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Warum immer weniger Kinder Fußball spielen

Alarmglocken beim DFB schrillen

Warum immer weniger Kinder Fußball spielen

Christian Streich im Gespräch mit zwei Einlaufkindern

Keine Lust auf Fußball? Freiburgs Trainer Christian Streich im Gespräch mit zwei Einlaufkindern. imago images

Sie kommen, immer noch, sehr gerne sogar. Begeistert, motiviert, mit einem Leuchten in den Augen und vielen Träumen im Kopf. Sie wollen kicken, dribbeln, passen, tricksen, tunneln, schießen, unbedingt, schießen! So viele Tore, wie es nur geht. Sie wollen rennen, lernen, grätschen, lachen, gewinnen, Pokale und Meisterschaften, mit ihren Freunden, mit ihrem Team. Das Problem ist nur: Sie bleiben nicht mehr. Sie hören auf, früher oder später, immer öfter früher als später, frustriert, gestresst, abgelenkt. Sie haben keinen Bock mehr oder keine Zeit oder beides. In einem Satz zusammengefasst: Die Kids lieben den Fußball, doch der Fußball ist dabei, sie zu verlieren.

Dem kicker liegen Zahlen vor, die belegen, dass sich der Deutschen liebster Sport Sorgen um seinen Nachwuchs machen muss. Nicht nur oben im Elitebereich, wo unterhalb der U 21 kaum noch Spitzentalente zu finden sind. Es ist die Basis, die nervös aufschreit, in vielen Städten wie in ländlichen Regionen kaum noch weiterweiß. Immer mehr Mädchen und Jungs springen ab, die meisten ab der B-Jugend (20 Prozent!), nicht wenige schon davor. Zwar kann der DFB weiterhin beeindruckende Mitgliederzahlen vorweisen, doch der Blick dahinter verheißt nichts Gutes. 15.000 Vereine bieten Jugendfußball an - 2,1 Millionen Jugendliche sind Mitglieder in einem Klub. Jedoch: Von 2009 bis 2019 hat der DFB 18 Prozent seiner Nachwuchsmannschaften verloren und neun Prozent seiner jugendlichen Mitglieder! 2019 wurden in Deutschland 3450 Jugendteams weniger gemeldet als 2018! Das sind alarmierende Werte, daher ist es kein Wunder, dass beim Verband Alarmstimmung herrscht.

Warum hören immer mehr Mädchen und Jungs auf? Was wird aus den Dorfvereinen, denen die Kinder weglaufen? Welche Spielformen sind für die Kids die besten? Meikel Schönweitz und Markus Hirte sprechen über Probleme und suchen nach Lösungen. Sie sitzen in der Bibliothek der DFB-Zentrale oben im ersten Stock und diskutieren zwei Stunden lang über das brisante Thema. Schönweitz (40) ist als Chef der U-Nationalmannschaften für die Elite zuständig, schon mit 14 hat er als Kindertrainer im heimischen Amateurklub angefangen. Hirte (57) ist Leiter der Talent- förderung und sehr erfahren. Ihre Botschaft an diesem draußen stürmischen Donnerstag ist die: Der DFB kann nicht alle Probleme lösen, aber er wird es versuchen.

Kinder sind in vielen Bereichen fremdgesteuert. Hier müssen wir gegensteuern, allgemein in der Gesellschaft und speziell auch im Verband.

Meikel Schönweitz

"Dieses Thema", sagt Schönweitz, "ist unglaublich vielschichtig. Nicht nur der Fußball verändert sich, es verändern sich auch die Gesellschaft, das Berufsleben, das Freizeitverhalten und die Bereitschaft, mit etwas, was ich angefangen habe, weiterzumachen." Hirte fügt kritisch hinzu: "Kinder können sich kaum noch frei entwickeln, haben weniger Entfaltungsmöglichkeiten, sie unterliegen immer engeren Vorgaben und mehr äußeren Einflüssen. Sie sind in vielen Bereichen fremdgesteuert. Hier müssen wir gegensteuern, allgemein in der Gesellschaft und speziell auch im Verband."

Fitnessstudios oder Musikschulen boomen, obwohl sie viel teurer sind

Im heutigen Nachwuchsfußball spielt einer gegen elf. Da hat der Fußball so viele Widersacher, die es ihm schwer, fast unmöglich machen, die Kinder über deren komplette Jugendzeit zu begeistern. Hirte legt bei der Gegnersuche los: "In den Städten gibt es unendlich viele Freizeitangebote, dafür fehlen Bolzplätze. Und auf dem Land kriegst du keine Mannschaften mehr zusammen, weil dir Betreuer oder Trainer fehlen oder die Familien in die Stadt gezogen sind." Da steckt in einer Aussage schon ganz viel drin: Die Metropolen klagen über fehlende Flächen oder den Sanierungsstau bei Sportstätten, Kinder stehen - in Berlin etwa - auf Wartelisten, weil sie gar nicht reinkommen in einen Verein. Gleichzeitig boomen Fitnessstudios oder Musikschulen, obwohl sie viel teurer sind, aber als moderner wahrgenommen werden, cooler.

Schönweitz liefert den nächsten Kontrahenten. "Die berufliche Situation bei vielen Menschen hat sich verändert", sagt er und verweist auf seine eigene Geschichte: "Mein Vater ist früher um acht zur Arbeit, um vier nach Hause und konnte um fünf Jugendliche trainieren. Das ist heute für viele nicht mehr gegeben. Betreuer und Trainer fallen weg, weil ihnen die Zeit fehlt."

Wir sollten mehr Freizeitangebote mit Schwerpunkt Fußball schaffen, die jederzeit nachmittags abrufbar sind. Ein Erlebnispark mit Toren zum Beispiel.

Markus Hirte

Die Zeit fehlt derweil auch den Kindern, die in Ganztagesschulen oder Horten ihre Nachmittage verbringen. Wer von 8 bis 16 Uhr in der Schule ist, hat oft um 17 Uhr nicht auch noch die Kraft oder die Lust auf Training. Für die Fußballklubs kann das nur heißen, dass sie Kooperationen mit den Schulen suchen sollten. "Wir müssen zu anderen Vereinsmodellen kommen, weil da eine höhere Flexibilität gefordert ist", erklärt Hirte, "zweimal Training dienstags und donnerstags von 16.30 bis 18 Uhr - das entspricht nicht mehr den Bedürfnissen der Eltern, die viele Termine haben." Seine Idee: "Wir sollten mehr Freizeitangebote mit Schwerpunkt Fußball schaffen, die jederzeit nachmittags abrufbar sind. Ein Erlebnispark mit Toren zum Beispiel. Eltern haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis, sie wollen wissen, ob ihre Kinder gut aufgehoben sind. Wenn Klubs und Schulen zusammenarbeiten und den Kindern gemeinsam eine gute Betreuung bieten würden, wäre das ein Gewinn für alle."

Wer setzt am häufigsten auf Talente? Das Bundesliga-Ranking

Beim Stichwort Schule rutscht Schönweitz etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her und geht noch einen Schritt weiter. "Ich sehe unser Schulsystem auf dem falschen Weg", kritisiert er, "alles, was kreativ ist, wird reduziert: Sport, Kunst, Musik. Es dominiert das theoretische Auswendiglernen, das praktische Anwenden kommt oft zu kurz. Das ist hochproblematisch." 80 Prozent der Kinder in Deutschland bewegen sich zu wenig, die körperliche Aktivität bei den 4- bis 17-Jährigen ist in den vergangenen zwölf Jahren um 37 Prozent zurückgegangen, sagt eine Studie aus dem Jahr 2018.

Viele Probleme schafft sich der Fußball selbst

Einflüsse von außen also fließen in dieses schwierige Spiel ein. Klar ist allerdings auch: Viele Probleme schafft sich der Fußball selbst. Da hören Achtjährige auf, weil der Trainer sie schon wieder angebrüllt hat, dass sie doch bitte ihre Position halten sollen. "Nicht über die Mittellinie!" Da werfen Zehnjährige die Schuhe in die Ecke, weil sie seit fünf Jahren im Tor stehen und noch nie draußen angreifen durften. Die anderen waren halt stärker. Da haben Zwölfjährige fünfmal den Verein gewechselt, denn immer dann, wenn der Coach sie auf die Bank gesetzt hat, riefen ihn am nächsten Tag die Eltern an, und beim dritten Mal nahmen sie ihr Kind aus dem Team. "Unverschämtheit, so was!" Da gibt es Jugendliche, die mit 14 aus dem Nachwuchsleistungszentrum eines Erstligisten fliegen und sich nicht zurück in ihren Heimatklub trauen. Sie sind ja Gescheiterte. Da zocken 16-Jährige lieber drinnen FIFA 20 statt draußen zu kicken. Und natürlich gibt es 18-Jährige, die nicht mehr wollen, weil sie im Abi-Stress sind oder verliebt oder genervt von der feindseligen Stimmung auf den Sportplätzen oder am Wochenende lieber feiern. Auch hier ist klar: Der DFB kann nicht alle abholen, "aber", so Schönweitz, "wir können die Rahmenbedingungen ändern und so vielleicht in die Köpfe der Menschen reinkommen".

Eine Wettkampf-Revolution ist bereits im Gange. Die Sechsjährigen etwa sollen nicht mehr im altehrwürdigen Sieben-gegen-sieben auf zwei Tore spielen, sondern "Fußball 3": drei gegen drei auf vier Mini-Tore. Alle müssen spielen, der Trainer kann kein Kind mehr neun von zehn Minuten auf die Bank setzen. Mehr Aktionen sollen an der Basis für mehr Spaß und an der Spitze für mehr Turbodribbler sorgen.

Du brauchst einen, der sich um alles kümmert: Steuern, Themen mit der Gemeinde, Sponsoren, Trainer. Das schaffen keine Ehrenamtlichen mehr.

Meikel Schönweitz

Eine Vereins-Revolution würde Schönweitz ebenfalls begrüßen. "Ich habe einen Vorschlag, für den ich gerne mal belächelt werde", berichtet er und nennt ihn: "Die Chance, dass Amateurvereine zukunftsfähig und erfolgreich sind, ist, dass du einen hauptamtlichen Mitarbeiter hast, den du aber auch bezahlen musst. Du brauchst einen, der sich um alles kümmert: Steuern, Themen mit der Gemeinde, Sponsoren, Trainer. Das schaffen keine Ehrenamtlichen mehr."

Dass das im ersten Schritt vermutlich über eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge gehe, sei klar, so der DFB-Mann, "doch dann überlebt ein Amateurverein". Hirte unterstützt ihn, auch wenn er weiß, "dass viele auf die Barrikaden gehen werden". Nur: "Zur Lösung gehört eine gewisse Professionalisierung der Amateurvereine in ihrer Struktur, ihrer Organisation. Hört sich sehr leicht an, ist sauschwer." Die Idee, einen Geschäftsführer einzuführen, gefällt ihm: "Der Hauptamtliche organisiert den Verein, plant Aktionen, die dann wiederum ein paar Euro in die Kasse spülen. Da steckt zunächst mit Sicherheit auch ein finanzielles Risiko drin, aber es nicht einzugehen führt ganz gewiss auch nicht zum Ziel."

Der Masterplan Amateurfußball 2024 soll helfen

Die beiden Männer sind erfahren genug, um sich ausmalen zu können, wie ihre Worte an der Basis ankommen: Die da oben beim DFB, die wissen mal wieder alles besser, aber wie helfen die uns? "Es gibt keine Generallösung, die kann der DFB nicht liefern. Wir können den Vereinen nur Handlungsoptionen eröffnen. Die Umsetzung liegt dann bei ihnen, angepasst an die Bedingungen vor Ort", stellt Hirte klar. Ein Ansatz ist es, interessierte Vereinsmanager besser auszubilden - oder überhaupt. Mit Online-Modulen, wie es sie für Jugendtrainer schon sehr gelungen gibt. Oder mit Lehrgängen. Der Masterplan Amateurfußball 2024, der gerade in Arbeit ist und im Juni im DFB-Vorstand die nächste Etappe nimmt, soll dabei helfen.

Noch 2020 ist der Start von acht Pilotprojekten geplant, darunter eine Vereinsberatungsmaßnahme ("Club 2024"), die Vereinsmanager-C-Lizenz und ein spezielles Qualifizierungsangebot für Kindertrainer. Schönweitz betont: "Es ist beim DFB nicht so, wie es oft heißt, dass hier nur Praxisfremde sitzen und Entscheidungen treffen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Hier arbeiten innovative Leute, die Bock haben, etwas zu ändern, die Fußball leben und Ideen haben."

Gute Ideen sind auch nötig, um den Aufhör-Trend im Nachwuchsfußball zu stoppen.

(Dieser Text erschien erstmals am 9. März in der Print-Ausgabe des kicker)

Bernd Salamon

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