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Wie kann die deutsche U 17 das übermächtige Spanien im EM-Halbfinale stoppen?

Loderer erklärt den Torjubel

Wie kann die deutsche U 17 das übermächtige Spanien im EM-Halbfinale stoppen?

Fiona Itgenshorst, Muriel Dürr und Johanna Hebben (v. li.) feierten nach dem Sieg über England den vorzeitigen Halbfinaleinzug.

Fiona Itgenshorst, Muriel Dürr und Johanna Hebben (v. li.) feierten nach dem Sieg über England den vorzeitigen Halbfinaleinzug. UEFA via Getty Images

kicker: Frau Loderer, Deutschland steht im Halbfinale, nachdem es zuletzt zweimal hintereinander nicht für die U-17-EM qualifiziert war. Ist das Turnier damit schon jetzt ein Erfolg?

Sabine Loderer: Grundsätzlich ist es ja schon einmal nicht einfach, sich für die Turniere zu qualifizieren. Der Modus ist wirklich hart, dieses ganz dünne Nadelöhr, die zweite Quali-Runde. Ich will uns nicht mit den vergangenen Jahrgängen vergleichen, weil es komplett andere Mädels waren. Es war unser erstes Etappenziel, sich überhaupt zu qualifizieren. Das zweite Etappenziel war das Halbfinale und damit verbunden die Qualifikation für die WM. Deswegen sind wir grundsätzlich schon mal stolz drauf. Aber wir haben hier noch mehr vor.

Ist es nur ein schöner Nebeneffekt, dass die Mannschaft bei der U-17-WM im Oktober und November in Marokko dabei ist, oder mehr?

Das ist ein ganz großes Ziel gewesen, weil es für Spielerinnen in dem Alter eine unglaublich wertvolle Erfahrung ist, so ein Turnier zu spielen - gegen andere Gegner, andere Spielstile. Außerdem haben wir dadurch die gemeinsame Geschichte dieser Mannschaft verlängert. Sonst wäre sie nach dem Turnier auseinandergegangen.

U-17-EM, Halbfinale

Bisher haben Sie alle drei Partien auf Kunstrasen gespielt, jetzt folgt der Wechsel auf Naturrasen.

Für die Mädels ist das nicht ganz ungewohnt, dass sie mal auf Rasen, mal auf Naturrasen spielen. Das kennen sie teilweise aus den Vereinen. Wir spielen eine variable Mischung daraus, mal die gegnerische Defensive zu überspielen und mal zu "zocken". Wenn du in Druckmomenten versuchst, den Ball laufen zu lassen, ist es schon wichtig, dass der Ball nicht ständig verspringt. Aber diese Umstellung haben alle Mannschaften jetzt, deswegen spielt es für uns keine große Rolle.

Wie zufrieden sind Sie ansonsten mit den Rahmenbedingungen vor Ort?

Nordirland ist ein sehr, sehr schönes Land. Wir waren gestern an der Küste und waren froh, mal aus der Stadt herauszukommen. Die Plätze in der Vorrunde waren kürzer und enger als UEFA-Standardmaß. Das macht es im Pressing leichter, dadurch wirst du wiederum schneller angelaufen. Aber darauf haben wir uns vorbereitet und dem Druck ganz gut standgehalten.

Wir sagen immer, dass das Team aneinander klebt.

Sabine Loderer

Vier Tore hat Ihre Mannschaft geschossen, an denen sieben verschiedene Spielerinnen beteiligt waren. Ist der Kader offensiv so ausgeglichen, wie die Statistik klingt?

Ja, wir haben insgesamt ein sehr ausgeglichenes Niveau. Die Mädels tragen sich gegenseitig und bringen sich gegenseitig zum Glänzen. Die Statistik untermauert das Ganze noch mal. Aber auch unsere Defensiven sind ganz nah dran, Tore zu machen - zum Beispiel in zwei Situationen gegen Nordirland. Vielleicht geht ja etwas gegen Spanien.

Zum Thema

Sie haben im dritten Spiel im großen Stil rotieren lassen und sechsmal gewechselt. Primär, um Kräfte zu schonen, oder um den Teamgeist zu beleben?

Das hatte mehrere Gründe. Zum einen hatten wir ja auch gelb-vorbelastete Spielerinnen. Zwar werden nach der Vorrunde die Karten gelöscht, aber wenn du dir im letzten Gruppenspiel die zweite Gelbe abholst, ist die Spielerin gesperrt fürs Halbfinale. Belastungsdosierung spielte auch eine Rolle, weil der Modus hier sehr hart ist. Und dann wollten wir auch die Mädels, die es sich gleichermaßen verdient haben, mehr Spielzeit zu bekommen, auch ins Rollen bekommen. Auch in einer nicht so eingespielten Konstellation haben wir das Spiel gegen Nordirland (0:1) dominiert, uns viele Chancen herausgespielt und sehr unglücklich verloren.

Immerhin hatte die Niederlage tabellarisch keine Auswirkungen.

Natürlich wollen wir immer gewinnen, aber man muss auch relativieren und akzeptieren, deswegen haben wir es schnell abgehakt. Man ist genervt kurz nach dem Spiel, aber wir können morgen im Halbfinale gegen Spanien spielen und wir haben etwas Großes vor.

Der Teamgeist scheint richtig gut zu sein, wenn man nach jedem Tor die Jubeltraube der Startelf gemeinsam mit der Ersatzbank sieht.

Wir arbeiten mit dem Team seit knapp 22 Monaten. Das ist für uns ein Schlüssel, um erfolgreich zu sein. Wir sagen immer, dass das Team aneinander klebt, dass da ein ganz großer Zusammenhalt ist. Das schreiben die Mädels sich auch auf die Fahne, dass jede in ihrer Rolle total wichtig fürs Team ist. Diesen Jubel haben wir seit der 1. Qualifikationsrunde. Da habe ich im Spaß hinterfragt, ob es so super ist, zur Eckfahne zu laufen, was ja eigentlich alle machen, und die Fotografen zu suchen. Seither haben wir viel schönere Bilder, die für das sprechen, was die Mannschaft ausmacht.

Man darf nicht vergessen, wie alt sie sind und dass sie noch nicht mit der Abgeklärtheit und Spielruhe spielen, wie es jemand macht, der zehn, 15 Jahre älter ist.

Sabine Loderer

Was klappt aus Trainerinnensicht spielerisch schon richtig gut?

Wir spielen sehr variabel in den Offensivphasen, haben verschiedenste Lösungen, überladen mal Räume, spielen mal lang, mal kurz. Das erarbeiten wir uns seit langem und das funktioniert mittlerweile sehr gut. Defensiv haben wir eine brutale Stabilität. Das ist unsere Basis von allem, dass wir kaum etwas zulassen und im Kettenverhalten im Detail sehr gut sind. So haben wir auch Phasen überstanden, wo wir nicht dominierend waren und gemeinsam einfach verteidigen mussten. Das machen sie echt sehr reif für das Alter.

Und was funktioniert noch nicht so?

Manchmal fehlt uns noch die letzte Präzision oder das letzte Timing vom Pass, ein bisschen mehr Ruhe. Aber man darf immer nicht vergessen, wie alt sie sind und dass sie noch nicht mit der Abgeklärtheit und Spielruhe spielen, wie es jemand macht, der zehn, 15 Jahre älter ist. Wir sind bisher echt zufrieden.

Bei beiden Gegentoren sahen die Torhüterinnen - einmal Mirja Kropp, einmal Anika Dübel - nicht gut aus. Wie gehen Sie als Trainerin damit um?

Auch jede Feldspielerin patzt mehrmals im Spiel, wenn sie einen Fehlpass spielt oder ihr mal ein Ball durchrutscht. Wenn einer Torhüterin das passiert, dann hat es meistens gleich eine größere Konsequenz. Das waren beides Situationen, bei denen wir komplett hinter den Mädels stehen, weil sie schon so viele Dinge festgehalten haben. Dann geht die nächste Feldspielerin hin, klatscht einmal auf die Schulter, wir holen den Ball zum Anstoß, weiter geht's. Die Mannschaft geht mit solchen Rückschlägen sehr gut um.

Man würde einen großen Fehler machen, wenn man das Thema Elfmeter jetzt erst angeht.

Sabine Loderer

Jetzt kommt Spanien: rein spielerisch wohl die beste Mannschaft, wie auch in allen anderen Altersklassen. Wie sehen Sie die Favoritenverhältnisse unter den letzten vier Teams?

Alle vier dürfen sich zu Recht Chancen auf den Titel ausrechnen. Es sind vier sehr unterschiedliche Mannschaften. Spanien ist typisch Spanien: mit ihrer eigenen DNA und sehr viel Barcelona-DNA. Technisch sehr gute Spielerinnen, die total das Gespür haben, wie sie sich zu positionieren haben, viel aufeinander reagieren, sehr gut ausgebildet sind. Denen kann man aber den Zahn ziehen, wenn man eklig ist und ihnen nicht viel Luft zum Atmen lässt.

Und die anderen beiden Halbfinalisten?

Die französischen Spielerinnen sind individuell sehr stark, in der Offensive mit einem ganz hohen Tempo ausgestattet. Gegen Frankreich wie auch gegen Spanien haben wir mit diesem Jahrgang schon zweimal gespielt, das waren jeweils sehr knappe Spiele. Das erwarte ich jetzt wieder. Und die Norwegerinnen hatten wir ja im ersten Spiel (3:1-Sieg zum Turnierauftakt, Anm. d. Red.). Sie sind sehr robust und agieren mit vielen langen Bällen, bei denen man immer wach sein muss, dass sofort wieder ein langer Ball nach unserem Ballverlust kommen kann.

Es wird keine Verlängerung im Halbfinale und Finale geben. Rückt das Elfmetertraining dadurch mehr in den Fokus?

Es spielt natürlich eine Rolle. Wir bearbeiten das Thema schon sehr lange. Man würde einen großen Fehler machen, wenn man es jetzt erst angeht. Wir versuchen, bei allen Länderspielen im Nachgang, wenn die Gegner das mitmachen, Elfmeter zu schießen. Weil du diesen Ernstfall mit einem anderen Team und diesem langen Weg mit Spannung im Training künstlich nur schwer herstellen kannst. Wir haben es in der Vorbereitung hier gemacht, im Lehrgang davor auch, im Trainingslager, das ist bei uns immer ein Thema. Da kann man ja schon Rituale entwickeln und Strategien entwickeln, wie man sich ein bisschen reguliert und in den Tunnel kommt.

Interview: Paul Bartmuß