwierig. Deutschland und Spanien gelten in Japan als Favoriten in dieser Gruppe; ich persönlich möchte aber die öffentliche Meinung und Stimmung in Japan widerlegen und die K.-o.-Runde erreichen.

Welche Bedeutung hätte da ein Sieg gegen Deutschland?

Das erste Spiel in einem Turnier ist grundsätzlich sehr wichtig. Das Weiterkommen in der Gruppe hängt also stark davon ab, ob wir gegen Deutschland schon drei Punkte mitnehmen können oder nicht.

Ist die DFB-Auswahl Favorit gegen Japan?

Man sagt das. (lacht)

"Wir haben eine Chance, gegen Deutschland zu gewinnen"

Was sagen Sie?

Als Spieler sage ich: Wir haben eine Chance, gegen Deutschland zu gewinnen. Wenn man diese Einstellung nicht hat, ist es nicht möglich, drei Punkte mitzunehmen.

Musiala und Sané sind die gefährlichsten deutschen Spieler.

Wataru Endo

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Vor welchen deutschen Spielern werden Sie Ihren Nationaltrainer Hajime Moriyasu und Ihre Kollegen besonders warnen?

Ich finde, Leroy Sané und Jamal Musiala sind aktuell die gefährlichsten deutschen Spieler, die richtig gut in Form sind. Auf sie müssen wir besonders aufpassen.

Wo hat die deutsche Mannschaft vor allem ihre Qualitäten?

Die deutsche Mannschaft hat eine sehr gut ausbalancierte Spielweise. Sie vermag den Ball gut laufen zu lassen und dann sehr schnell auf Angriff umzuschalten. Auf der anderen Seite kann sie sehr geduldig sein und abwarten. Sie beherrscht die Ballkontrolle und das schnelle Kontern. Außerdem ist sie von jeder Zone des Platzes aus in der Lage, Tore zu erzielen.

Wir haben Ähnlichkeiten mit den Deutschen

Und wo hat die japanische Nationalmannschaft ihre Stärken?

Wir haben Ähnlichkeiten mit den Deutschen, zum Beispiel ist auch unsere Balance im Team gut. Wir schaffen es, defensiv einen kompakten Block zu bilden und daraus zu kontern. Genauso sind wir imstande, den Ball laufen zu lassen. Und wir sind ein gutes Kollektiv mit einem starken Teamgeist.

Deutschland wurde viermal Weltmeister, Japan kam bisher zweimal ins Achtelfinale. Hat Japans Nationalmannschaft aufgrund dieser unterschiedlichen Historie womöglich zu viel Respekt vor der deutschen?

Ich weiß es nicht genau, glaube aber schon, dass wir Respekt vor der deutschen Mannschaft haben. Wir - und besonders ich - wissen, dass es ein richtig gutes Team ist. Allerdings sind viele unserer Spieler heute in der Bundesliga und in anderen europäischen Ligen aktiv, haben also ein gewisses Selbstbewusstsein.

Sie spielen in der Bundesliga wie Ihr VfB-Kollege Hiroki Ito oder Maya Yoshida auf Schalke, Takuma Asano in Bochum, Ritsu Doan in Freiburg, Ko Itakura in Gladbach und Daichi Kamada in Frankfurt, außerdem Ao Tanaka bei Zweitligist Düsseldorf. Dazu Takehiro Tomiyasu bei Arsenal, Takefusa Kubo in San Sebastian, Takumi Minamino in Monaco, Hidemasa Morita bei Sporting Lissabon. Was bedeutet diese Erfahrung, die diese Profis in Europa sammeln, für Ihre Nationalmannschaft?

Es ist ein großer Vorteil für uns, dass so viele Japaner in den europäischen Ligen spielen, weil sie sich daran gewöhnt haben, auf einem hohen Level gefordert zu sein. Sie müssen sich permanent beweisen. Dadurch haben wir mit unserer Auswahl einen großen Sprung gemacht. Die Entwicklung unseres Fußballs wurde dadurch gefördert.

In den jüngsten sieben Länderspielen gab es für Deutschland nur einen Sieg. Was bedeutet diese Serie für die WM?

Diese Statistik kannte ich gar nicht. Und sie bedeutet sicher nicht, dass die deutsche Mannschaft schlecht ist. Deswegen ist es für uns wichtig, dass wir uns auf die Begegnung mit Deutschland gut vorbereiten.

WM 2022

Japan gewann fünf der acht Länderspiele 2022, gegen Brasilien wurde im Juni knapp mit 0:1 verloren, Neymar traf per Elfmeter. Sind die Samurai Blue bis zur WM punktgenau in Top-Form?

Im September spielten wir gegen die USA beim 2:0-Sieg gut, gegen Ecuador gab es ein 0:0. Gegen Tunesien haben wir im Juni allerdings mit 0:3 verloren. Aber vor allem das knappe 0:1 gegen Brasilien sagt viel darüber aus, was wir als japanische Nationalmannschaft zu leisten imstande sind. Ich denke, wir sind gut vorbereitet.

In Deutschland wird vor allem die Unermüdlichkeit der japanischen Spieler bewundert, ihre Laufstärke. Mit welchen drei Schlagworten würden Sie Japans Fußball charakterisieren?

Auch die deutschen Spieler werden bei der WM viel laufen. Uns zeichnet die Fähigkeit aus, als Team aufzutreten - und dass wir sehr geduldig sein können. Der dritte Punkt ist unsere mannschaftsdienliche Einstellung, jeder arbeitet für jeden. Keiner schiebt die Verantwortung auf den anderen.

Was wurde besser im Vergleich zur WM 2018?

Ein direkter Vergleich fällt mir schwer, weil wir im Grunde eine komplett neue Mannschaft haben. Die jetzige, jüngere Generation hat in Europa gelernt und einen großen Willen, bei der WM etwas zu erreichen. Wir haben, wie schon beim letzten Mal, einen sehr guten Teamgeist. Der größte Unterschied gegenüber 2018 ist die große Zahl von japanischen Spielern in Europa.

Was möchten Sie erreichen, damit Sie die WM als Erfolg bewerten?

Unser Ziel ist es, unter die besten acht Teams der Welt zu kommen, wir wollen das Viertelfinale erreichen. Zunächst müssen wir uns auf unsere schwierige Gruppe konzentrieren, aber wenn wir da durch sind, können wir unser Gesamtziel ins Auge fassen.

Der frühere VfB-Profi Guido Buchwald war in Japan aktiv, Sie und Ito spielen in Stuttgart, davor gab es in diesem Klub weitere Profis aus Ihrer Heimat: Asano, Shinji Okazaki, Gotoku Sakai und Hajime Hosogai. Welchen Stellenwert hat der deutsche Fußball in Ihrer Heimat?

Die Bundesliga wird in Japan sehr geschätzt, sie zählt zu den fünf größten Ligen in Europa mit denen in England, Spanien, Italien und Frankreich. Nicht nur japanische Spieler zieht es in die Bundesliga, es schauen auch viele Trainer aus Japan nach Deutschland und auf diese Liga.

"Das Ziel England habe ich noch immer im Kopf"

Sie sind 29 Jahre alt. Bleibt Deutschland Ihre Endstation als Fußballer? Oder muss es noch, wie Sie einmal gesagt haben, die Premier League sein?

Das Ziel England habe ich noch immer im Kopf. Vor allem möchte ich einmal in der Champions League spielen, das sage ich ganz offen. Andererseits zeigt Makoto Hasebe in Frankfurt mit dem Einzug ins Achtelfinale der Champions League, was alles möglich ist. Und ich fühle mich sehr wohl in Stuttgart. Der VfB hat vor 15 Jahren auch die Deutsche Meisterschaft geholt. Vielleicht ist das wieder möglich. Zunächst möchte ich mit dem VfB möglichst viel erreichen.

In Deutschland wird im Zusammenhang mit der WM über Menschenrechte in Katar und die Situation der Arbeiter dort diskutiert. Auch Nationalspieler weisen darauf hin. Wie wird dieses Thema in Japan behandelt?

In Japan ist es, glaube ich, kaum ein Thema. Wir als Mannschaft haben, Stand jetzt, nicht vor, irgendwelche Aktionen zu machen. Da ist nichts geplant wie etwa mit einer Kapitänsbinde One Love. Aber wer weiß? Vielleicht passiert noch was.

Gegen Costa Rica wird meine Familie vor Ort sein

Sie haben vier Kinder. Wie wird Ihre Familie das WM-Turnier verfolgen?

Das erste Spiel wird sie leider verpassen, weil die Kinder zur Schule müssen. Gegen Costa Rica wird meine Familie vor Ort sein - und dann sehen wir weiter, ob wir uns für weitere Runden qualifizieren.

Zum Finale sind alle in Katar?

Ja. (lacht)

Wer sind Ihre Favoriten auf den Titel?

Brasilien, Frankreich und Deutschland. Dazu - es wird ja die letzte WM für Lionel Messi - Argentinien. Und Japan. (lacht)

Interview: Kim Dämpfling und Karlheinz Wild