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17.06.2018, 14:39

Interview mit Kevin Miles, Geschäftsführer Football Supporters' Federation

Warum nur wenige englische Fans in Russland sind

Bei aller Enttäuschung über das Abschneiden ihrer Nationalmannschaft: Die englischen Fans zählen in der Regel zu den präsentesten. Warum das bei "Russia 2018" anders ist, erklärt Kevin Miles, der Geschäftsführer der Football Supporters' Federation (FSF). Miles, Lieblingsklub Newcastle United, ist ein international gefragter Experte sowie Ratgeber der britischen Regierung, der sich seit Jahrzehnten für Fanbelange einsetzt.

Kevin Miles
Gefragter Experte zur englischen Fanszene: Kevin Miles.
© imagoZoomansicht

Seine Feuertaufe als Fanbotschafter bei Auftritten der "Three Lions" hatte Miles 1998 beim englischen WM-Auftaktspiel gegen Tunesien. Am Montag heißt der Gegner von Harry Kane und Kollegen wieder Tunesien. Im Vorfeld sind verstörende Erinnerungen an Marseille und die EM 2016 sowie die angespannte politische Lage zwischen Großbritannien und Russland eine Belastung.

Wie viele Fans der englischen Mannschaft erwarten Sie in Russland?

Exakt ist das aufgrund verschiedener Indikatoren schwer zu sagen. Grundsätzlich kann man schon festhalten: Es werden so wenige sein wie lange nicht mehr, weniger als in Brasilien und Südafrika; kein Vergleich zur WM 2006 in Deutschland oder der EM vor zwei Jahren in Frankreich.

Reisen weniger als 5.000 an?

Schwierig zu sagen. Der englische Verband hat nur ein Spiel ausverkauft, das gegen Belgien. Und der Grund dafür ist, dass es im kleinsten Stadion in Kaliningrad mit 35.000 Plätzen ausgetragen wird, wo der FA auch nur 1.600 Tickets zugeteilt wurden. Erfahrungsgemäß wird auch die gleiche Menge Karten über den generellen Vorverkauf der FIFA erworben. Das scheint diesmal nicht der Fall zu sein. Insgesamt hat die FA Karten an 4.500 bis 5.000 verschiedene Personen verkauft.

Kommen mehr Fans, wenn England weitere WM-Runden erreicht?

Das ist ja diesmal nicht so einfach, wegen der Visa-Anforderungen. Ohne Fan-ID können sie sich nicht um ein Ticket bewerben. Es wird kaum möglich sein, ohne Ticket anzureisen oder sich in letzter Minute zu entscheiden, doch noch ein Spiel zu besuchen. Schon der gewöhnliche Prozess zur Erteilung eines Visums dauert zu lange. Es wird also nicht so sein, dass mit wachsender Begeisterung auch die Zahl der mitreisenden Fans erheblich zunimmt ...

... wie 2006, als sich der ohnehin enorme Andrang vom Auftakt in Frankfurt bis zum Viertelfinale in Gelsenkirchen (Aus im Elfmeterschießen gegen Portugal, Anm. d. Red.) von Mal zu Mal steigerte und für ein Halbfinale gar mit insgesamt 100.000 im Stadion und den Public Viewings in Deutschland gerechnet wurde. Was ist der Grund für die Zurückhaltung heute?

Den einen Grund gibt es nicht, es sind mehrere. Der größte ist: Russland wird nicht als Urlaubsland angesehen. In Frankreich haben viele die EM mit einem Urlaubsaufenthalt verbunden, vor, nach und zwischen den Spielen. In Russland kommen die große Distanzen zwischen den einzelnen Austragungsorten erschwerend hinzu, man kann nicht so leicht mehrere Begegnungen, auch anderer Nationen, verknüpfen. Viele Spielstädte sind keine wirklichen touristischen Ziele. Hinzu kommen die vergleichsweise hohen Kosten für die Reise und den Aufenthalt. Natürlich spielt auch die Angst vor Gewalt und Rassismus eine Rolle, die viele abschreckt. Die politische Situation zwischen den beiden Staaten in der jüngeren Vergangenheit hat sicher nicht geholfen.

Es ist bemerkenswert, dass Sie die Überfälle russischer Hooligans auf englische Fans bei der EM in Marseille nicht als Hauptgrund nennen. Haben Sie Informationen über die beiden schwerstverletzten Männer aus Leicester und Portsmouth?

Ich stehe nicht in direktem Kontakt. Bekannt und gesichert ist, dass beide unter lebenslangen Beeinträchtigungen und Behinderungen leiden. Die Vorfälle von Marseille beeinflussen nur einige Leute. Mir ist es wichtig festzuhalten, dass es die Wirkung mehrerer Gründe ist, die englische Fans von der Reise nach Russland abhält. Kommt die Rede auf Marseille, dämpft das natürlich die Begeisterung.

Werden sich die englischen Fans, ich rede nicht von den gewaltsuchenden, anders als sonst verhalten, also das gemeinschaftliche Auftreten, Singen und Trinken auf zentralen Plätzen vermeiden? Werden sie in anderer Stimmung sein als in Deutschland oder Frankreich?

Vieles von dem, was die Fans der englischen Mannschaft tun, um aufzufallen, hängt von ihrer Anzahl ab. Diese wird, wie gesagt, geringer sein. Wenn Sie mich fragen, ob sie in Russland nüchtern bleiben und ihre Fahnen verstecken: nein. Das meiste, was sie tun, verursacht kein Problem. Die Erfahrung zeigt, auch Marseille: Wenn sie eine riesige Zahl mitreisender Fans haben, sind darunter viele, die nicht zu den regelmäßigen Auswärtsfahrern zählen. Dann ist die Tendenz, dass das Verhalten schlechter wird, weil sie keine Erfahrung damit haben, was es bedeutet, zu Spielen auf den Kontinent zu reisen. Die Neulinge schaffen Probleme, in Russland ist eher mit den treueren Fans zu rechnen, die in erster Linie Fußball sehen und auf ihre Art feiern wollen. Meine Erfahrung von WM- und EM-Turnieren sagt mir zudem, dass sich die unmittelbaren Verhältnisse in den Stadien und Städten kaum unterscheiden. Moskau zum Beispiel wird so sein, wie jeder andere Spielort früherer Weltmeisterschaften auch.

Zahlreich angereist: Feiernde englische Fans in Gelsenkirchen
Zahlreich angereist: Feiernde englische Fans in Gelsenkirchen während der WM 2006.
© imago

Wann nahmen sie ihre Arbeit als Fanbetreuer auf?

Vor zwanzig Jahren, bei der WM in Frankreich mit dem Spiel gegen Tunesien (das in Marseille von tagelangen, schweren Ausschreitungen zwischen zum Teil gewaltbereiten Engländern und Einheimischen zumeist nordafrikanischer Herkunft begleitet war, Anm. d. Red.).

Wie ist die Zusammenarbeit mit den russischen Behörden?

Die ist wegen der politischen Situation etwas kompliziert. Ich nahm an den offiziellen Besuchen der Spielorte für die Gruppenphase teil, in der ersten Februarwoche. In Wolgograd herrschten minus 28 Grad, das hat die nähere Inspektion der örtlichen Verhältnisse erschwert. Am Tag unserer Rückkehr ereignete sich der Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter in Salisbury. Wir dachten, es war wohl gut, Russland verlassen zu haben. Vorher war die Zusammenarbeit mit russischen Organisationen wie der Polizei positiv. Als wir im April erneut nach Russland reisten, um die Spielorte der K.-o.-Runden anzusehen, gab es keine Kooperation mehr auf Seiten der Polizei und des Außenministeriums. Dessen Mitarbeiter waren bereits abgezogen worden. Unsere Delegation bestand nur noch aus Mitgliedern der Fanorganisation und der FA. Auf der reinen Turnierebene war die Zusammenarbeit mit den russischen Gesprächspartnern vor Ort weiter hilfreich und sehr konstruktiv.

Wie muss man sich die Atmosphäre dabei vorstellen?

Die Stimmungslage war so: Gut, die Politiker liegen im Clinch, aber wir haben eine gemeinsame Arbeit zu erledigen und für einen guten "World Cup" zu sorgen. Aber ohne Unterstützung der britischen Offiziellen war es nicht so angenehm, wie es hätte sein können.

Können Sie Ihre Fanbetreuung wie üblich und gewünscht aufnehmen?

Es ist leider nicht klar, welche Präsenz die Fußball- und Fanexperten der englischen Polizei überhaupt haben können. Botschaften der Football Supporters Europe (FSE) an den Spielorten gehören zum offiziell vereinbarten Programm, diese werden wir, wie andere Teilnehmerländer auch, wieder als Anlaufstelle für unsere Fans einrichten.

Interview: Jörg Jakob

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© Getty Images/picture alliance/imago

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