Champions League

Ajax Amsterdam: Zu gut, um so gut zu bleiben

Wie de Ligt & Co. ins Champions-League-Halbfinale stürmten

Ajax Amsterdam: Zu gut, um so gut zu bleiben

Die Überraschung der Champions-League-Saison: Ajax Amsterdam.

Die Überraschung der Champions-League-Saison: Ajax Amsterdam. Getty Images (3)

Was Niko Kovac im Dezember wohl nicht dachte: Die zwei Punkte in zwei Spielen gegen Ajax, so schmeichelhaft der eine vor allem im Hinspiel ausfiel, waren eine gute Ausbeute. In Erwartung der "großen Gegner" im Achtelfinale holten die Münchner immerhin den Gruppensieg - und scheiterten im Achtelfinale an Liverpool. Ajax wurde Zweiter - und blamierte Real Madrid und Juventus Turin.

Jetzt steht diese Mannschaft, die zusammen halb so teuer war wie Cristiano Ronaldo, zum ersten Mal seit 23 Jahren im Champions-League-Halbfinale und ist bei Wettanbietern plötzlich der Favorit gegen den Tabellendritten der Premier League (der zugegebenermaßen auf Harry Kane und Heung-Min Son verzichten muss).

Spielersteckbrief Tadic
Tadic

Tadic Dusan

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F. de Jong

de Jong Frenkie

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David Neres

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ten Hag

ten Hag Erik

75-Millionen-Mann de Jong kam 2015 für einen Euro

Dieses Ajax ist eine spezielle Geschichte, und vor allem eine gute. Eine Geschichte von Spielern, die 3,95 Euro weniger kosteten als eine Zahnbürste im eigenen Fanshop (Frenkie de Jong, kam 2015 für einen Euro); die als Kinder schon in Ajax-Bettwäsche schliefen (Matthijs de Ligt, Donny van de Beek); die den FC Southampton ziemlich dumm dastehen lassen (Dusan Tadic); und die vor allem richtig gut Fußball spielen.

Zum ersten Mal in der CL-Geschichte hat ein Team drei Qualifikationsrunden überstanden und es bis ins Halbfinale geschafft. Die Pflichtspielsaison begann für Ajax bereits Ende Juli 2018 gegen Sturm Graz. Vielleicht endet sie am 1. Juni 2019 in Madrid.

"Der Gegner ist egal - wir können jedem wehtun"

Mit einem ballorientierten und furchtlosen Hochgeschwindigkeits-Fußball haben Tadic & Co. in dieser Saison über 160 Tore geschossen und noch alle Chancen aufs Triple. "Wir spielen unseren Fußball", sagt der 30-jährige Tadic, der nach vier Jahren Premier League in Southampton hochkarätigere Angebote hatte, sich aber für Ajax entschied und in 51 Partien mit 34 Toren und 21 Vorlagen überragte. "Der Gegner ist egal. Wir können jedem wehtun." Wie recht er hat.

Dass das Weiterkommen gegen Juventus im Viertelfinale keine Riesen-Überraschung mehr war, sagt eigentlich alles. In der Runde zuvor war Real Madrid, der dreifache Champions-League-Sieger in Serie, im Bernabeu völlig überrollt worden. Mit zwei Favoriten auf den Titel spielte Ajax Katz und Maus - und ist gerade deshalb so erfrischend.

In Zeiten, in denen sich der deutsche Vizemeister beim englischen Meister trotz elf Verteidigern zehn Gegentore einfängt, ist Ajax der Beweis, dass es doch noch ein Gegenmittel gibt gegen die Millionen in Manchester und Paris: Fußball.

Griezmann bringt es mit einem Tweet auf den Punkt

Wieso sonst sagte Trainer Erik ten Hag, einst Reservecoach beim FC Bayern, nach dem Sieg in Turin: "Man konnte sehen, dass Juventus und Real ein bisschen Angst vor uns hatten. Wir waren nicht die Favoriten, aber mit unserer Philosophie haben wir wieder mal unser Limit überschritten." Wieso sonst twitterte Antoine Griezmann, von Juventus aus dem Wettbewerb geschmissen: "Fußball, bravo." Ten Hag hat Ajax wieder zu einer Ajax-Mannschaft geformt.

Frenkie de Jong

Demnächst öfter gegen Real: Ajax-Stratege Frenkie de Jong. imago

De Jong (21), der "Quarterback", musste unter Ten-Hag-Vorgänger Marcel Keizer noch neben de Ligt (19), dem Golden Boy und jüngsten Kapitän der Vereinsgeschichte, in der Innenverteidigung aushelfen. Jetzt kann der Ein-Euro-Einkauf, der im Sommer für 75 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselt, als offensiver Sechser im 4-3-3-System neben Routinier Lasse Schöne (32) das Spiel aufziehen; auch weil neben de Ligt Rekordeinkauf Daley Blind (29, 16 Millionen Euro) de Jongs Part übernimmt.

Ajax wird ziemlich sicher zerfallen - bis dahin ist vieles möglich

In eigenem Ballbesitz wird aus dem 4-3-3 ein 2-2-5-1-System, in dem die Außenverteidiger Nicolas Tagliafico (26) und Noussair Mazraoui (21) vorpreschen, van de Beek (22), der eigentliche Zehner, zwischen die Flügelzange David Neres (22) und Hakim Ziyech (26) zieht, und Dusan Tadic als falsche Neun noch eine Reihe vorrückt. Defensiv fallen Neres und Ziyech zurück und bilden eine Fünferreihe im Mittelfeld. Ten Hag setzt zwar ab und zu auch auf den echten Stoßstürmer mit Klaas Jan Huntelaar (35) oder Kasper Dolberg (21), gegen Tottenhams robuste Innenverteidigung aus Jan Vertonghen (32) und Toby Alderweireld (30, beide ehemals Ajax) dürfte diese Variante aber wohl keine Rolle spielen.

Auszuschließen ist bei dieser Mannschaft, getragen von einer Euphoriewelle, vor dem Halbfinale nichts mehr. Ihr bleibt auch nichts übrig, als den Moment so lange auszukosten, wie es nur geht. Denn das wird nicht mehr lange sein. De Jong ist schon verkauft; de Ligt könnte ihm nach Katalonien folgen, auch Ziyech (40 Scorerpunkte in 44 Spielen), Neres (27 Scorerpunkte) oder Tagliafico stehen viele Türen offen.

"Darüber reden wir im Moment nicht", verspricht Schöne. "Wir wissen alle, dass die großen Klubs mit einem großen Koffer voll Geld kommen, und ich weiß, dass wir nächstes Jahr nicht das gleiche Team haben werden. Aber bis dahin spielen wir immer noch um drei Titel." Und wie sie spielen.

Mario Krischel

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