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28.09.2017, 16:43

Ein Kommentar von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

Ancelottis Entlassung: Die Kiste war zu sehr verfahren

Die heftigen 0:3-Prügel in Paris lieferten nur noch den Anstoß. Denn Debatten, Ärger und Unruhe gab es schon seit längerem im Innersten des FC Bayern. Jetzt haben die Entscheider in München die nötigen Konsequenzen gezogen und den eigentlich bis 30. Juni 2019 gültigen Vertrag mit Cheftrainer Carlo Ancelotti (58) vorzeitig aufgekündigt. Sie sahen keine andere Lösung für die vielen Problemzonen. Die Kiste war einfach zu verfahren. Ein Kommentar von kicker-Chefreporter Karlheinz Wild.

Nicht mehr Trainer des FC Bayern: Carlo Ancelotti.
Nicht mehr Trainer des FC Bayern: Carlo Ancelotti.
© imagoZoomansicht

Da war zunächst der sportliche Bereich. Obwohl die Bayern bei PSG optisch dominierten, hätten sie klarer verlieren können. Doch gerade Superstar Neymar verschonte sie mit seiner verschwenderischen Chancenverwertung. Ancelotti hatte sich für diesen Hit zu einer überraschenden Aufstellung entschlossen. Sein durchaus vertretbarer Plan - die Mitte zu verdichten - war jedoch schon nach 85 Sekunden durchkreuzt, weil Neymar ungehindert durch die Abwehr tänzeln und zu Dani Alves' Führungstreffer servieren durfte. Da hatte sich der italienische Fußballlehrer, sonst kein kreativer und innovativer Taktiktüftler, einmal etwas ausgedacht - schon ging es krachend schief.

Allerdings wurden dabei auch die taktischen Defizite auf dem Rasen des Parc des Princes deutlich. Dort waren elf Einzeldarsteller für den Rekordmeister unterwegs, die sich zwar um eine gewisse Kooperation bemühten, aber das gemeinsame Vorgehen nicht beherrschten. Seine Spielidee oder Philosophie hat der Trainer Ancelotti nie nachvollziehbar und erkenntlich vorgezeichnet. Vor der Viererabwehr, die er in Stein gemeißelt hatte, herrschte das Durcheinander, das die Einzelkönner mit ihren Qualitäten schönten. Spielerisch erlebte der FC Bayern unter diesem Chefstrategen kontinuierliche Rückschritte.

Gewagte Personalauswahl in Paris

Das deutliche Negativergebnis in Paris befeuerte, logisch, die gewagte Personalauswahl Ancelottis für diese wichtige Partie. Gewiss, als Trainer hat er alles Recht, seine Mannschaft so zusammenzustellen, wie er es für optimal hält. Er trägt die Verantwortung dafür - und jetzt die Konsequenzen. Denn nachhaltiger und bedenklicher als das taktisch-spielerische Moment ist das atmosphärische im Profiteam an der Säbener Straße. Ancelotti brachte mit dieser Startformation wesentliche Spieler gegen sich auf. Die Basis mit Franck Ribery war ohnehin schon zerstört. In Frankreich musste der Franzose auf der Bank sitzen; und nicht er wurde zur Pause eingewechselt, sondern der junge Kingsley Coman.

Ribery, zuletzt keineswegs in Topform, musste diese Entscheidung als Demütigung empfinden, ebenso Jerome Boateng, der die 90 Minuten auf der Tribüne erdulden musste. Auf die weltmeisterliche Innenverteidigung Boateng-Hummels komplett zu verzichten, war eine selbstzerstörerisch-mutige Wahl Ancelottis, dessen Vorliebe für Thiago ohnehin argwöhnisch in der Mannschaft verfolgt wurde. Der talentierte, aber schon 26 Jahre alte Spanier wurde wieder einmal in einem großen Spiel überrollt.

kicker-Chefreporter Karlheinz Wild.
kicker-Chefreporter Karlheinz Wild.

Unkontrolliertes Eigenleben der italienischen Gruppe

Es loderten noch weitere Konfliktherde. Robert Lewandowski hatte sich öffentlich beschwert, genauso Thomas Müller. Die familiären und italienisch-landsmannschaftlichen Bande, die der Chefcoach pflegte, wurden beäugt, ob es nun die Assistenten-Rolle seines Sohnes Davide betraf oder des Fitnesstrainers Giovanni Mauri, dessen Kompetenz und Auftreten diskutiert wurden. Die italienische Gruppe hatte vor allem in der vorigen Saison ein unkontrolliertes Eigenleben geführt. Damit der Verein seine Autorität zurückerlangte, wurde Willy Sagnol als neuer Assistent geholt. Ancelotti war von dieser Partnerschaft anfangs nicht begeistert, akzeptierte sie aber.

Es gab also viele Irritationen, die Position des ersten leitenden Angestellten im sportlichen Bereich wurde immer schwächer. Deshalb wollte und konnte selbst Karl-Heinz Rummenigge, der lange eisern zu seinem Trainer stand, nicht mehr die schützende Hand über Ancelotti und dessen Crew halten.

Schwieriger Auftrag für Sagnol

Vorerst übernimmt Sagnol (40). Es ist die nächstliegende Wahl. Der Franzose muss nun vor allem das Betriebsklima verbessern und auf dem Platz die vielen Individualisten zu einem Kollektiv einen, das mit einem Plan das große Potenzial umsetzt. Aber auch Sagnol wird Härtefälle zu lösen haben, bei so vielen Stars und Empfindlichkeiten. Dieser Job ist eine große Chance für ihn, aber auch ein extrem schwieriger Auftrag.

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weitere Infos zu Ancelotti

Vorname:Carlo
Nachname:Ancelotti
Nation: Italien
Verein:SSC Neapel


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