DFB-Pokal

Ancelottis Waterloo bei Carl Zeiss Jena

Wie der Bayern-Trainer einst in Jena unterging

Ancelottis Waterloo am Fuße der Kernberge

"Wir hätten auch 0:10 verlieren können": Carlo Ancelotti heute - und der damalige Jena-Trainer Hans Meyer.

"Wir hätten auch 0:10 verlieren können": Carlo Ancelotti heute - und der damalige Jena-Trainer Hans Meyer. imago

Es ist der 1. Oktober 1980, der italienische Pokalsieger AS Rom will in Jena beim Spitzenreiter der DDR-Oberliga in die 2. Runde des Europacups der Pokalsieger einziehen. Das Hinspiel ist 3:0 ausgegangen. Carlo Ancelotti, 1979 vom AC Parma gekommen, schießt das 2:0 (28.), zu Beginn trifft Roberto Pruzzo (5.), nach 72 Minuten der brasilianische Star-Import Falcao.

80.000 Fans im Stadio Olimpico sind fast berauscht vom Angriffswirbel des Teams von Nils Liedholm nach fünfjähriger Europapokal-Abstinenz. Roma-Kapitän Romeo Benetti sagt über die offensive Grundausrichtung der Associazione Sportiva Roma, die die Serie-A-Saison 1979/80 nur als Sechster abgeschlossen hat: "Wir spielen mit aufgekrempelten Ärmeln und ohne Krawatte." Also zupackend, schnörkellos und stürmisch. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Jena zwei Strafstöße nach Fouls an Jürgen Raab (49.) und Thomas Töpfer (87.) verwehrt bleiben. Jenas Trainer Hans Meyer, tief enttäuscht vom Spielausgang, sagt: "Pruzzos frühes Tor war wie ein Keulenschlag für meine Mannschaft. Im Rückspiel werden wir anders auftreten."

Ancelotti hat mich auf dem Platz verfolgt, als wolle er ein Autogramm von mir.

Lutz Lindemann

So kommt es. Das Spiel in Jena sieht der Favorit nur mehr als Formsache, als lästige Pflichterfüllung an. Doch die Dienstreise, die die Römer möglichst schweißfrei absolvieren wollen, endet als Albtraum. "Wir waren wirklich überrascht, mit welcher Intensität Jena spielte", erinnert sich Ancelotti. 25 Minuten hält die Abwehrmauer um Maurizio Turone und Luciano Spinosi, dann schießen Andreas Krause (26.) und Lutz Lindemann (38.) in einer brillanten ersten Halbzeit zwei Tore für den Außenseiter. Carl Zeiss trifft durch Eberhard Vogel (10.) und Raab (41.) noch zweimal die Latte und durch Gerhardt Hoppe später den Pfosten (49.).

Lindemann, dessen Gegenspieler Ancelotti ist, wird später nur halb im Scherz über das Duell sagen: "Ancelotti hat mich auf dem Platz verfolgt, als wolle er ein Autogramm von mir." Ancelotti bekommt Gelb, Lindemann muss nach einem Foul minutenlang behandelt werden.

Meyer: "Die Römer traten ziemlich selbstherrlich auf, fast überheblich"

In der Nachspielzeit leistet sich Ancelotti, das 21-jährige, aufstrebende Mittelfeld-Talent, auf Höhe der Mittellinie sogar einen Ellenbogencheck und hat Glück, dass er nicht Rot sieht. "Die Römer traten nach dem Hinspielsieg ziemlich selbstherrlich auf, fast überheblich", sagt Meyer heute. "Bis zum 2:0 war es ein sehr gutes Spiel, danach wurde es etwas weniger von unserer Seite."

In Jena unvergessen: Die Torschützen des legendären 4:0 gegen den AS Rom.

In Jena unvergessen: Die Torschützen des legendären 4:0 gegen den AS Rom. imago

Meyer sorgt für den entscheidenden Impuls. 16.000 Zuschauer im Ernst-Abbe-Sportfeld sehen, wie der Trainer für die angeschlagenen Krause und Töpfer nach 70 Minuten mit Martin Trocha und Andreas Bielau zwei frische Angreifer aufs Feld schickt. Für Bielau, den Neuzugang aus Zwickau, der bis dahin noch keine Minute gespielt hat für seinen neuen Klub, wird es das Spiel des Lebens. Der 22-Jährige trifft zweimal und schießt Ancelotti und die Roma aus dem Wettbewerb: 3:0 (71.) mit seiner ersten Ballberührung, als er nach einem abgefälschten Vogel-Schuss an der richtigen Stelle steht. Und schließlich das 4:0 (87.). "Er stand zweimal richtig", sagt Meyer. "Andreas war ein Blitz, ein absoluter Athlet, der die 100 Meter unter 11 Sekunden lief."

Wir haben 0:4 verloren und waren glücklich, denn wir hätten auch 0:10 verlieren können.

Carlo Ancelotti

Die Zahlen des Grauens für Ancelotti & Co.: 4:0 Tore für Jena, 19:2 Eckbälle, 27:3 Torschüsse. Und der Schwede Liedholm, dieser von Meyer noch heute als "Gentleman" geschätzte Trainer, ist fassungslos: "Mir ist unbegreiflich, dass wir nach dem 0:2 nicht für mehr Entlastung sorgten durch eigene Angriffe." Stürmerstar Bruno Conti, der 1982 mit Italien Weltmeister wird, bleibt zur Pause in der Kabine. Roberto Scarneccia kommt für ihn und sieht nach 49 Minuten für ein Nachschlagen gegen Lothar Kurbjuweit vom Schweizer Referee André Daina die Rote Karte. "Wir haben 0:4 verloren und waren glücklich, denn wir hätten auch 0:10 verlieren können", sagt Ancelotti heute. "Diese Niederlage ist unvergesslich. Wenn ich Jena höre, denke ich immer an dieses Spiel. Ich freue mich, nach 36 Jahren zurückzukehren."

Ancelotti: "Ich hoffe, am Freitag läuft es anders"

Für die Thüringer, die am Freitag Ancelottis Bayern nach vier Zu-Null-Siegen als Spitzenreiter der Regionalliga Nordost empfangen und einen Nachwende-Zuschauerrekord von 18.800 Zuschauern aufstellen werden, ist der Triumph gegen Rom am Weltmusiktag der Beginn einer Reise durch Europa, die erst im Finale endet.

Jena schaltet unter Meyer nach dem AS Rom den FC Valencia, Newport County und Benfica Lissabon aus. Im Finale von Düsseldorf unterliegt Carl Zeiss am 13. Mai 1981 Dinamo Tiflis mit 1:2 - trotz Führung.

Ancelotti bleibt insgesamt acht Jahre beim AS Rom, ehe er 1987 zum AC Mailand weiterzieht. Er wird mit der Roma viermal Pokalsieger und 1982/83 Meister. Er feiert viele Triumphe, mit Rom, später mit Milan (zweimal Europacupsieger des Landesmeister, zweimal italienischer Meister) - und erlebt in Jena, am Fuße der Kernberge, eine seiner schwärzesten Stunden. "Ich hoffe", sagt er 36 Jahre später, "am Freitag läuft es anders." Und Bielau, der gegen Ancelottis Römer seine Sternstunde erlebte? Er trainiert heute einen Kreisoberligisten und arbeitet als Sporttherapeut sowie im Sommer als Rettungsschwimmer.

Steffen Rohr

Ancelotti: Seine Stationen, seine Titel