Quarterback blüht bei den Titans auf

"Top Ten" in Tennessee: Die Wiedergeburt des Ryan Tannehill

Ryan Tannehill

Auf dem Weg zurück zu einem Stammplatz: Titans-Quarterback Ryan Tannehill. getty images

31 Jahre alt ist Ryan Tannehill mittlerweile. Den Ruf des "ewigen Talents" hat er nie so richtig ablegen können. Der gebürtige Texaner, der erst im College vom Wide Receiver zum Quarterback umgeschult wurde, war nach dem Draft 2012 als Heilsbringer bei den Miami Dolphins auserkoren wurden. An achter Stelle zog das Franchise aus Florida den Spielmacher damals, hoffte nach Jahren der erfolglosen Suche auf einen Nachfolger von Dolphins-Legende Dan Marino, der von 1983 bis 1999 für Miami auflief und einige NFL-Rekorde aufstellte.

Tannehills Zeit in Miami verlief im Großen und Ganzen nicht schlecht, aber eben auch nicht Marino-esk. Der Quarterback spielte weitgehend solide, machte wenig Fehler und ließ immer wieder sein zweifellos vorhandenes Potenzial aufblitzen. 2016 führte er die Dolphins sogar zu ihrer einzigen Play-off-Teilnahme in den letzten zehn Jahren, konnte bei der Niederlage gegen die Pittsburgh Steelers (12:30) dann aber verletzungsbedingt nicht mitwirken.

Der ganz große Wurf gelang Tannehill bei den Dolphins aber nie, für die großen Schlagzeilen sorgte er selten - auch weil der oft gute, aber eben nicht elitäre Quarterback das Gesicht eines Teams von eher unterdurchschnittlichem Potenzial werden sollte. Nach der vergangenen Saison fiel Tannehill dann den umfangreichen Umbau-Maßnahmen Miamis zum Opfer, wurde als einer von zahlreichen Spielern aussortiert und zu den Tennessee Titans getradet - für einen Viertrunden-Pick.

Mariotas Schwäche ist Tannehills Glück

Nicht gerade ein hoher Preis für einen Quarterback in der NFL. Tannehills Jahre als Starter in der Liga schienen vor der Saison gezählt, die Wandlung zum Back-up vollzogen - zumal die Titans in Marcus Mariota immerhin den Second-Overall-Pick des Drafts 2015 über eine klare Nr. 1 auf der Spielmacher-Position verfügten. Eigentlich.

Denn Mariota verlebte - wieder einmal - eine wacklige Saison, brachte kaum Konstanz in seine Leistungen (nur sieben Touchdowns in sechs Spielen). Die Chance für den verlässlichen Tannehill, der nach einer blamablen Offensiv-Leistung beim 0:16 in Denver Mariota als Starter ablöste und seitdem nicht nur die Titans-Fans verblüfft.

Ryan Tannehill bei seinem spektakulären Rushing Touchdown gegen die Jacksonville Jaguars.

Flug in die Endzone: Ryan Tannehill bei seinem spektakulären Rushing Touchdown gegen die Jacksonville Jaguars. imago images

Fünf seiner sechs Spiele hat Tannehill gewonnen, dabei unter anderem überraschend die Kansas City Chiefs geschlagen. Erreichte Tennessees Offensive mit Mariota noch in vier der sechs ersten Saisonspiele maximal 17 Punkte, legten Tannehill & Co. in den darauffolgenden sechs Partien immer mindestens 20 Punkte auf, im Durchschnitt sogar ganze 29,4. Ebenfalls beeindruckend: Seit seiner Beförderung zum Starter kam der Spielmacher in fünf von sechs Einsätzen auf ein Passer Rating über 100.

Die Titans und Tannehill: Das passt

Die Titans und Tannehill scheinen sich gesucht und gefunden haben. Der Quarterback profitiert derzeit - wie in Miamis Play-off-Saison 2016 mit Jay Ajayi - von einem funktionierenden Run Game der Titans mit Derrick Henry (496 Rushing Yards und fünf Touchdowns in den vergangenen drei Spielen) und einem quarterback-freundlichen System. Und das Team aus Nashville profitiert von Tannehill, der sich nicht nur geschickter in der Pocket bewegt und weniger Fehler macht als Mariota, sondern auch als Runner mit seinen athletischen Fähigkeiten überzeugt und eine vertikale Komponente in die Titans-Offense bringt. Tiefe Pässe brachte Mariota nur selten an, häufig versuchte er sie erst gar nicht.

Tannehill überzeugte zum Beispiel beim 31:17 über Indianapolis am Sonntag mit einem herrlichen 40-Yard-Touchdown-Pass auf Kalif Raymond. "Ein wunderschöner Pass", schwärmte der Receiver. "Der Ball war perfekt geworfen." Und nicht nur aus den eigenen Reihen gibt es Lob. CBS-Analyst Sean Wagner-McGough bezeichnete Tannehill jüngst als "Top-Ten-Quarterback in der Liga" und stufte seine aktuellen Leistungen damit höher ein als die von Aaron Rodgers (Green Bay), Matt Ryan (Atlanta) und Tom Brady (New England). "Er verdient einen Job als Starter in der nächsten Saison", schrieb Wagner-McGough.

Tennessee oder vielleicht doch Chicago? Wo spielt Tannehill nächste Saison?

Stellt sich nur noch die Frage: Wo? Tennessee wäre sicherlich die naheliegende Wahl, doch bei den Titans besitzt Tannehill nur einen Einjahresvertrag und wäre nach der Saison Free Agent. Als solcher könnte er auch für Teams mit Problemen auf der Quarterback-Position und keinem hohen Draft Pick im kommenden Jahr interessant werden, etwa für die von Mitchell Trubiskys Fehlern gebeutelten Chicago Bears. Allerdings könnte Tennessee den neuen Fanliebling auch mit dem Franchise Tag belegen, ihn so für ein weiteres Jahr an die Titans binden und verhindern, dass Tannehill auf den freien Markt kommt.

Zuvor aber soll der Spielmacher noch eines der eindrucksvollsten Comebacks der aktuellen NFL-Saison vergolden und die vor seiner Übernahme abgeschlagenen Titans doch noch in die Play-offs führen. Denn unter Tannehill hat sich das Team von 2:4 auf 7:5 verbessert und sich damit zurückgemeldet im Rennen um die begehrten Plätze für den Januar. Nur einen Sieg hinter den Pittsburgh Steelers und den Houston Texans liegen Titans aktuell - und gegen den Divison-Rivalen Houston tritt Tennessee noch zweimal an. Sollte der wiedergeborene Tannehill sein Team tatsächlich in die Play-offs führen, würde das Front Office in Nashville wohl kaum um eine Weiterbeschäftigung herumkommen.

mib

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