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Julian Gressel im Interview: "Das hört meine Familie jetzt bestimmt nicht gerne"

MLS-Profi über seinen Wechsel nach DC und die WM 2022

Julian Gressel im Interview: "Das hört meine Familie jetzt bestimmt nicht gerne"

Julian Gressel

Meister, Pokalsieger, Publikumsliebling: Julian Gressel über seinen Abschied aus Atlanta. Getty Images (3)

Herr Gressel, warum hat Atlanta United den besten Vorlagengeber seiner noch jungen Franchise-Geschichte verkauft?

Keine Ahnung. (lacht) Ich wäre in mein letztes Jahr gegangen und wollte einen neuen Vertrag. Wir hatten viele Gespräche mit Atlanta, aber es hatte sich immer mehr angedeutet, dass sie nicht bereit waren, mir den Vertrag zu geben, den ich gerne gehabt hätte. Da ist alles auf einen Wechsel hinausgelaufen. Dass es jetzt so gekommen ist, ist okay. Damit habe ich mich abgefunden.

Sind die Verhandlungen also an den Gehaltsvorstellungen gescheitert?

Ja. Wir haben schon etwas länger verhandelt, auch im Vorjahr immer mal wieder, waren aber nie wirklich nah beieinander. Es hat sich herausgezögert, und ich wollte, dass im Winter etwas passiert.

Sie haben in der vergangenen Saison acht Tore und 13 Vorlagen beigesteuert, alleine drei Scorerpunkte in drei Play-off-Spielen, waren seit Tag eins dabei und dazu Publikumsliebling, sind Meister und Pokalsieger geworden. Verstehen Sie die Entscheidung der Verantwortlichen in Atlanta?

Ich verstehe, dass es nicht immer nur ums Sportliche geht; dass es immer noch ein Geschäft ist. Es muss für die Vereine mit den Salary-Cap-Bedingungen Sinn machen und Spielraum geben. Ich weiß nicht, wie viel Geld Atlanta hat oder nicht hat. Oder sie haben eben nicht gedacht, dass ich so viel wert bin, wie ich wollte. Die Verantwortlichen haben ihre Meinung, ich habe meine - wenn wir da nicht zusammenkommen, dann ist das okay.

Sind Sie enttäuscht über die fehlende Wertschätzung?

Das war der Grund, warum ich nicht weiter auf meinem alten Vertrag spielen wollte; warum ich wollte, dass etwas passiert. Ich hatte Tage dabei, da war es mental schon schwierig für mich. Da fährt man zum Trainingsgelände und weiß, was man leistet, aber die Wertschätzung fehlt. Deswegen wollte ich einen Verein finden, der mich entsprechend meiner Leistung so würdigt. Das hat zu der Lösung mit DC United geführt.

Julian Gressel

Angelehnt ans traditionelle Wrestling-Event "Wrestlemania", nannten Atlantas Fans ihren Liebling gerne "Gresselmania". Getty Images

Wurde dann einfach gesagt: 'Hey Julian, wir haben dich an DC United verkauft' - oder wie lief der Wechsel ab? Durften Sie da überhaupt mitreden?

Natürlich hätte der Verein auch einfach sagen können, dass ich nach New York, Vancouver oder wohin auch immer gehen "muss". So sind hier halt die Regeln. Wir haben aber aufgrund meiner Vertragssituation indirekt ein bisschen mitreden können. Es war klar, dass alle Klubs, die interessiert und bereit waren, fast eine Million Dollar für mich hinzulegen, auch langfristig mit mir planen. Das ist innerhalb der MLS wirklich viel Geld. Die interessierten Teams haben sich an uns gewendet und gefragt, was wir denn so verlangen. Das letzte Wort hatte trotzdem Atlanta - und da fiel die Entscheidung auf DC.

Wie ist das Gefühl als Spieler, wenn letztlich immer der Klub entscheiden kann, wie Ihre nähere Zukunft aussieht?

In gewisser Weise ist ein spannendes Element dabei, aber natürlich war es bei mir jetzt nicht so extrem. Ich wusste, dass ich zu einem Verein komme, der mir einen Vertrag nach meinen Vorstellungen anbieten wird. Deshalb war ich ziemlich offen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es auch Extrembeispiele gibt, in denen es für die Spieler nicht so toll läuft.

Wir wollten ja nicht unbedingt weg, aber jetzt schauen wir mal, wie das Leben außerhalb von Atlanta so ist.

Gressel über seine neue Heimat Washington DC

Gab es auch Möglichkeiten, nach Europa zurückzukehren?

Es gab ein paar lose Anfragen, die vielleicht reizvoll gewesen wären. Für mich war aber eigentlich immer klar, dass ich hier in den USA bleiben will, wenn es geht. Außerdem ist es schwer, mitten in der Saison bei einem europäischen Verein reinzukommen und sofort einzuschlagen. Da sind die Vereine in Bezug auf das MLS-Niveau schon noch skeptisch. Es waren auch Anfragen für einen Sommer-Wechsel da, aber so lange wollte ich nicht warten.

Zwischen Washington DC und Atlanta liegen ungefähr 900 Kilometer, da könnte der Deutsche auch von München nach Flensburg oder Kopenhagen ziehen. Trotzdem ist es für Sie wohl nicht der größtmögliche Tapetenwechsel, richtig?

Julian Gressel

Scorer-Garant in den Play-offs: Gressel traf zweimal und bereitete ein Tor vor, Atlanta scheiterte im Conference-Finale. Getty Images

Nicht so ganz. Es ist eine andere Stadt und eine andere Kultur, ich freue mich über diesen Schritt. Atlanta war super, ich werde immer positiv auf die Zeit dort zurückblicken. Wir wollten ja nicht unbedingt weg, aber jetzt schauen wir mal, wie das Leben außerhalb von Atlanta so ist.

Wie sind die ersten Eindrücke aus der Hauptstadt?

Sehr politisch, natürlich. Da muss ich mich jetzt auch noch ein bisschen intensiver mit befassen. DC ist nicht so eine richtige Großstadt, eher flach und klein, mit wenigen Hochhäusern, dafür aber auch sehr jung. Einmal, vor fünf oder sechs Jahren, habe ich die ganzen Touristenattraktionen gemacht, das muss ich jetzt mit meiner Frau noch nachholen.

Auf dem Papier ist Ihr neues Team personell etwas schwächer aufgestellt als Atlanta. Welche Chancen hat DC United?

Mit Wayne Rooney und Luciano Acosta sind zwei der wichtigsten Spieler der vergangenen Saison nicht mehr da. Auf der anderen Seite haben wir in Edison Flores (25, Mittelfeld, für über vier Millionen Euro von Monarcas Morelia aus Mexiko gekommen, d. Red.) und Yamil Asad, den ich schon aus Atlanta kenne, zwei gute Leute dazubekommen. Wir sind als Mannschaft, glaube ich, besser geworden. Auf dem Papier sind wir nicht die Favoriten, aber das ist ganz okay so. Wir sind eine coole Truppe und werden richtig schwer zu bespielen sein.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der neuen Mannschaft?

Ich bin nicht als Draft-Pick, sondern als gestandener Spieler hierhergekommen - da wird von Anfang mehr von mir erwartet. Nach den ersten Gesprächen mit dem Trainer (Ben Olsen, d. Red.) ist mir klar geworden, dass ich wohl nicht Rechtsverteidiger spielen werde. Er möchte, dass ich produktiv bleibe, Tore und Vorlagen beisteuere. Wir haben viele Spieler, die flexibel einsetzbar sind. Mal schauen, ob ich auf dem rechten Flügel beginne, auf der Acht oder auf der Zehn.

Der Klub hat mit der Ankunft von Rooney im Sommer 2018 sein neues Stadion, das Audi Field, eröffnet. Sportlich war der heute 34-Jährige bis zuletzt auch immer noch auf einem höheren Niveau aktiv. Wie fängt der Klub dessen Verlust auf und abseits des Platzes auf?

Rooney hatte eine Riesenqualität, aber der Klub geht jetzt nicht zwei Schritte zurück. Wir schlagen einen neuen Weg ein mit unbekannteren und günstigeren Spielern, die offensiv und defensiv gut arbeiten. Die Fans müssen sich auf die Sache einstellen: Keine großen Namen, sondern eine Mannschaft.

Das Audi Field in Washington DC

Gressels neue Heimat: Das Audi Field in Washington DC. Getty Images

Trotzdem wurde United zuletzt unter anderem mit Luka Modric in Verbindung gebracht, auch mit Mesut Özil. Ist ein großer Name in der MLS nicht notwendig, um mehr Aufmerksamkeit und Zuschauer zu generieren?

Es kommt immer auf die Mannschaft und den Markt an, wie der Verein denkt. "Wie können wir die meisten Fans begeistern?" In DC gibt es beispielsweise eine große peruanische Gemeinschaft, wo Edison Flores perfekt reinpasst. Rooney, Modric, Özil: Das sind Weltstars, die bei jedem Verein gut ankommen würden. Deswegen muss letztlich der Verein schauen, ob es passt und ob es Sinn macht.

Wir spulen mal vor bis zum Dezember 2020. Wann war es für Sie eine gute Saison?

Ähm... gute Frage. Also ich brauche erst mal ein neues Apartment, deshalb einen Schritt nach dem anderen. DC United hat seit drei Jahren kein Play-off-Spiel mehr gewonnen, das wäre für den Anfang ganz gut. Mit dem passenden Momentum...

Am 4. Juli - ausgerechnet - wartet das Auswärtsspiel in Atlanta. Haben Sie sich schon Gedanken über die Rückkehr gemacht?

Nicht wirklich. Ich freue mich drauf, es wird ein bisschen anders. Die Fans freuen sich glaube ich auch. Dieser Tag ist definitiv schön eingekreist im Kalender.

... dann wäre die WM schon ein Ziel.

Gressel über seine Pläne mit der US-Nationalmannschaft

Wie es der Zufall will, endet (ausgerechnet!) gegen Atlanta die Regular Season Anfang Oktober. Was wäre, wenn...?

Am besten haben wir zu dem Zeitpunkt beide unsere Play-off-Plätze gesichert, vor allem wir. (lacht) Dann kann man das Spiel auch ein bisschen mehr genießen. Aber das ist so weit weg.

Sie leben nun seit fast sieben Jahren in den Vereinigten Staaten und haben zuletzt angedeutet, vielleicht als US-Nationalspieler zur WM 2022 reisen zu wollen. Wie realistisch ist dieses Vorhaben?

Dadurch, dass ich hier geheiratet und im April letzten Jahres die Green-Card bekommen habe, dauert es drei Jahre, bis ich die Staatsbürgerschaft bekommen kann. Bis das also realisierbar ist, habe ich noch einen weiten Weg vor mir. Dann muss ich schauen, auf was für einem Level ich spiele, wo die Nationalmannschaft steht und ob es überhaupt Sinn macht. Wenn ich zu dem Zeitpunkt in der jetzigen Position bin, dass also auch der Nationaltrainer (Gregg Berhalter, d. Red.) über mich Bescheid weiß, wäre die WM schon ein Ziel.

Julian Gressel

Julian Gressel beendet das Kapitel Atlanta mit 20 Toren und 36 Vorlagen in 118 Pflichtspielen. Getty Images

Vor ungefähr zwei Jahren haben Sie die Bundesliga im kicker-Interview als "nächsten logischen Schritt" bezeichnet. Hat sich dieses Thema durch den Wechsel vorerst erledigt?

Außer es kommt in den nächsten anderthalb Jahren was richtig Konkretes. Danach wird es, glaube ich, immer schwieriger. Ich habe immer gesagt, dass es mir hier richtig gut gefällt und ich nicht unbedingt wegmuss. Der Traum von der Bundesliga wird bleiben, aber wenn die richtige Situation nicht kommt, werde ich meine Karriere nicht als gescheitert abstempeln.

Gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Profi-Karriere?

Langfristig, das hört meine Familie jetzt bestimmt nicht gerne, würden meine Frau und ich gerne in den USA bleiben und die Familie hier großziehen. Was ich genau nach der Karriere machen will, weiß ich noch nicht. Hoffentlich kann ich noch ein paar Jahre Fußball spielen.

Interview: Mario Krischel