Moskaus Ex-Sportdirektor Stoffelshaus im kicker-Interview

"Bene ist einer der Top-Verteidiger der Liga"

Benedikt Höwedes (li.)

Kehrt mit Lok Moskau in der Champions League nach Deutschland zurück: Benedikt Höwedes (li.). imago images

kicker: Herr Stoffelshaus, welche Chancen räumen Sie Lokomotive Moskau in Leverkusen ein?

Stoffelshaus: Die Gruppe ist natürlich knallhart. Wenn Loko international überwintern will, und damit meine ich nicht in der Champions League, dann muss es in den zwei Spielen gegen Leverkusen klappen. Bayer ist für mich zwar Favorit - aber chancenlos ist Loko auch auswärts keineswegs, allerdings sollte die Fehlerquote gegen null gehen.

Die ersten beiden Plätze in der Gruppe sehen Sie also klar bei Juventus und Atletico?

Bei allem Respekt vor Leverkusen, aber die beiden sind internationale Schwergewichte, die sich durchsetzen werden. Wir hatten 2018 im Achtelfinale der Europa League mit Loko schon das "Vergnügen" gegen Atletico: In Madrid 0:3 verloren, und beim 1:5 daheim hatten wir noch ziemlich Glück.

Ein Problem in Leverkusen könnte für Moskau die Offensive sein.

Stimmt. Jefferson Farfan fehlt, er leidet noch immer an der Knieverletzung von der Copa America. Auch Aleksey Miranchuk ist angeschlagen, und nach dem Abgang von Manuel Fernandes Richtung Krasnodar fehlt ein Spielmacher. Joao Mario, den Loko von Inter ausgeliehen hat, braucht offenbar erst noch Spielpraxis.

Dennoch blieb der Kader im Vergleich zu Ihrem Rücktritt vorigen Winter fast unverändert.

(Lacht.) Offenbar gab es eine nachhaltige Kaderplanung… Dennoch hätte man diesen Sommer sicher noch ein, zwei Transfers tätigen sollen, um die Mannschaft weiterzuentwickeln.

Vorige Saison setzte es in der Gruppenphase gegen Porto, Schalke und Galatasaray fünf Niederlagen.

Dabei war die Gruppe absolut machbar, zumindest die Europa League war drin. Allein wenn ich an das letzte Spiel gegen Schalke denke, das hätten wir wirklich gewinnen können, haben aber 0:1 verloren, weil die Mannschaft zu ängstlich gespielt hat.

Benedikt Höwedes erlitt am Samstag beim 1:0 in Sotschi eine Platzwunde am Kopf. Wie kann er der Mannschaft helfen?

Wenn er fit ist, ist Bene einer der Top-Verteidiger in der gesamten russischen Liga, der hinten auf fast allen Positionen spielen kann. Außerdem bringt er jede Menge Erfahrung ins Team ein.

Trainer Yuri Semin aber schien vorige Saison anfangs nicht überzeugt zu sein von Ihrem Weltmeister-Transfer.

Ich verstand die Kritik nicht so recht. Und Yuri Semin hat es sich dann ja auch recht zügig anders überlegt. Ich denke nicht, dass er den Transfer immer noch kritisch sieht.

Jefferson Farfan, ein weiterer Ex-Schalker, den Sie im Januar 2017 nach Moskau holten, ist inzwischen 34 Jahre alt. Sehen Sie sein Karriere-Ende nahen?

Nein. Jeff hat eine unglaubliche Mentalität. Er war schon oft abgeschrieben, auch als er damals 2015 Schalke Richtung Abu Dhabi verließ. Er ist immer wieder zurückgekommen. Wir verpflichteten ihn, als er vereinslos war, und bald darauf war er bei Loko mitentscheidend für Pokalsieg und die erste Meisterschaft seit 14 Jahren.

Ist der russische Klubfußball nach einem Zwischenhoch vor ein paar Jahren insgesamt wieder auf dem absteigenden Ast?

Schwer zu sagen. Es gibt weiterhin fünf große Klubs mit Zenit, dem FK Krasnodar und den drei Moskauer Großklubs Spartak, ZSKA und Loko. Diese fünf könnten zumindest in der Europa League durchaus eine gute Rolle spielen. In der Königsklasse kann nur noch Zenit den Anspruch haben, die nächste Runde zu erreichen - dank des Hintergrunds mit Gazprom und den vielen Zuschauern.

Was hat die WM den Vereinen gebracht?

Zumindest eine viel bessere Infrastruktur. Im Land wird die Liga inzwischen besser angenommen, auch wenn es noch ein großes Gefälle zwischen den Vereinen gibt. Und es kommen wieder vermehrt Spieler aus Westeuropa.

Neben Höwedes spielen mit André Schürrle und Maximilian Philipp zwei weitere Deutsche in der Premier Liga. Wie sehen Sie deren Rolle?

André Schürrle ist als Leihgeschäft samt Kaufoption für Spartak eine super Sache - aber das gilt auch umgekehrt. Er spielt bei einem guten Verein und kann sich wieder empfehlen. Bei Maximilian Philipp und Dynamo Moskau ist es anders. Der Verein hat zuletzt nicht oben mitgespielt. Man will dort ein neues Projekt starten, aber das wird Zeit brauchen. Der Saisonstart war ja auch nicht optimal.

Ein Problem in Russland bleiben offenbar die Fans. Es kommt immer wieder zu rassistischen Aktionen, etwa gegen Malcom, den 40-Millionen-Neuzugang von Sankt Petersburg.

Das will ich gar nicht kleinreden, es ist ein Problem. Aber eben nicht überall und - siehe den Fall Lukaku in Italien - auch keineswegs nur auf Russland begrenzt. Bei Loko beispielsweise gab es in den letzten Jahren keine Auffälligkeiten mehr. Der Staat, die Justiz und auch die Vereine müssen hier konsequent sein. Da darf es keine Kompromisse geben. Egal, wo.

Interview: Martin Gruener