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04.12.2018, 20:30

Der "Superclasico" und seine Historie

Boca und River Plate: Wie aus Rivalen Todfeinde wurden

Beim Superclasico zwischen Boca Juniors und River Plate ist das Sportliche längst zur Nebensache geworden, das prestigeträchtige Stadt-Derby zu einer Gewaltorgie verkommen. Wie konnte es so weit kommen? Das Porträt einer Rivalität, die charmant beginnt und im Chaos endete.

Verehrung, die unter die Haut geht: Viele River- und Boca-Fans gelten als geradezu fanatisch.
Verehrung, die unter die Haut geht: Viele River- und Boca-Fans gelten als geradezu fanatisch.
© imago/getty imagesZoomansicht

Freude? Nein, das sei es nicht gewesen, was er empfunden habe, als das Finale der Copa Libertadores zwischen den Boca Juniors und River Platz feststand. Mauricio Codocea spricht auch nicht von Aufregung oder Enttäuschung. Sondern von Sorge. "Als Boca-Fan wollte ich im Halbfinale einfach nur, dass River rausfliegt", sagt er dem kicker. "Nicht, weil ich sie als Mannschaft gefürchtet habe. Sondern weil ich wusste, was passieren würde. Wir würden das nicht überleben."

Codocea ist Sportjournalist beim "Clarin" aus Buenos Aires, 32 Jahre alt, vor ein paar Jahren ist er Vater geworden. Seine Facebook-Seite ist gespickt von Fotos mit seiner Frau, der kleinen Tochter und vielen Herzchen dazu. Und genauso wie so viele, nicht nur in Buenos Aires, sondern in ganz Argentinien, hält er zu einem der großen Klubs: Boca oder River, River oder Boca, darum dreht sich der Alltag. Und manchmal entscheidet diese Frage sogar über Leben und Tod.

Ein Spiel, ein Schiff: Boca wird Blau-Gelb

Dabei beginnt die Geschichte um die beiden Klubs eigentlich recht harmlos, ja geradezu charmant. Beide Vereine entstehen Anfang des 20. Jahrhunderts in La Boca, dem ärmlichen Hafenviertel von Buenos Aires, das stark von italienischen Einwanderern geprägt ist. Noch heute bezeichnen sich die Boca Juniors als "Xeneizes" (Genuesen). Der erste Konflikt zwischen den beiden Klubs entsteht wegen der Vereinsfarben, beide suchen sich Rot und Weiß heraus. Eine gewaltsame Lösung ist da noch kein Thema, vielmehr soll ein Entscheidungsspiel die Farbenfrage klären. River gewinnt, bleibt Rot-Weiß. Und Boca? Der Mythos besagt, dass sich die Verantwortlichen an den Hafen setzen und beschließen, die Farben des ersten Schiffes anzunehmen, das einläuft. Es war ein schwedisches. Blau und Gelb - die neuen Vereinsfarben sind gefunden! Die Legende besagt übrigens auch, dass zur Feier des Tages ein ordentliches Saufgelage mit den schwedischen Matrosen abgehalten wird.

Vereinslegende: Boca-Fans feiern Diego Maradona.
Vereinslegende: Boca-Fans feiern Diego Maradona.
© getty images

In den 1920er Jahren zieht River Plate zunächst in den noblen Stadtteil Palermo und in den 30er Jahren in den nicht weniger noble Nunez um, dadurch entsteht ein neuer Konflikt zwischen den Klubs: Arm spielt jetzt gegen Reich, die "Bosteros" (Unratsammler) gegen die "Millionarios", die rustikale Blutgrätsche gegen den filigranen Doppelpass. Erfolgreich sind beide, mal hat die Kämpfertruppe Boca die Nase vorn, mal die Schönspieler von River. Und, heutzutage schlicht unvorstellbar - man gönnt sich sogar den Erfolg. Ein halbes Jahrhundert zurück kam es durchaus vor, dass die Fans bei Meisterkrönungen im Stadion des Erzrivalen Anerkennung zollten. Diese Zeiten waren aber längst vorbei, als Anfang der 80er bei den Blau-Gelben der "Pibe de Oro" (Goldjunge) Diego Maradona im "Bombonera", der Pralinenschachtel, zauberte, und der Uruguayer Enzo "El Principe" Francescoli die River-Herzen im "Monumental" höher schlagen ließ.

Inzwischen aber hat sich der Superclasico zu einem hochemotionalen Duell entwickelt. Klar, die Leidenschaft der Fans für ihren jeweiligen Klub sucht ihresgleichen in der Fußballwelt. Da kommen auch schon mal 50.000 Fans zum Abschlusstraining. Doch woher kommt dieser Hass, diese Gewalt, dieser Fanatismus, für den das Duell inzwischen ebenso traurige Berühmtheit erlangt hat?

Ausschlaggebend ist dabei nicht das schlimme Unglück vom 23. Juni 1968. Beim Heimspiel von River gegen Boca bricht eine Massenpanik in einem Block aus. 71 Menschen finden den Tod - offiziell, doch wer glaubt in Argentinien schon Statistiken. Angeblich sollen brennende Zeitungen das Chaos dadurch ausgelöst haben, doch letztlich bleibt das nur eine Theorie. Als sicher gilt, dass an Puerta 12 (Stadiontor 12), wo sich das Unglück ereignete, die Gitter verschlossen waren und die Menschen zerdrückt wurden. Der Fall wird nie richtig aufgeklärt. Codocea muss nicht lange nachdenken bei der Frage über die wahren Gründe für die heutigen Zustände. "Die Menschen hier haben den Fußball immer geliebt, aber bis in die achtziger Jahre gab es diese Gewalt noch nicht. Doch dann", sagt Codocea, "dann kamen die Barrabravas. Sie sind unser größtes Problem."

"Der zwölfte Mann" und die Besoffenen

Die "Borrachos del Tablon" bei einem Spiel im Jahr 2006.
Berühmt-berüchtigt: Die "Borrachos del Tablon" bei einem Spiel im Jahr 2006.
© imago

Barrabravas, die Ultras, sind offiziell so etwas wie Fanklubs, inoffiziell aber vielmehr hierarchisch geführte Banden mit jeder Menge kriminellem Potenzial. Prominente Barrabravas sind bei Boca "La Doce" (der zwölfte Mann), bei River die "Borrachos del Tablon" (Besoffenen von der Holzplanke, der Name erklärt sich aus den Zeiten, als die Ultras noch von Holztribünen aus anfeuerten). Am Anfang unterstützen die Klubs sie noch mit Geld, Tickets oder Fan-Bussen. Niemand ahnt, dass man ein Monster erschafft.

Inzwischen haben die Barrabravas ihre Finger in allem, was irgendwie Geld in die Kasse bringt. Beim Business wird übrigens auch gerne mal der Hass ad acta gelegt. Geht es um den schnöden Mammon, kooperieren Boca- und River-Barrabravas. Sie mischen bei der Lokal- und Regionalpolitik mit, in der Provinz Santa Fe sind sie im Drogenhandel aktiv. "Sie kontrollieren zum Beispiel auch die Parkplätze an den Stadien", erzählt Codocea. "Und du zahlst besser, was sie verlangen. Denn wenn nicht, ist dein Auto nach dem Spiel weg."

Wir haben ausgeglichen.Ein Boca-Fan nach einer 0:2-Niederlage gegen River, nachdem zwei ermordete Fans des Rivalen gefunden wurden

Traurigen Ruhm erlangt der mittlerweile verstorbene José Barrita, Anführer von La Doce. "El Abuelo" (Großvater) organisiert regelmäßig Überfälle auf River-Fans und Fankneipen. Auch vor Mordaufträgen schreckt er nicht zurück. 1994 verliert Boca den Superclasico mit 0:2, kurz darauf findet man zwei ermordete River-Fans. Im argentinischen TV sagt ein vermummter Boca-Anhänger zynisch: "Empatamos". Wir haben ausgeglichen. Noch heute findet man in der Stadt Graffitis mit diesem Wort. 2007 stirbt bei den Kämpfen ein 14-Jähriger, worauf das Kriegsbeil - scheinbar - begraben wird.

Video zum Thema
kicker.tv Hintergrund- 23.11., 11:06 Uhr
50.000 Boca-Fans - beim Training! Bombonera überfüllt
Am Sonntag findet das Final-Rückspiel der Copa Libertadores im Estadio Monumental von River Plate statt. Boca-Juniors-Fans sind aus Sicherheitsgründen dann allerdings nicht zugelassen. Umso intensiver unterstützten sie ihre Mannschaft deshalb beim Training im heimischen "Bombonera". Die Polizei musste sogar für einen Einlassstopp sorgen.
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Schnee von gestern, wie auch der jüngste Superclasico zeigt. Bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt die Justiz 300 Eintrittskarten für das Copa-Rückspiel. Der Eigentümer der Wohnung: einer der Führer der River-Ultras, bei dem außerdem umgerechnet 164.000 Euro gefunden werden und der normalerweise rund 300 Barrabrava-Anhänger ins Stadion einschleust. Festgenommen wird er seltsamerweise nicht. Seinen Leuten fehlen nun aber die beschlagnahmten Tickets. Die Lösung: Zahlreiche gemäßigte River-Anhänger werden vor dem Stadion ihrer Eintrittskarten beraubt. Hauptsache, die Barrabravas kommen ins Stadion, dafür ist jedes Mittel recht. Die "Barbarei", wie die argentinische Zeitung Clarin den Superclasico jüngst bezeichnete, sie hat längst wieder begonnen.

Das Trikot bleibt bis zum Stadion in der Tasche

Codocea hat schon viele Superclasicos besucht. Er hat erlebt, wie Boca- und River-Fans am Retiro, dem Bahn-Knotenpunkt von Buenos Aires, aufeinander einschlugen, "das war absolut normal für uns". Sein Boca-Trikot trägt er auf dem Weg ins Stadion in einer Tasche mit sich. Anziehen? Unmöglich, egal übrigens, ob gegen River oder ein anderes Team. "Einmal habe ich gesehen, wie Fans einen Bus angehalten haben. Darin war ein Fan in einem Racing-Trikot. Sie gingen hinein und verprügelten ihn."

Seit 2013 sind zwar keine Auswärtsfans mehr in den Stadien erlaubt, doch eine kleine Delegation ist ja immer dabei. Codocea hat gesehen, wie in einem unterklassigen Spiel ein mitgereister, verletzter Spieler vor den Fans über eine Mauer flüchten musste, wodurch sich seine Verletzung verschlimmerte. Auch vor Spieler-Attacken wird, wie beim jüngsten Bus-Überfall, nicht zurückgeschreckt. 2015 stehen sich im Achtelfinale der Copa Libertadores Boca und River Plate gegenüber. Das Spiel wird abgebrochen. Boca-Fans attackieren die River-Plate-Spieler mit Pfefferspray. "Ich sehe nichts mehr, ich brenne", schreit River-Akteur Ramiro Funes Mori. Sein Kollege Leonardo Ponzio sagt: "Das ist mehr wie ein Krieg als wie ein Fußballspiel."

Argentiniens Probleme fördern den Frust

Den Nährboden für die Gewalt liefert das Land selbst - und vor allem die Hauptstadt. 14 von 40 Millionen Menschen in Argentinien leben in und rund um Buenos Aires, darunter viele Glücksritter, die in der großen Stadt das große Geld machen wollen. Stattdessen finden sie eine überbevölkerte Metropole vor, in der Armut und Kriminalität stetig steigen, die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Zweimal war das achtgrößte Land der Erde schon bankrott (2001 und 2014), aktuell ist es wieder kurz davor. Die Staatsverschuldung ist gigantisch, die Inflation liegt bei fast 30 Prozent. Zu Jahresbeginn musste der Argentinier für einen Euro noch 20 Pesos bezahlen, heute muss er schon rund 50 Pesos für einen Euro hinlegen. Das schürt die Wut, und die kanalisiert sich wiederum in den Sport. Die Nicht-Regierungsorganisation Salvemos Al Futbol (Retten wir den Fußball) listet über 300 Tote im Zusammenhang mit Ausschreitungen rund um den Fußball in Argentinien auf.

Kommentar von Jörg Wolfrum: Die Absage der Copa Libertadores - eine Schande


Kein Wunder, dass für viele der Zauber des Superclasico verflogen ist. Auch Real Madrids Coach Santiago Solari wirkt resigniert, der gebürtige Argentinier kickte von 1996 bis 1998 für River Plate. Die Vorfälle, die das Spiel nach Madrid brachten, seien eine "Schande. Für mich hat das Spiel an Bedeutung verloren. Es ist schade, dass ich das sagen muss. Aber so ist es nun mal."

Codocea versteht Solari gut. Auch er kennt die Wut auf den Hass. Doch er wird den Superclasico trotzdem verfolgen, wie er ihn immer verfolgt: Trifft Boca, wird er bis an die Decke hüpfen vor Ekstase. Trifft River, wird er mit der Faust auf den Tisch hauen vor Wut. Er kann einfach nicht anders. "Wir wissen doch, dass alles korrupt und zerstört ist. Aber wir wissen auch, dass wir immer leiden und mitfiebern werden, wenn dieses Spiel steigt. Denn das ist alles, was wir noch haben. Und das zu verlieren", sagt er trotzig, "das werden wir nicht akzeptieren."

Christoph Laskowski

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Das Finale der Copa Libertadores, die größte Fußball-Rivalität der Welt? Weltmeister, Superstürmer - und deren Väter: Einige bekannte Namen erlebten den Superclasico, Boca Juniors gegen River Plate, von beiden Seiten aus.
© Getty Images, imago, Picture Alliance

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zum Thema

Vereinsdaten

Vereinsname:River Plate
Anschrift:Club Atlético River Plate
Av. Pte. Figueroa Alcorta 7597
1428 Buenos Aires
Internet:http://www.cariverplate.com.ar/

Vereinsdaten

Vereinsname:Boca Juniors
Anschrift:Club Atlético Boca Juniors
Brandsen 805
Capital Federal Buenos Aires
Internet:http://www.bocajuniors.com.ar/


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