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"Zeit der Luftschlösser ist vorbei": Die SG Wattenscheid baut neu auf

Oberliga Westfalen

"Zeit der Luftschlösser ist vorbei": Die SG Wattenscheid baut neu auf

Lohrheidestadion

Es soll vieles anders werden rund um das Lohrheidestadion. imago images / Hans Blossey

"Nie war mehr Aufbruch als jetzt!" - seit Ende 2019 schwebt dieser Slogan über der SG Wattenscheid 09: In frischer Bergbau-Optik präsentiert man sich im Netz, veröffentlicht regelmäßig den aktuellen Dauerkarten-Absatz, informiert transparent über Projekte - und hat den sogenannten "Pöhler-Countdown" installiert, der enthüllt, wann der nächste Neuzugang vorgestellt wird.

Borussia Dortmund und Bayern München heißen die Gegner schon lange nicht mehr, dass sie nun aber auch nicht mehr Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen, sondern bald TSG Sprockhövel und TuS Ennepetal heißen werden, trübt die Aufbruchsstimmung des SGW-Anhangs nicht, der geradezu nach Vernunft und Ordnung zu lechzen scheint, danach, den Alltag eines normalen Fußballvereins zu leben, auch wenn der bald 'nur' Oberliga heißt. Denn wie so oft ging auch hier, mitten im Ruhrgebiet, dem Aufbruch ein schmerzhafter Niedergang zuvor.

Um die jüngere Geschichte nachzuerzählen, bräuchte man viel Platz. Nach den Bundesliga-Jahren der 90er begann für Wattenscheid eine Berg- und Talfahrt durch den höheren Amateurfußball. Im Sommer 2007 war die Lage dann schon einmal bedrohlich, eine Insolvenz konnte gerade noch abgewendet werden. Doch die meisten grauen Haare beim Anhang verursachte die SG 09 wohl in den letzten beiden Jahren: Im Juli 2018 stieg ein Hamburger Start-up als Investor ein und wollte Wattenscheid zum "digitalisiertesten Verein Europas" machen - mit Kurs Profifußball. Der Zechen-Verein aus dem Herzen des Ruhrgebiets plötzlich digitale Speerspitze? Viel Zeit, darüber nachzudenken, hatte man als Fan nicht, denn zwei Monate später war die Zusammenarbeit wieder Geschichte.

Die Folgen, zäh wie Kaugummi, ließen den Regionalligisten am ökonomischen Abgrund wandeln: Es gab Spendenaktionen, Mahnwachen, mit dem ehemaligen Schalker Vorstandsvorsitzenden Josef Schnusenberg ein neues Aufsichtsratsmitglied, außerdem kam Peter Neururer als Sportdirektor (und nannte das Engagement nach ein paar Wochen den "größten Fehler in meiner Karriere"). Doch auch ein "Retterspiel" mit Schalke 04 half nichts. Nachdem der Geldgeber sich endgültig zurückzog, musste Wattenscheid im Oktober 2019 den Spielbetrieb der ersten Herrenmannschaft in der Regionalliga einstellen. Ein Wirrwarr aus großen Hoffnungen und ebenso großen Vorwürfen blieb zurück.

Neustart in der Oberliga

Als sich abzeichnete, dass eine Insolvenz nicht verhindert werden konnte, kamen mit Christian Fischer (Vorstand Finanzen) und Christian Pozo y Tamayo (Vorstand Sport) zwei Männer ins Spiel, die von allen Misstönen, Fehlern und Luftschlössern unbelastet waren. "Das Zahlenwerk war erdrückend", erklärt Pozo y Tamayo, "wir hätten 600.000 Euro bis zum Jahreswechsel zusammentragen müssen. Es blieb nur mehr das Ziel, den Verein, die Nachwuchsarbeit zu retten." Es gelang - und damit auch die Grundsteinlegung des Neuanfangs.

Die neuen Gesichter im Vorstand können durchaus als "Fachmänner" bezeichnet werden. Fischer ist Unternehmensberater, Pozo y Tamayo, heute mit einem Fachhandel für Arbeitsschutzprodukte selbstständig, arbeitete zunächst lange als Sportjournalist, dann für den VfL Bochum als Pressereferent und Videoanalyst. Was aber mindestens ebenso wichtig scheint: Beide sind sie "Wattenscheider", dem Verein seit Jahren verbunden, und sie sind mit dem Ziel angetreten, eine Vereinsfinanzierung auf breite Füße zu stellen, für nachhaltige Konzepte und stabile Strukturen zu sorgen. "Vor allem müssen wir wieder ein bodenständiger Ausbildungsverein werden - die Zeit der Luftschlösser ist vorbei", sagt Pozo y Tamayo.

"Der Verein muss organisch, muss aus sich heraus wachsen"

Christian Pozo y Tamayo

Die Veränderungen sind sichtbar, so sticht etwa ein neues Sponsorenkonzept ins Auge, das für alle Interessierten, je nach finanziellem Spielraum, ein passendes Paket bietet - auch da steckt mit dem Marketingberater Stefan Beermann ordentlich Sachverstand dahinter. Es scheinen diesmal keine Männer der großen Versprechungen zu sein, die sich der SGW annehmen, keine, die von Bundesligarückkehr, von Kryptowährungen, einem E-Sport-Team von Weltrang und auf "künstlicher Intelligenz basierenden Datenanalysen" reden. In Pozo y Tamayos Sätzen schwingt immer auch das Bewusstsein mit, dass es ein Unterfangen mit offenem Ausgang ist. "Der Verein muss organisch, muss aus sich heraus wachsen", sagt er. Keine hochtrabenden Pläne, keine externen Geldgeber, "sonst funktioniert das nicht".

Die Rahmenbedingungen, die sie mit dem Geld vieler beteiligter Unternehmen aus der Region erzeugen, sind das Fundament - doch wie schafft man es, eine Oberliga-Mannschaft aus dem Nichts auferstehen zu lassen, ohne den Fehler zu wiederholen, sich finanziell zu übernehmen? Es sind zwei Namen, erklärt Pozo y Tamayo, die dafür verantwortlich seien. Zunächst ist da Norman Jakubowski, Innenverteidiger aus dem letztjährigen Regionalliga-Kader, der geblieben ist, als sich die Mannschaft in alle Himmelsrichtungen verstreute, "es war sein Netzwerk, das uns dabei geholfen hat", sagt Pozo y Tamayo, der selbst über ein solches im Amateurbereich nicht verfügt. Und viel sei über den neuen Trainer gelaufen, Christian Britscho, auch er ist im regional höherklassigen Fußball verankert. Britscho sei einer von den Trainern, bei dem "die Spieler dankbar sind, wenn er anruft", erklärt Pozo y Tamayo.

Extrem herausfordernd, extrem spannend

Der 50-Jährige hat nun die Aufgabe, aus einem komplett neu zusammengestellten Kader eine funktionierende Mannschaft zu bilden. Das kann nun Hölle oder Himmel für einen Coach sein, aus Britschos Sicht ist es eher Letzteres: Er spricht von einer Chance, "die man in einem Trainerleben nicht zweimal bekommt. Wir starten hier in der Lohrheide quasi bei Null und können alle Mosaiksteinchen neu zusammenfügen. Das ist extrem herausfordernd, aber auch spannend", wird er auf der Homepage der Wattenscheider zitiert. 26 Spieler haben ihre - aufgrund des laufenden Insolvenzverfahrens bislang noch mündliche - Zusage für die kommende Saison gegeben, Spieler, "die zum Teil noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung stehen, aber fast durchweg eine sehr gute fußballerische Ausbildung genossen haben", so Pozo y Tamayo. Er betont, dass man ein reiner Amateurverein sei: Niemand sei festangestellt, keiner - auch die Spieler nicht - verdiene im Monat mehr als 450 Euro. Auch Britscho habe man nicht mit Geld gelockt, "sondern mit dem spannenden Projekt, das gerade entsteht".

Wie das einmal enden soll, mit diesem Projekt, darüber will man keine Prognose abgeben. "Wir haben den Grundstein gelegt. Wo wir in fünf Jahren sind, das ist nicht zu kalkulieren", sagt Pozo y Tamayo. Man wisse ja noch nicht mal, was die aktuelle Corona-Zeit aus dem Fußball mache. Und dennoch ist er guter Dinge: "Anfangs war da vor allem Unsicherheit, ob es funktioniert. Jetzt fängt es an, Spaß zu machen."

Jan Mauer