Tennis

Zverev: "Denke, dass Thiem, Tsitsipas und ich die heißesten Anwärter sind"

Deutschlands Nummer eins im Interview

Zverev: "Denke, dass Thiem, Tsitsipas und ich die heißesten Anwärter sind"

Alexander Zverev

Wann folgt die Wachablösung? Alexander Zverev bläst zum Angriff auf Federer & Co. imago images

Herr Zverev, derzeit steht die Tennistour still. Sie spulen in Florida dennoch Ihr Trainingspensum ab. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Ich stehe jeden Morgen um 7.45 Uhr auf und dann trainiere ich von 9 Uhr bis 13.30 Uhr. Am Nachmittag trainiere ich dann noch einmal von 17.30 Uhr bis 20 Uhr. So sieht mein Tagesablauf ungefähr aus.

Inwieweit wird dieser von der langen Turnierpause beeinflusst? Setzt man jetzt beispielsweise mehr auf Fitness als auf das Schlagtraining?

Ich mache ungefähr zweimal am Tag Fitnesseinheiten und einmal Tennistraining. Normalerweise wäre das andersherum. Wenn ich die nächsten vier bis fünf Monate nicht spiele, bringt es nichts, viel Tennis zu trainieren. Deswegen mache ich mehr Fitness und achte auf den Aufbau des Körpers, damit dieser für die nächsten paar Jahre hält. So eine Chance bekommt man für den Körper nicht noch einmal.

In Acapulco schien es wieder Probleme mit dem Aufschlag zu geben. Kann die derzeitige Phase auch eine Chance sein, um derartige Probleme zu beseitigen?

Ja. Es geht momentan viel um den Aufschlag und die Rückhand. Ich versuche, diese Dinge zurückzubekommen. Ich versuche natürlich auch, weitere Dinge zu verbessern. Dazu zählt zum Beispiel das aggressive Tennis und das Netzspiel. Ich versuche die Punkte so zu gestalten, dass ich der aktivere Spieler bin. An so etwas kann man gut arbeiten, weil man jetzt die Zeit dazu hat.

Die Saison begann nach den enttäuschenden Auftritten beim ATP Cup mit dem Halbfinaleinzug bei den Australian Open doch noch sehr gut. Was lief in Melbourne anders als bei den bisherigen Grand-Slam-Turnieren?

Ich hatte viel Ruhe. Ich habe beim ATP Cup nicht so gut gespielt - auch, weil ich ein bisschen krank war. Ich hatte nicht so viel Energie. In den zehn Tagen vor den Australian Open habe ich dann sehr viel trainiert. Ich habe meinen Aufschlag unglaublich verbessert und von der Grundlinie viel besser gespielt. Ich hatte in allen Aspekten meines Lebens viel Ruhe. Ich hatte meinen Vater, mein Team und meine Freundin da. Ich konnte mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich wusste, dass es ein Grand-Slam-Turnier ist und ich mein bestes Tennis spielen muss. Deswegen konnte ich das auch tun.

Haben Sie sich daher nun auch für die kommenden Turniere vorgenommen, sich im Vorfeld selbst viel Ruhe zu geben?

Ja. Es muss halt alles so laufen, dass ich mir um nichts Gedanken oder Sorgen machen muss. Mein Team hat in Australien eine große Rolle gespielt. Alle waren bei der Arbeit mit mir sehr fokussiert und haben auch viele Dinge gemacht, die sie nicht machen müssen. Die haben sie nur gemacht, weil sie wussten, dass ich diese jetzt brauche.

Welche Sachen waren das zum Beispiel?

Mein Fitnesstrainer Jez (Green, Anm.) hat stundenlang Videoanalysen gemacht von Spielen, die ich vor ein paar Jahren bestritten hatte - beispielsweise hat er sich angeschaut, was ich beim Aufschlag gemacht habe. Ich habe jedem seine Aufgaben gegeben und jeder hat diese auch außerhalb des Platzes erledigt.

Die mediale Aufmerksamkeit schien in Deutschland dennoch nicht allzu groß zu sein. Werden Ihre Erfolge in Deutschland Ihrer Meinung nach genügend gewürdigt? Schließlich sind Sie als 23-Jähriger die Nummer sieben in einer Weltsportart.

In Deutschland ist Fußball die Sportart Nummer eins. Das wird auch immer so bleiben. Ich denke, dass Tennis vor allem durch die drei Grand-Slam-Erfolge von Angelique Kerber sehr weit nach vorne gekommen ist. Auch, als ich 2018 die ATP Finals gewann, bekam Tennis viel Aufmerksamkeit. 2019 war kein gutes Jahr für Angie und für mich. Im Großen und Ganzen aber denke ich, dass Tennis auch in Deutschland sehr viel Aufmerksamkeit bekommt.

Hat der Fußball in Deutschland Ihrer Meinung nach dennoch eine zu große Bedeutung? Haben andere Sportarten in Deutschland überhaupt eine Chance?

Die Bedeutung ist nicht zu groß, nein. Wir sind 2014 Weltmeister geworden. Deutschland ist im Fußball eine der besten Nationen der Welt - warum soll der Fußball dann eine zu große Bedeutung haben? Natürlich wünsche ich mir, dass Tennis mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich denke aber, dass der Fußball dadurch nicht leiden sollte.

Immer wieder sieht man auf Ihren Social-Media-Kanälen, dass sie zum Beispiel mit Spielern des FC Bayern München in Kontakt sind. Wie würden Sie generell Ihre Beziehung zum Fußball beschreiben?

Ich habe viel Kontakt mit Thomas Müller und Mats Hummels. Mit ihnen habe ich auch einmal eine Challenge gemacht. Auch mit Joshua Kimmich habe ich ab und zu Kontakt. Ich habe auch Miroslav Klose kennengelernt. Er mag den Tennissport auch sehr. Fußballer sind für mich sehr interessant, weil sie in Deutschland sehr erfolgreich und berühmt sind. Das sind die besten Fußballer der Welt. Daher ist es sehr interessant zu sehen, wie sie trainieren, was sie machen und wie sie sich auch mental auf die Spiele vorbereiten. Deswegen habe ich vor den Jungs Riesenrespekt.

Im Fußball werden in dieser Saison wohl noch einige Geisterspiele stattfinden, auch im Tennis könnte es zu diesen kommen. In Hamburg, wo ab 13. Juli der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden könnte, prüft man beispielsweise "alle Optionen". Wie bitter wäre es, zuhause ohne Zuschauer zu spielen?

Ich würde - unabhängig von den Zuschauern - lieber spielen als dies gar nicht zu tun. Natürlich würden mir die Zuschauer helfen, das haben sie auch im vergangenen Jahr. Wir müssen aber erstmal schauen, was gesundheitlich für alle am besten ist. Vielleicht wird sich die Lage bis dorthin verbessern. Eventuell lässt man in ein Stadion auch nicht 10.000 Fans, sondern nur 3.000 bis 4.000. Ich hoffe einfach, dass das Turnier stattfindet.

Sie würden also fix in Hamburg spielen, wenn das möglich ist?

Ich würde es mir erhoffen. Ich habe mit dem Turnier noch keinen Kontakt gehabt, aber ich hätte sehr gerne, dass unsere Tour dort anfängt.

Ich sage immer, dass ich liebend gerne für Deutschland spiele.

Alexander Zverev

Enden würde die Tour plangemäß mit der Davis-Cup-Endrunde in Madrid. Spielt dieses Turnier in Ihren Planungen eine Rolle? Im Vorjahr hatten Sie ein Antreten ja noch kategorisch ausgeschlossen.

Ich bin gegen das neue Davis-Cup-Format. Es ist nicht mehr der Davis Cup, dem wir als Spieler aufgrund seiner Historie so viel Wert zumessen. Ich sage immer, dass ich liebend gerne für Deutschland spiele und hoffentlich auch alle drei Disziplinen bei Olympia bestreiten kann. Ich spiele auch den ATP Cup gerne und habe auch den Davis Cup geschätzt - solange es noch der echte Davis Cup war. Ich finde einfach, dass es jetzt nicht mehr der echte Davis Cup ist. Wenn wir bis November kein Turnier spielen und in Madrid das erste Turnier ist, wäre ich aber schon heiß, wieder einmal Tennis zu spielen. Deswegen müssen wir mal schauen.

Spielt es eine Rolle, dass mit Novak Djokovic und Dominic Thiem zwei Hochkaräter in der Gruppe warten würden?

Wir spielen gegen Serbien und Österreich? So genau habe ich das gar nicht gewusst. Das ist dann natürlich eine Top-Gruppe. Eine bessere wird es nicht geben. Aber gut, wir werden sehen.

Kommen wir zu einem etwas anderen Thema: Am Rande der Australian Open meinten Sie, dass die Spieler den medialen Druck durch Social Media viel stärker zu spüren bekommen als dies vor 20 Jahren der Fall war. Haben Sie mittlerweile - auch durch Ihr Management - einen guten Umgang mit den sozialen Medien gefunden?

Bei Instagram war ich schon immer lieber als bei anderen sozialen Plattformen. Ich habe mir dann auf Facebook und Twitter dennoch einen Account gemacht. Trotzdem bin ich auf Instagram am aktivsten - das wird wohl auch weiterhin so bleiben. Mein Management erklärt mir schon ein paar Sachen. Es ist mittlerweile wichtig, mit den Fans in Kontakt zu bleiben. Ich war immer jemand, der alles privat hielt - auch, was Training und Beziehungen anbelangte. Jetzt nutze ich die sozialen Medien, um die schönen Dinge meines Lebens zu zeigen und Einblicke ins Training zu geben. Ich hoffe, den Leuten gefällt es.

Er spielt unglaublich gut.

Alexander Zverev über Stefanos Tsitsipas

Einer, der auf Social Media schon immer sehr aktiv war, ist Stefanos Tsitsipas. Genau wie bei Ihnen steht bei ihm bislang ein Grand-Slam-Halbfinale zu Buche, zudem gilt er als einer Ihrer größten Konkurrenten für die Zukunft. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Das eine Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier und der Sieg bei den ATP Finals sind die einzigen beiden Dinge, die wir gemein haben. Ich habe auch noch drei Titel bei ATP-Masters-1000-Turnieren geholt und zwei weitere Grand-Slam-Viertelfinals erreicht. Ich habe viel, viel mehr Final- und Halbfinaleinzüge bei Masters-Turnieren. Er spielt aber unglaublich gut. Das vergangene Jahr war mit dem erstmaligen Erreichen der Top Ten so etwas wie sein Durchbruch. Ich habe immer gesagt, dass das erste Jahr einfacher ist als das zweite. Ich habe die Jahre 2017 und 2018 auf Weltranglistenposition vier beendet und dann herausgefunden, dass es immer schwieriger wird, diese Position zu halten. Jeder muss für sich herausfinden, wie man was macht. Er ist gut genug, um das auch zu schaffen. Es wird aber jeder seine Zeit dafür brauchen.

Sie haben es selbst schon angesprochen, dass jüngere Spieler bei Masters-Turnieren schon Titel holten. Bei Grand-Slam-Turnieren führte aber noch kein Weg an den Großen Drei vorbei. Warum ist es gerade beiden vier Majors für die jungen Spieler so schwierig, erfolgreich zu sein?

Jeder muss für sich wissen, woran es liegt. Bei mir war es so, dass ich oft in den ersten Runden unnötig lange gespielt habe. In Australien war das komplett anders. Bis zum Viertelfinale habe ich keinen Satz abgegeben. Das war sehr angenehm und ich hatte das Gefühl, dass ich relativ frisch in die zweite Woche starten kann. Die Top-Jungs machen gerade das so gut. Wenn sie besser sind, dann sind sie einfach besser und geben keinen Satz ab. Sie verbringen so wenig Zeit wie möglich auf dem Platz.

Wer wird Ihrer Meinung nach der erste Spieler der neuen Generation sein, der ein Grand-Slam-Turnier gewinnt?

Thiem und Zverev

Halbfinal-Aus: Alexander Zverev gratuliert Dominic Thiem bei den Australian Open. imago images

Es gibt eine Reihe an Spielern - Dominic Thiem gehört hundertprozentig dazu. Ich denke schon, dass ich dort auch dazugehöre. Ich habe von den jungen Spielern die größten und meisten Turniere gewonnen. Dominic Thiem war aber schon dreimal in einem Finale eines Grand-Slam-Turniers. Das ist auch ein Unterschied. Tsitsipas muss ich auch in diese Gruppe tun. Er spielt schon seit einem Jahr wahnsinnig gutes Tennis. Dann kommt beispielsweise auch noch Medvedev dazu. Ich denke aber, dass Thiem, Tsitsipas und ich die heißesten Anwärter sind.

Tennis wird immer die nächsten Superstars haben.

Alexander Zverev

Ist Tennis also auch in Zukunft in guten Händen? Das sind ja doch sehr unterschiedliche Spielertypen.

Ja. Wenn man 20 Jahre zurückblickt, hat man sich auch gefragt, was nach Sampras und Agassi kommt. Und dann kamen Federer und Nadal, etwas später dann Djokovic und Murray. Tennis wird immer die nächsten Superstars haben. Tennis ist ein internationaler Sport, der immer gute Spieler haben wird. Wer weiß, wer nach Federer, Nadal und Djokovic kommt? Wir als junge Spieler sollten aber versuchen, die großen Turniere zu gewinnen, während sie noch da sind. Dann würden wir beweisen, dass wir besser sind und nicht erst gewinnen können, wenn sie nicht mehr spielen. Momentan gibt es für sie auch noch keinen Grund, mit Tennis aufzuhören - sie gewinnen ja alles. Deswegen müssen wir schauen, dass wir anfangen, dort mitzuspielen. Das tun wir bereits manchmal. Medvedev war im Finale der US Open, Thiem stand in drei Grand-Slam-Endspielen und ich hatte im Halbfinale der Australian Open auch Chancen, ins Finale zu kommen. Ich dachte, dass es dieses Jahr langsam zu einer Wachablösung kommt. Momentan spielen wir aber alle nicht. Deswegen ist es schwierig, das zu beurteilen. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Eine Überlegung ist, dass Tennis zunächst nur in nationalen Ligen und ohne Weltranglistenpunkte ausgetragen wird.

Wie stehen Sie zu diesem Modell? Was würde das für einen Unterschied machen?

Bei den nationalen Ligen würden ja auch Zuschauer kommen. Da könnte man gleich normale Turniere spielen. Was die ATP machen könnte, ist, die Turniere in wenig stark betroffene Regionen zu verschieben. Zum Beispiel könnte man - wenn sich die Situation in Amerika nicht beruhigt hat - die ursprünglich für Mai avisierte Sandplatzsaison im August oder September austragen. Madrid, Rom und Hamburg könnten dann in diesem Zeitraum stattfinden. Das wäre völlig egal. Hauptsache, wir spielen! Wenn sich die Situation im Laufe des Jahres in Amerika beruhigt, könnten wir dort spielen. Wir müssen uns anpassen.

Interview: Nikolaus Fink

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