Warum es bei Schalke nicht funktionierte - in Norwich aber umso besser

Teemu Pukki: Die Geschichte vom Nationalhelden ohne Ellbogen

Teemu Pukki

Zuletzt in Hochform: Teemu Pukki traf für Schalke nicht oft, in England dafür umso mehr. Getty Images

Falls irgendwer Buch führt, zählt Teemu Pukki vermutlich zum großen Kreis der Stürmer, die es auf Schalke nicht geschafft haben. Oder die Schalke geschafft hat, je nach Sichtweise.

Achtmal traf Pukki in zwei Jahren für S04 - das sind immerhin drei Tore mehr als Chinedu Obasi in drei Spielzeiten zustande brachte und nur vier weniger als Franco di Santo in dreieinhalb Jahren erzielte oder Breel Embolo in drei.

Aber, und das unterscheidet Pukki von so vielen seiner ebenso glücklosen Vorgänger und Nachfolger: Er hätte vermutlich auch gar nicht treffen oder acht Eigentore schießen können und wäre nicht verdammt worden. Gerade jetzt, wo es bei Pukki besser läuft als je zuvor (trotz einer kurzen Durststrecke), freuen sich Schalke-Fans für ihren kleinen finnischen Lockenkopf, der gar kein Lockenkopf mehr ist und seit Anfang der Saison 2018 übrigens 27 Tore mehr erzielt hat als Guido Burgstaller und Mark Uth zusammen.

In Pukkis Heimatstadt gibt es mehr Boote als Häuser

Neulich meinte Pukki mal, das war kurz nachdem er sich an die Spitze der Premier-League-Torschützenliste geschossen hatte, Schalke sei vielleicht eine Nummer "zu groß" für ihn gewesen. Er musste erst wieder anderthalb Schritte zurückgehen, um dann einen nach vorne machen zu können. So wie das schon in seinen Teenager-Jahren passiert war.

Teemu Pukki

Auf dem Weg zur EM: Auch im Nationaltrikot trifft Pukki nach Belieben. Getty Images

In Pukkis Heimat, der kleinen Hafenstadt Kotka, gibt es mehr Boote als Häuser. In Kotka wird Fußball im Gegensatz zum Rest des Landes größer geschrieben als Eishockey, dort hat Pukki das Fußballspielen gelernt und neulich jemanden zum Grübeln gebracht. Nach Pukkis Dreierpack am 2. Spieltag gegen Newcastle hatte Stadtrat Joona Mielonen vorgeschlagen, das überdachte Trainingszentrum vom ortsansässigen Klub Kotkan Tyovaen Palloilijat nach Pukki zu benennen. Große Gegenwehr gab es nicht.

"Er ist gewissermaßen ein Nationalheld", sagt Michael Bailey, Norwich-Reporter für "The Athletic", dem kicker. Er hat Kotka besucht und mit alten Weggefährten von Pukki gesprochen. "Die Leute sind unglaublich stolz, dass sie quasi jemanden hervorgebracht haben, der im ganzen Land verehrt wird."

Sevilla zahlte eine Rekordsumme, aber es klappte nicht

In Norwich trifft Pukki seit 14 Monaten ohnehin nach Belieben, nun schoss er seine Nationalmannschaft auch noch mit sieben Treffern in der Qualifikation so gut wie zur EM - es wird Finnlands allererste Teilnahme an einem großen Turnier sein. Natürlich verliert in Kotka keiner ein schlechtes Wort über ihn. "Die Leute freuen sich, was für ein toller Mensch und toller Fußballer er geblieben ist", so Bailey.

Pukki war ja schon damals gut. Als 15-Jähriger schmissen ihn seine Trainer bei KTP ins kalte Wasser, zwei Jahre später war Pukki Finnlands Nachwuchsspieler des Jahres, hatte als erster Spieler des 1990er Jahrgangs in der ersten Liga getroffen und wechselte 2008 mit seiner Mutter nach Sevilla. Pukki war nie einer, der sich aufgedrängt oder viel geredet hat. Vielleicht auch deswegen wurde das Abenteuer Andalusien kein sehr positives. Anderthalb Millionen Euro hatte der damals amtierende UEFA-Cup-Sieger hingeblättert und Pukki damit zum Rekordverkauf der finnischen Liga gemacht, aber es klappte nicht. Es sollte, vor Schalke, seine erste Eine-Nummer-zu-groß-Erfahrung werden.

Teemu Pukki

Auf Schalke stürmte Pukki bisweilen an der Seite von Ikone Raul. Getty Images

Pukki kehrte Spanien den Rücken und ging 2010 als unglücklicher 20-Jähriger zurück nach Finnland. Befreit vom Druck fand Pukki bei HJK Helsinki zu alter Form und hob sich das Beste für die Europa-League-Play-offs gegen Schalke auf. Dreimal traf er in zwei Spielen und hätte Königsblau beinahe rausgeschmissen. "Zwei Tage später riefen sie mich an und sagten: 'Komm zu uns'", verriet Pukki der "Daily Mail". Er tat, wie ihm befohlen, doch es verlief nur ein bisschen besser als in Sevilla.

Noch heute tauchen Geschichten über den etwas schusseligen Pukki auf

"Als er bei Klubs war, wo er wirklich um seinen Platz kämpfen musste", erklärt Bailey, "hatte er Probleme." Manche Spieler suchen diese Konkurrenzsituation, Pukki nicht. "Er braucht Vertrauen. Die Ellbogen auszufahren und den Lauten zu machen, hat für ihn nicht geklappt, das ist auch nicht seine Art."

Deswegen lief es auch bei seiner nächsten Station Celtic Glasgow nicht. Also ging Pukki wieder einen halben Schritt zurück und wechselte nach Bröndby. Mit 24 Jahren klappte es endlich im Ausland, auch wenn Mama Pukki weiterhin die Wäsche waschen musste. Ohnehin tauchen noch heute Geschichten über den etwas schusseligen Pukki auf, der ohne Reisepass am Flughafen erschien oder Flüge für seine Freunde buchte - eine Woche, nachdem sie die gebraucht hätten.

Unter Zorniger "habe ich realisiert, dass Defensivarbeit gut für mich ist"

Immerhin auf dem Platz konnten sich seine Teamkollegen nun auf ihn verlassen. 72 Tore erzielte Pukki in 169 Einsätzen für Bröndby, profitierte am Ende seiner Zeit in Dänemark auch vom ehemaligen Leipzig- und VfB-Trainer Alexander Zorniger. "Er hat uns fit gemacht, und ich habe realisiert, dass Defensivarbeit gut für mich ist", freut sich Pukki heute.

Teemu Pukki

Mit 29 Toren schoss Pukki Norwich zurück in die Premier League. Getty Images

Im Frühsommer 2018 hatte Norwich City gerade eine mäßige Saison in Englands zweiter Liga beendet und den besten Spieler, James Maddison, für 25 Millionen Euro nach Leicester verkauft. Die Chancenverwertung der Canaries kam der einer Abstiegsmannschaft wie Sunderland gleich, und Geld war trotz des Maddison-Verkaufs nicht da. Sportdirektor Stuart Webber hatte Pukki als Verantwortlicher in Wolverhampton schon einmal im Blick gehabt, doch da machte Trainer Stale Solbakken nicht mit. Dieses Mal lief der Vertrag des Angreifers aus, und Webber, dringend auf der Suche nach Torgefahr, schlug zu.

Er ist instinktiv immer am richtigen Ort, hat ein absolut instinktives Finish.

Norwich-Trainer Daniel Farke über Teemu Pukki

Ihm war klar, dass Pukki derlei Chancen, wie Norwich sie unter Daniel Farke schon in der Vorsaison kreiert hatte, zumindest etwas besser nutzen würde. Farke fordert nach wie vor ein schnelles Umschalt- und Kombinationsspiel, Flanken von außen eher weniger. Ein wie maßgeschneidertes Spiel für Pukki, der fast ohne Haare und mit einem waschechten Wikinger-Bart im Osten Englands ankam.

Er zahlte das Vertrauen mit 29 Treffern, zehn Vorlagen und dem Aufstieg zurück. Nur ein einziges seiner Tore fiel durch einen Kopfball. "Er hat eine außergewöhnliche Qualität", erklärt sein Trainer dem kicker. "Gerade auch, was den Torabschluss angeht." Farke attestiert dem Finnen, der inzwischen Familienvater ist und vermutlich selbst die Wäsche macht, einen "absoluten Killerinstinkt. Er ist instinktiv immer am richtigen Ort, hat ein absolut instinktives Finish und ist absolut sicher im Abschluss. Er hat aber auch eine unfassbare Persönlichkeit und sich toll entwickelt."

Auch Bailey hat Pukki kennengelernt. Äußerlich sei der niedliche Lockenkopf zwar zum finnischen Holzfäller geworden, innerlich aber weiterhin "a really wonderful bloke". Ein wunderbarer Kerl.

Sieben Spiele ist Pukki gerade torlos, aber Farke bleibt ganz gelassen

Was Pukki in Spanien, Deutschland und Schottland nicht schaffte, holt er gerade in England nach. "Und er lässt sich von dem Hype, der letztes Jahr schon da war und jetzt noch mal größer geworden ist, absolut nicht anstecken", urteilt Farke. Nach fünf Toren in den ersten vier Premier-League-Spielen wurde Pukki als erster Profi in der Geschichte von Norwich City zum Spieler des Monats gewählt - vor Sergio Aguero, Raheem Sterling oder Mohamed Salah.

Sieben Spiele hat Pukki inzwischen nicht mehr getroffen, aber Farke, mit Norwich Tabellenletzter, bleibt gelassen. "Er ist ein ganz harter Arbeiter und ein super Typ für die Kabine, für die ganze Mannschaft. Er denkt mehr ans Team als an seinen persönlichen Torrekord und arbeitet unfassbar viel für die Mannschaft im Pressing. Er passt auch von seinen technischen Fähigkeiten super zu unserem Fußball. Er ist aktiv im Kombinationsspiel, immer anspielbar und ganz flexibel in seinen Bewegungen." Pukki sei "in ganz vielen Bereichen ein Topstürmer. Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben."

Ähnlich wie in Kotka sind die Einwohner Norwichs ein bisschen stolz. Im Moment ist er ja ihr Teemu. "Und wenn er möchte", scherzt Bailey, "kann er Norwich gerne zu seinem zweiten Zuhause machen."

Ganz so harmonisch war die Lage in Kotka zuletzt nicht, auch daran war Pukki schuld. Wegen der riesigen Nachfrage im Fanshop hatte Norwich City extra auf Versandkosten nach Finnland verzichtet, musste dann aber feststellen, dass die Rückennummer 2 im Fanshop aus war. Pukki, der wunderbare Kerl, trägt die 22.

Mario Krischel