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27.04.2018, 19:54

Besuch auf der Automesse von Peking

Auto China: Das Schlaraffenland hat aufgeholt

China ist der weltgrößte Automobilmarkt, für deutsche Hersteller gilt das Reich der Mitte als Schlaraffenland. Entsprechend intensiv kümmert man sich um die chinesischen Kunden, die so jung, so kaufkräftig und in digitaler Hinsicht so aufgeschlossen sind wie kaum irgendwo auf der Welt. Aber auch die einheimischen Hersteller holen auf. Neben den bekannten Namen wie Geely, Chery, Great Wall oder Dongfeng schießen schicke Start-ups aus dem Boden, deren hippe und oftmals elektrisch angetriebenen Fahrzeuge sich auch der westliche Käufer in seiner Garage vorstellen könnte.

Honqui-Showcar
Unauffällig geht anders: Farbenfrohe Coupé-Studie des ehedem erzkonservativen China-Herstellers Hongqi (Rote Flagge).
© ule

Die "Auto China" von Peking pflegte der westliche Besucher als die schrecklichste aller Automessen zu empfinden. Das Publikum ungehobelt, die Geräuschkulisse wüst und laut, die Stände schlecht ausgeleuchtet und eher provisorisch eingerichtet. Und wie die zahllosen Hersteller in den Messehallen hießen, blieb oftmals rätselhaft, denn die allermeisten Markennamen waren ausschließlich in chinesischen Schriftzeichen angeschrieben.

2018 hat sich da vieles geändert. Die Stände auf der bis zum 4. Mai geöffneten Messe zeigen sich schicker und professioneller, kaum traktiert mehr schrille Musik das Gehör des Messegängers, die Besucher verzichten weitestgehend darauf, sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen zu rammen oder auf die Füße zu steigen. Praktisch alle Automobilhersteller geben ihre Identität in englischer Schriftform preis. Dass weder die liebreizenden Mädchen an den Messeständen noch die vielfach zur Unterstützung abgestellten putzigen Roboter Englisch verstehen, zeigt letztlich nur, dass sich der riesige Automarkt Chinas noch immer selbst genug ist. Wer nach Informationen fragt, bekommt mit freundlichem Lächeln einen QR-Code zum Einlesen ins Smartphone unter die Nase gehalten, China ist wohl weiter und umfassender in die digitale Welt eingetaucht als jedes andere Land.

Schlaraffenland für deutsche Hersteller

Mercedes-Maybach Ultimate Luxury Concept
Vision Mercedes-Maybach Ultimate Luxury mit Elektroantrieb: Auf solche ultraluxuriösen XL-Crossover stehen die Chinesen.
© uleZoomansicht

Mit weitem Abstand ist der chinesische Automobilmarkt der größte der Welt, fast dreißig Prozent der Neuwagen sind 2017 im Reich der Mitte verkauft worden, gut 24 Millionen Autos mithin. Für deutsche Automobilhersteller gilt China als das Schlaraffenland schlechthin. Volkswagen, das sich schon seit den 1980er Jahren in China engagiert hat - zu einem Zeitpunkt also, als das Land noch als automobile Diaspora galt -, hat mit seinen Joint-Venture-Partnern FAW, SAIC und neuerdings JAC bis heute den Status des Marktführers inne. Nirgendwo auf der Welt verkaufen die Volkswagen-Konzernmarken Audi, VW, Porsche und Seat, aber auch Mercedes so viele Autos wie in China. Nirgendwo sind die Kunden so digital aufgeschlossen und so jung, nur 34,5 Lenze zählt der chinesische Neuwagenkäufer im Schnitt, in Deutschland ist er 52,8 Jahre alt.

Weil der chinesische Automobilmarkt also von essenzieller Bedeutung ist, darf der westliche Peking-Besucher über die durchaus demutsvollen Auftritte deutscher Konzernlenker staunen. Hingebungsvoll heben die Herren Zetsche (Daimler), Diess (Volkswagen) und Krüger (BMW) ihre Verbundenheit mit China hervor, rühmen das Reich der Mitte als zweite Heimat und entschuldigen sich, wenn der chinesische Kunde mit der Unannehmlichkeit einer Rückrufaktion behelligt werden muss. Dass solches Bedauern auch deutschen Käufern zuteil wird, ist kaum erinnerlich.

VW Lavida
SAIC-Volkswagen Lavida: Die Limousine - in Peking neu vorgestellt - bleibt China vorbehalten.
© uleZoomansicht

Zuckerbrot und Peitsche

Das Geschehen rund ums Automobil reguliert die chinesische Regierung mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits öffnet man den Markt, die derzeit noch hohen Einfuhrzölle - auf einen in Europa produzierten VW Touareg sind 40 Prozent draufzuschlagen - sollen sinken. Zudem wird der Joint-Venture-Zwang fallen, nach dem ein ausländisches Unternehmen, das in China produziert, dies nur unter mindestens fünfzigprozentiger Beteiligung eines lokalen Partners tun darf. Andererseits praktiziert man rigide Maßnahmen zur Verbesserung der zweifelhaften Luftqualität. Am Rand der "Auto China" wird gemunkelt, dass der ungewöhnlich klare Frühlingshimmel auch darauf zurückzuführen sei, dass die Regierung pünktlich zur Messe viele Industriebetriebe vorübergehend geschlossen und vorher Raketen mit Silberjodid in die Wolken geschossen hat, um die Luft quasi sauber regnen zu lassen. Wer in Metropolen wie Shanghai oder Peking einen Benziner zulassen möchte, erhält eines der raren Nummernschilder nur per Verlosung zugeteilt (Chance 850:1). Elektroauto-Besitzer dürfen das Kennzeichen hingegen umgehend abholen, außerdem bekommen sie 40 Prozent vom Kaufpreis ihres Stromers rückerstattet. Ab 2019 greift eine Elektroauto-Quote, die Autoherstellern vorschreibt, dass zehn Prozent der verkauften Autos NEVs (New Energy Vehicles) sein müssen.

China ist bereits zum größten NEV-Markt der Welt geworden, fast eine halbe Million solcher Autos sind 2017 an das Milliardenvolk verkauft worden, das entspricht 45 Prozent des weltweiten Volumens. Auch aus diesem Grund hat Volkswagen mit JAC das neue Joint-Venture Sol gegründet, dem das sehr ansehnliche, aber ausschließlich für China bestimmte City-SUV E20X entstammt, ein Elektromodell, dessen Reichweite mit 300 Kilometern angegeben wird. Kein Zufall ist es auch, dass BMW die schon sehr seriennahe Studie des künftigen Stromers iX3 in Peking präsentiert, ab 2020 soll das 270 PS starke Elektro-SUV (Reichweite rund 400 km) auf den Markt kommen. Das mächtige, stilistisch aber fragwürdige Concept-Car Ultimate Luxury von Mercedes-Maybach, ein megaluxuriöser Crossover aus Limousine und SUV, nutzt ebenfalls batterieelektrischen Antrieb. Sogar Tesla ist auf der "Auto China" vertreten, die Kalifornier pflegen ansonsten eher einen Bogen um Autoausstellungen zu machen.

Benziner bleiben dominant

Der Elektroantrieb ist also längst aus seinem Nischendasein herausgefahren, in besonderem Maße gilt dies für die chinesischen Anbieter. Doch die konventionellen Benziner bleiben dominant. Noch sind Limousinen die Lieblinge der Chinesen, eine automobile Geschmacksrichtung, die von VW mit dem neuen und eng mit dem West-Jetta verwandten Lavida bedient wird und von Mercedes mit der Langversion einer Stufenheck-A-Klasse sowie einer Stretch-Variante der jüngst überarbeiteten C-Klasse. Ford wiederum stellt den neuen Focus als Limousine vor und bei Lexus feiert der ES seine Weltpremiere.

Ford Focus Stufenheck
Hochgehängt: Ford zelebriert in Peking die Premiere des neuen Focus als Stufenhecklimousine.
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SUVs holen indes mächtig auf in China, gerne dürfen sie groß sein und luxuriös, Kaufkraft ist schließlich reichlich vorhalten. Zur SUV-Offensive des Volkswagen-Konzerns zählen der brandneue Touareg, der in Peking seine Messepremiere feiert, aber auch der unterhalb von Kodiaq und Karoq angesiedelte Skoda Kamiq, der jedoch ebensowenig nach Europa kommen wird wie die Langversion des Audi Q5.

SUVs in überwältigender Vielzahl werden aber auch von den chinesischen Herstellern gezeigt. Dabei offenbart sich, wie sehr sie in den letzten Jahren dazugelernt haben. Die Qualität der Produkte von BYD, BAIC, Chery, Geely oder Great Wall ist alles andere als klapprig, die digitalen Talente sind umfassend, die Innenraumgestaltung topmodern und mit XL-Screens garniert. Viele der Soft-Offroader werden elektrisch angetrieben, oftmals sind sie so ansehnlich, dass man sie gerne auch bei uns sehen würde. Schicke Start-ups wie Lynk, Nio und Byton befinden sich tatsächlich schon auf dem Sprung in Richtung Europa, auch im Falle der Studie X-Motion von MG (das britische Traditionslabel läuft inzwischen unter dem Dach von SAIC) ist ein Verkauf in der westlichen Welt denkbar. Ebenso hält die neue, in atemberaubenden drei Jahren etablierte Marke "Weltmeister" eine Expansion in Richtung jenes Landes, aus dem es seinen urdeutschen Namen bezieht, nicht für undenkbar.

LSEV
Smart-Klon: Der zweisitzige Elektromini LSEV wird per 3D-Drucker produziert.
© uleZoomansicht

Zweisitzer aus dem 3D-Drucker

So gut wie die China-SUVs aussehen, so sehr ähneln sie sich aber auch, vor dem Auge des Betrachters verschwimmen sie alsbald, die Weltmeister EX5 und EX6, Wey RS7, Roewe Marvel X, Haval 4, Dongfeng Fengguang oder Aiways U5 Ion Concept, das mit seiner Idee austauschbarer Akkupacks für Aufmerksamkeit sorgt.

Nicht wenige der SUVs sind von der Formgebung eines Range Rover Velar inspiriert, und der MG X-Motion folgt bis hin zur Signaturfarbe Rot dem erfolgreichen Mazda-Crossover-Design. Dennoch sind die früher flächendeckend vorhandenen Klone westlicher Automodelle nahezu verschwunden. Einige wenige Smart-Kopien finden sich noch. Dabei ist eine ihrer Zeit aber schon wieder weit voraus: Der elektrische Zweisitzer LSEV wird mithilfe eines 3D-Druckers produziert.

Ulla Ellmer

Heimische Hersteller holen auf - Premieren aus Deutschland
Auto-China: Rundgang über die Boom-Messe von Peking
BMW iX3
BMW iX3

Auf dem BMW-Stand der "Auto China" feiert die schon sehr seriennahe Studie des iX3 Premiere. Das 270 PS starke Elektro-SUV kann mit einer Reichweite von über 400 Kilometern dienen. Verkaufsstart ist vermutlich 2020.
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