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"Kopfsalat" mit Dressing Elfmeterschießen

Wie Argentiniens Carlos Roa zu seinem Spitznamen kam

"Kopfsalat" mit Dressing Elfmeterschießen

Carlos Roa

Moment der Freude: Carlos Roa nach der entscheidenden Parade gegen Englands David Batty. picture alliance

Mittlerweile ist er fast 51 und in den USA Torwarttrainer. Bei den San José Earthquakes. Und Erschütterungen, positive wie negative, gab es in der Karriere des Carlos Roa allerhand, den sie in seiner fleischlastigen Heimat Argentinien ob seiner veganen Ernährungsweise nur "Kopfsalat" nennen.

Siege mit Mallorca gegen das große Barça

Bei Altmeister Racing Club groß geworden, gewann der Keeper mit dem kleinen Klub Lanus 1996 die Copa Conmebol, Südamerikas Pendent zum damaligen UEFA-Cup. Anfang 1998 wechselte Roa nach Spanien zu Mallorca und holte mit dem Inselklub die Supercopa - in den Finalspielen im August gewann der Außenseiter zweimal gegen den von Louis van Gaal trainierten FC Barcelona.

Spielersteckbrief Roa
Roa

Roa Carlos Angel

Argentinien - Vereinsdaten
Argentinien

Gründungsdatum

01.01.1893

San Jose Earthquakes - Vereinsdaten
San Jose Earthquakes

Gründungsdatum

15.06.1994

Vier Monate zuvor, also im April 1998, hatten Roa und Mallorca das Pokalfinale gegen eben dieses Barça erst im Elfmeterschießen verloren. Dabei hielt Roa gleich drei Elfmeter - und verwandelte einen selbst. Doch am Ende siegte Favorit Barça 5:4.

Bei der WM 1998 in Frankreich war Roa dann Argentiniens Stammkeeper - und wurde am 4. Juli durch das 1:2 im Viertelfinale gegen die Niederlande aus allen Titelträumen gerissen. Während Stunden später das von Berti Vogts trainierte Deutschland in Lyon 0:3 gegen Kroatien unterging, wurde Argentinien im Nachmittagsspiel in Marseille von Dennis Bergkamp gestoppt: Der Offensivspieler war mit einem Assist und einem Tor der Matchwinner. Sein Siegtreffer per Außenrist nach einem 50-Meter-Pass von Frank de Boer ist WM-Geschichte. Keeper Roa war chancenlos.

Tage zuvor, am 30. Juni, war der Torwart mit zwei gehaltenen Elfmetern im Shoot-out des legendären Achtelfinales gegen England noch der Matchwinner gewesen.

"Auf geht's, Kopfsalat"!

Carlos Roa (3.v.li.)

Grenzenloser Jubel: Die argentinischen Spieler um Keeper Carlos Roa (3.v.li.) nach dem Weiterkommen gegen England. picture alliance

Unvergessen am Rio de la Plata (und auch an der Themse), wie sich nach dem 4:3 Argentiniens im Elfmeterschießen Nationaltrainer Daniel Passarella und sein Assistent Americo Gallego vor Freude im feinen Tuch auf dem Rasen des Stadions von Saint Etienne wälzten. Roa hatte die Schüsse von Paul Ince und David Batty gehalten. "Grande Lechuga", großartig Kopfsalat, jubilierte der argentinische TV-Kommentator. Und: "Toda la Argentina con vos." Ganz Argentinien ist mit dir.

Owens Traumsolo und Beckhams Blackout

Gabriel Batistuta hatte Argentinien in der 6. Minute per Foulelfmeter in Führung gebracht, Alan Shearer bereits in der 10. ausgeglichen. Ebenfalls per Foulelfmeter. In der 16. Minute raste dann der damals 18-jährige Michael Owen durch das gesamte Mittelfeld und wuchtete sich mit einem Traumtor in die Geschichtsbücher.

Carlos Roa (li.), Michael Owen (#20)

Michael Owen (#20) erzielte in der Partie gegen Roa ein Traumtor. picture alliance

Javier Zanetti glich unmittelbar vor der Halbzeit für Argentinien zum 2:2 aus, dabei blieb es - mit Ausnahme des Platzverweises gegen David Beckham nach einem Revanchefoul an dem heutigen Atletico-Madrid-Trainer Diego Simeone.

Anders als Posterboy Beckham stand aus englischer Sicht Michael Owen positiv im Mittelpunkt. Der Youngster vom FC Liverpool behielt auch im Elfmeterschießen supercool die Ruhe - ein neuer Star war geboren. Einer, der 2001 Europas Fußballer des Jahres wurde und später zu den "Galacticos" von Real Madrid wechselte. Die vorhergesagte Weltkarriere schaffte der Stürmer dann aber doch nicht.

Aus religiösen Gründen: Ausstieg statt ManUnited

Eine große Karriere hatte auch Roa nicht, obwohl er in der Gruppenphase der WM 1998 ohne Gegentor geblieben war. Nach dem Turnier wollte der damalige Beckham-Klub Manchester United Roa verpflichten, doch der eigenwillige Torwart stieg 1999 einfach aus dem Business aus. Nach insgesamt 16 Länderspielen. Aus religiösen Gründen.

Als Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten könne er es nicht mit seinem Gewissen verbinden, am Samstag bzw. Sabbat zu arbeiten. "Es sollte damals so sein. Ich habe es so in mir gespürt, es machte mich damals glücklich", sagte Roa erst vor wenigen Wochen.

Doch schon im Jahr 2000 hatte der Keeper sein Comeback gegeben, Fußball war eben doch zu schön. Es folgten Stationen erneut bei Mallorca, wo er noch unter Vertrag stand, und später bei Albacete und Olimpo de Bahia Blanca in Argentinien. Mehr war sportlich nicht mehr.

Carlos Roa

Heute ist Roa Torwarttrainer in den USA bei den San Jose Earthquakes. imago images

"Keiner weiß, wie alles gekommen wäre, hätte ich die Pause nicht gemacht oder wäre gar zu Manchester United gewechselt. Aber ich stehe zu meiner Entscheidung. Mir hat sie damals für meine persönliche Entwicklung geholfen", sagt Roa.

Und doch passierte noch viel mehr. Schon Jahre zuvor hatte sich Roa mit Malaria infiziert. Später wurde bei dem Keeper Hodenkrebs diagnostiziert. Er meisterte auch diese Prüfung, seine vielleicht schwerste. Erschüttern kann ihn nichts mehr. Sagt er. Erst recht kein sportliches Erdbeben mit den Earthquakes.

Jörg Wolfrum

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