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Villarreal-Star im Porträt: "Santi Cazorla, du bist eine Legende"

Spanier verlor fast das Bein - und kämpfte sich zurück

"Santi Cazorla, du bist eine Legende"

Ein ganz besonderer Typ: Santi Cazorla.

Ein ganz besonderer Typ: Santi Cazorla. imago images

Der Fußball hat allerhand Geschichten zu bieten. Die einen lassen einen staunen, die anderen lassen einen jubeln - oder sie sorgen einfach für pure Gänsehaut. Die Geschichte von Santi Cazorla veranlasst einen zu allem davon. Der Spanier, aktuell 35 Jahre alt, spielt mittlerweile wieder bei seinem Jugendverein Villarreal und sorgt dort mit starken Leistungen für Furore. Eine Leistung, die auf den ersten Blick nicht sonderlich außergewöhnlich erscheint. Doch blickt man auf die Karriere und Leidensgeschichte des Spaniers, dann dürfte einem als Fußballfan warm ums Herz werden.

Begonnen hat Cazorla seine Karriere als Fußballer bei Real Oviedo, ging 2012 dann nach Villarreal. Beim "Gelben U-Boot" spielte er von 2002 bis 2011, mit einem kurzen Zwischenstopp bei Recreativo Huelva in der Saison 2006/07. 2008 wurde er zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen und mit "La Furia Roja" in diesem Jahr gleich Europameister. 2012 folgte der nächste EM-Titel, die Karriere des Spaniers hatte längst Fahrt aufgenommen. 2012 wagte er sich aus Spanien heraus und ging auf die Insel zum FC Arsenal. Er war sofort feste Stütze bei den Gunners, machte in seinen ersten drei Saisons 106 Ligaspiele (23 Tore) und lief 20-mal in der Champions-League-Hauptrunde auf.

Folgenschwere Verletzung 2013

2013 verletzte sich Cazorla bei einem Testspiel mit Spanien gegen Chile in der 20. Minute am rechten Knöchel, ließ sich allerdings nicht auswechseln und spielte durch. Eine Entscheidung, die rückblickend gesehen große Auswirkungen auf die Karriere des Offensivmannes hatte. Es folgten etliche Verletzungen an Fuß, Knöchel und Knie. Der Spanier musste sich fortan insgesamt zehn Operationen unterziehen und erlebte unzählige Rückschläge. "Ich bin ein Puzzle", sagte er viele Jahre später beim "Guardian".

2016 letztes Spiel für lange Zeit

Cazorla kämpfte sich zunächst immer wieder zurück, spielte oft mit Schmerzen. Eine Dauerlösung konnte das freilich nicht sein. Am 19. Oktober siegte Arsenal in der Champions League mit 6:0 gegen Ludogorez Rasgrad, Cazorla wurde in der 57. Minute ausgewechselt. Es sollte für lange Zeit sein letztes Fußballspiel gewesen sein. "Die Halbzeit brachte mich um, denn alles wurde kalt. Ich ging angeschlagen in die zweite Hälfte und die Schmerzen wurden schlimmer und schlimmer. In der folgenden Nacht habe ich geweint und geschrien, es wurde zu viel. Ich musste aufhören. Dann haben die Probleme angefangen", erzählt der Spanier.

Von England nach Spanien zur Behandlung

Es entwickelte sich eine komplizierte Verletzung in seinem rechten Bein. Eine Wunde wollte nicht wirklich verheilen, somit gab es eine Entzündung. "Es begann ein Theater von Operationen und dann war die Wunde offen. Es hat sich infiziert, die Bakterien haben gefressen und gefressen. Es wurde nie herausgefunden, was für Bakterien es waren", berichtet Cazorla, dem in dieser Zeit wenig Hoffnung auf die Fortsetzung seiner Karriere gemacht wurden: "Sie haben mir gesagt: Mach dir keine Gedanken über das Fußballspielen, konzentrierte dich nur darauf, ein normales Leben wiederzukriegen und mit deinen Kindern Ball spielen zu können. Aber ich habe das nicht so wichtig genommen, weil ich dann schon entschieden habe, nach Spanien zu gehen, wo sie mir andere Dinge erzählt haben."

Sehne aufgefressen, Knochen beschädigt

Cazorla ließ seine Familie in London, ging nach Vitoria und ließ sich im Krankenhaus in Salamanca behandeln. "In London haben sie entschieden, dass ich nie wieder spielen kann. In Spanien sagten sie: Santi, es sieht schlecht aus, aber wir werden kämpfen", schöpfte der Spanier neuen Mut für die Fortsetzung seiner Karriere. Sein Fuß wurde erneut operiert, die Ärzte mussten sehen, wieviel von der Achillessehne die Bakterien aufgefressen hatten. Beim Blick ins Bein wurde dann noch ein anderes Problem klar. "Sie wussten erst nicht, wieviel von der Sehne beschädigt war. Sie haben mir gesagt, sie müssen meinen Fuß öffnen - und als die das getan haben, sahen sie, dass ich zehn Zentimeter der Sehne verloren habe. Ich hatte Glück, sagten sie, es hätte mehr sein können. Als die Sehne wieder repariert wurde, sahen sie, in welchem schlechten Zustand der Knochen war. Er war wie Knetmasse, das war sehr gefährlich", berichtet der Profi, der nicht nur vor dem Ende seiner Karriere stand, er lief auch Gefahr, sein rechtes Bein zu verlieren.

Es gab Nächte, da sagte ich zu meiner Familie: Es ist vorbei. Morgen sage ich dem Physio, ich kann nicht mehr weitermachen.

Santi Cazorla

Tattoo wird geteilt

Bei der Operation wurden Teile der Haut seines linken Arms ans rechte Bein transplantiert. Ein Tattoo, das den Namen seiner Tochter India zeigte, wurde somit quasi in zwei Hälften gerissen. Für Cazorla ging der Kampf weiter, er konnte sich damals auf seinen Verein Arsenal verlassen, der trotz seinen Verletzungen immer wieder zu ihm stand und seinen Vertrag verlängerte. "Ich bin sehr dankbar dafür", so Cazorla über die Gunners und Trainer Arsene Wenger. Für den Spanier lief es in der Reha oft schleppend, es ging nicht viel voran. "Es gab Nächte, da sagte ich zu meiner Familie: Es ist vorbei. Morgen sage ich dem Physio, ich kann nicht mehr weitermachen. Es war hart, wenn du siehst, es gibt keine Verbesserung", berichtete der Offensivmann. Aber angetrieben vom eigenen Willen und dem Wunsch, wieder auf den Platz zurückzukehren, ackerte der kleine Spanier weiter in der Reha.

Neuer Anlauf bei Villarreal

Seit Oktober 2016 hatte Cazorla kein Spiel mehr gemacht, im Mai 2018 konnte er erstmals wieder am Mannschaftstraining teilnehmen. Einen Vertrag bei Arsenal bekam er damals aber nicht mehr, somit wäre er ab Sommer arbeitslos gewesen. Doch dann kam sein alter Jugendverein Villarreal und gab dem Techniker eine Chance, für ihn die vielleicht letzte im Profibereich. Am 18. August 2018 machte der Spanier wieder ein Pflichtspiel, stand für das "Gelbe U-Boot" gegen Real Sociedad auf dem Rasen. Eine ewige Leidenszeit mit fast zwei Jahren ohne Fußballspiel war vorbei. Und Cazorla nahm richtig Fahrt auf, lief in der vergangenen Saison 35-mal in der Liga auf, traf dabei viermal und legte zehn weitere Treffer vor.

Nach 1299 Tagen zurück im Nationalteam

Die starken Leistungen blieben auch Nationaltrainer Luis Enrique nicht verborgen. Im Sommer 2019 kehrte er nach 1299 Tagen zurück in den Kreis der Nationalmannschaft. Zuletzt war er im November 2015 beim 2:0 gegen England für die "Furia Roja" aufgelaufen. Er selbst beschrieb die Rückkehr in der "Marca" als "undenkbar". Am 7. Juni gab er beim 4:1 gegen Färöer sein Comeback.

Cazorla wird gefeiert

Der Spanier hielt sein Niveau und war daher nicht mehr wegzudenken aus dem Nationalteam. "Wenn jemand mir gesagt hätte, dass das nach der Saison passieren wurde, ich hätte es nicht geglaubt. Es waren zwei harte Jahre mit Verletzungen und ich weiß, dass ich 34 Jahre alt bin und es somit schwer ist, zurück ins Nationalteam zu kommen", sagte Cazorla im vergangenen Juni. Im November siegte Spanien 7:0 gegen Malta, Cazorla stand von Beginn an auf dem Rasen und erzielte einen Treffer. Anschließend wurde er in den Medien gefeiert. Die "Marca" titelte: "Mr. Santi Cazorla, du bist eine Legende". Zudem forderte das Medium: "Die Geschichte des Abends war die Dominanz von Santi Cazorla. Sein Kampf und seine Entschlossenheit sollten in Schulen in ganz Spanien gezeigt werden. Das ist toll, sich mit 34 Jahren von solchen harten Verletzungen zurückzukämpfen und wieder in seine beste Form zu kommen."

Mittlerweile ist Cazorla 35 Jahre alt und knüpft weiter an seine besten Tage an. In 24 Saisonspielen erzielte er für Villarreal in dieser Spielzeit starke acht Tore und bereitete sechs weitere Treffer vor. Und bei so einer Geschichte mit so einer Leidenszeit dürfte es wohl wenige Fußballfans geben, die ihm das nicht gönnen. Der ein oder andere hat vielleicht sogar Gänsehaut.

Mirko Strässer