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DFB-Video-Trainersprechstunde: "Eine Generation mit Kreuzbandriss"

Kuntz und Schönweitz geben Tipps und Einblicke

DFB-Video-Trainersprechstunde: "Eine Generation mit Kreuzbandriss"

Äußerten sich in der Videosprechstunde zu verschiedenen Themen: Stefan Kuntz (l.) und Meikel Schönweitz.

Äußerten sich in der Videosprechstunde zu verschiedenen Themen: Stefan Kuntz (l.) und Meikel Schönweitz. imago images

Christian Blanck (Rostocker FC, Nachwuchsleiter): Wie stehen Sie zur Reform des Jugendfußballs?
Meikel Schönweitz: Eine Reform ist zwingend notwendig. Wir sind zwar für die Nationalmannschaften zuständig, machen uns aber auch Gedanken über den Fußball abseits davon. Ein Beispiel ist die Umstellung vom Sieben-gegen-Sieben auf das Drei-gegen-Drei. Wenn weniger Spieler auf dem Platz stehen heißt das: Diejenigen, die spielen, haben mehr Ballkontakte und müssen mehr Entscheidungen treffen. Wir schauen auch ins Ausland und überlegen: Was machen die besser? Und wenn man nach Belgien und England schaut, die richtig tolle Fußballer hervorgebracht haben, sieht man: Da ist genau das passiert.

Sven Mettmann (TSV Albeck, Damen-Landesligatrainer): Hätte das Trainer-Know-How von heute Sie als Spieler besser gemacht?
Stefan Kuntz: Ich glaube, ich wäre besser gewesen. Matthias Sammer hatte zum Beispiel immer ein großes Grundverständnis für alle diese Abläufe. Solche Talente gibt es natürlich. Ich musste mir immer alles selbst erarbeiten und lernen. Ich glaube, wenn ich all das, was ich heute weiß, schon damals gewusst hätte, wäre viel mehr möglich gewesen.

Nico Körtner (Schwarz-Weiß Enzen): Wie steigt man nach dem Lockdown bestmöglich ins Training ein?
Kuntz: Unsere Athletiktrainer haben nach dem ersten Lockdown geschaut, wann sich unsere Spieler verletzt haben. Heraus kam: Einige haben sich direkt danach signifikant öfter verletzt als zuvor. Deswegen ist eine vorsichtige Belastungssteuerung extrem wichtig.
Schönweitz: Ich möchte das ergänzen. Viele haben früher den Fehler gemacht, dass sie in der Vorbereitung sechs Wochen draufgehauen haben und dann die Intensität runtergefahren haben. Eigentlich ist es aber umgekehrt gut: Nach einem sanften Einstieg sollte man sich Stück für Stück steigern. Im Grunde ist es im Moment so, dass eine komplette Generation einen Spielausfall vergleichsweise mit einem Kreuzbandriss hatte. So sollte man damit jedenfalls umgehen.

Jona Benning (TuS Niedernwöhren): Wie stellt man eine U-Nationalmannschaft zusammen, ohne die Leistung der Spieler im Training zu sehen?
Kuntz: Wir sind ständig draußen in den Stadien und schauen: Welche Rolle hat jemand? Wird er gehört und hört er zu? In der Liga müssen die Spieler auch oft Positionen spielen, auf denen sie gerade gebraucht werden. Bei uns sind sie dann offener und sagen: Eigentlich spiele ich lieber auf einer anderen Position. Ridle Baku ist so ein Beispiel. Der hat bei uns schon Rechtsverteidiger gespielt, als er in Mainz noch im defensiven Mittelfeld auflief. Es geht auch darum, wer schon etwas für uns geleistet hat und er Spielpraxis hat. Dann kommt noch dazu, dass es nur mit Häuptlingen auch nicht geht. So puzzeln wir uns ein Team zusammen.

Marcus Melzer (DJK Willich, U-12-Trainer): Was sind die wichtigsten Prinzipien?
Schönweitz: Im sportlichen Leitbild des DFB gibt es eine Trainingsvision, die sieben Prinzipien beinhaltet. Jeder muss aber eine eigene finden. Wir brauchen einen roten Faden für alle, alles weitere ist aber frei. Eines ist wichtig: Trainer sollten ihr System nicht einer Mannschaft aufzwingen, sondern sich am Team und seinen Stärken orientieren. Es wäre auch wünschenswert, wenn auch Amateurvereine ihre eigene Identität und Leitlinien entwickeln.
Kuntz: Ich habe ja die absoluten Top-Talente, versuche aber immer festzulegen: Wie wollen wir zusammen arbeiten? Man kann zwar sagen: Wir wollen kein Handy beim Essen, aber das muss auch von den Jungs getragen werden. Gewisse Grundwerte, die mit Respekt und Anstand zu tun haben, stehen aber nicht zur Diskussion. Ich versuche immer, einen Zugang zum Menschen zu bekommen. Denn manchmal hast du echt geile Kicker, aber kein Team. Das ist dann die Aufgabe.

Karsten Schubert (SV Spetzerfehn, E-Jugendtrainer): Was können Fußballtrainer im Kinderfußball besser machen?
Schönweitz: Die Basisausbildung! Wir wundern uns manchmal, wenn wir bei den U-Nationalmannschaften einfachste technische Fehler korrigieren müssen. Im Kinderfußball werden zu wenig die Basisaufgaben wiederholt. Alle Top-Spieler hatten in ihrer Kindheit mindesten 10.000 Übungsstunden. Wenn man im Kindertraining sieht, dass die Spieler eine halbe Stunde in der Schlange warten, weil etwas erklärt wird, geht viel wichtige Zeit verloren. So viel wie möglich dribbeln, passen, schießen. Je besser du das kannst, desto besser wirst du. Dazu kommt, dass der Vereinssport allgemeine Bewegungsschulung leistet, die ansonsten zu kurz kommt.

Alexander Vogel (Baden-Württemberg): Würde es Sinn machen, unterhalb der U-Nationalmannschaften nochmal gebündelte Auswahlteams für Regionen oder B- und C-Nationalteams zusammenzustellen?
Schönweitz: Über B- und C-Nationalmannschaften würden wir uns freuen, das ist aber auch eine Kostenfrage. Außerdem wollen wir nicht, dass zu viele Spieler den Stempel Nationalspieler aufgedrückt bekommen. Wenn du pro Jahrgang plötzlich 100 Spieler hast, sind das einfach zu viele und es ist keine Auszeichnung mehr. Was wir auf dem Schirm haben, ist, dass die Talentgerechtigkeit in Deutschland nicht so fair ist. Auf den Turnieren spielen teilweise Auswahlen aus Bremen gegen Bayern - Bayern hat aber viel mehr Mitglieder, also ist es schwerer dort in die Auswahl zu kommen. Wäre das flexibler, wäre es gerechter. Im Moment stimmen wir uns dazu aber noch ab.

aufgezeichnet von Jim Decker

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