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19.09.2016, 16:09

Die beiden Jedermann-Rennen im kicker-Check

Der Vergleich: Maratona vs. Ötztaler

Sie ist eifrig, sehr eifrig, die Hobby-Wettkampf-Rennradszene. In London flitzen die Radler und Radlerinnen rasant um Kurven, in Wien sprinten sie Hügel empor, in Norwegen durchqueren sie des nächstens menschenleeren Weiten, sie stürzen sich ins Auf und Ab der Mittelgebirgszüge, in den Alpen erklimmen sie jeden noch so steilen Pass - und dies in stetig größer werdender Zahl. Vor diesem Hintergrund wächst auch europaweit die Zahl der so genannten Jedermann-Marathons rasant. Doch Wachstum hin oder her, die Maratona dles Dolomiti und der Ötztaler Radmarathon waren, sind und bleiben Stars in der Radsportwelt der so genannten Jedermänner. Der kicker unterzieht die beiden Klassiker einem Vergleich.

Letzte große Hürde beim Ötztaler: Am Timmelsjoch gehen sprichwörtlich die Lichter aus.
Letzte große Hürde beim Ötztaler: Am Timmelsjoch gehen sprichwörtlich die Lichter aus.
© SportografZoomansicht

Die Entwicklung:

Die Maratona wurde erstmals 1987 ausgetragen, 166 Teilnehmer gingen im Herzen der Dolomiten damals an den Start. Die diesjährige 30. Auflage ging mit 8903 Teilnehmer aus 65 Nationen über die Bühne - rund 35 000 Anmeldungen lagen vor, aufgrund des aus Sicherheitsgründen auf rund 9000 beschränkten Teilnehmerfeldes musste das Los entscheiden. Die ganze Maratona, die immer am ersten Juli-Wochenende stattfindet, wurde live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Italiens übertragen.

Ähnlich wie der Iron Man auf Hawaii basiert der Ötztaler auf einer Stammtisch-Wette: Bei seiner Premiere im Jahr 1982 standen 154 Radsportler aus Tirol am Start, der damals in Innsbruck war. Bei der diesjährigen 38. Auflage, die traditionsgemäß am letzten August-Wochenende stattfand, gingen fast 4200 Radsportler/innen aus 33 Nationen an den Start - angemeldet hatten sich über 18.000, auch hier musste angesichts der auf maximal 4500 beschränkten Teilnehmerzahl das Losglück entscheiden. Der Ötztaler ist mittlerweile die drittgrößte Sportveranstaltung in Österreich.

Die Strecke:

Höhenmeter satt: Beim Ötztaler müssen die Jedermänner vier harte Anstiege bewältigen.
Höhenmeter satt: Beim Ötztaler müssen die Jedermänner vier harte Anstiege bewältigen.
© SportografZoomansicht

Bei der Maratona stehen derer drei zur Verfügung - eine kurze um den Sella-Stock mit vier Pässen (55 Kilometer und 1780 Höhenmeter), eine mittlere mit dem Sellastock, dem Campolongo, dem Passo Falzarego sowie dem Valparola (106 Kilometern und 3010 Höhenmeter), und eine lange mit 138 Kilometer und 4230 Höhenmeter, bei der es noch den Passo Giau zu bewältigen gilt. Man kann sich während des Rennes entscheiden, welche Variante man wählt. Start ist in La Villa, das Ziel in Corvara.

Beim Ötztaler gibt es kein Sich-Entscheiden-Können, sondern nur eine Strecke. Via Innsbruck über den Kühtai-Sattel, den Brenner, Jaufenpass und das Timmeljoch einmal Sölden und zurück heißt das Motto. Oder ums mit dem diesjährigen Zweiten des Ötztalers, dem deutschen Ex-Radprofi Jörg Ludewig, zu sagen: "Viermal rauf, viermal runter." Oder, in Zahlen: 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter.

Die Organisation:

Gesperrte Strecken, Begleithubschrauber etc.: Die Organisation bei beiden Veranstaltungen ist nahezu perfekt.
Gesperrte Strecken, Begleithubschrauber etc.: Die Organisation bei beiden Veranstaltungen ist nahezu perfekt.
© SportografZoomansicht

Perfekt, sie lässt hier wie dort (fast) keinen Wunsch offen. Eine elektronische Zeitmessung mit einem Live-Tracking für die mitfiebernde Familie oder Freundesschar der Teilnehmer, einen Pannenservice oder eine medizinische Betreuung gehören mittlerweile fast schon zum Standard bei Rad-Marathons. Nicht aber, dass wie bei der Maratona und dem Ötztaler alle Straßen komplett für den Verkehr gesperrt sind. Ein weiteres Kennzeichen beider Veranstaltungen sind Verpflegungsstationen, die an Vielfalt nicht zu übertreffen sind. Über 1000 ehrenamtliche Helfer sind bei der Maratona wie beim Ötztaler von früh bis spät im Einsatz - ein Beleg dafür, wie sehr beide Veranstaltungen in ihren Regionen gelebt werden. Einen Vorteil hat die Maratona gegenüber dem Ötztaler zu verbuchen: Im Zielbereich gibt es ein überwachtes Areal für die Räder - nicht so in Sölden, was an dem höchst begrenzten Platzangebot liegen dürfte. Eins ist jedoch sicher: Hier wie dort sollte man angesichts des Gewusels sein Rad keine Sekunde lang unbewacht aus den Augen lassen, sonst droht eine bitterböse Überraschung.

Die Atmosphäre:

Losglück: Jedes Jahr herrscht dichtes Gedrängel vor dem Start beim Ötzaler.
Losglück: Jedes Jahr herrscht dichtes Gedrängel vor dem Start beim Ötzaler.
© SportografZoomansicht

Prickelnd, aufregend - bereits Tage vor dem Startschuss liegt Rennfieber in der Luft, das selbst die routiniertesten Teilnehmer nicht kalt lässt. Wie auch, wenn spürbar alles auf den Tag X ausgerichtet ist. Definierte, durchtrainierte Körper, wohin das Auge blickt, durch die Straßen rollen schier unaufhörlich blitzblank geputzte Räder, die mitunter den Wert eines gebrauchten Mittelklasse-PKWs übersteigen - und alle Gespräche drehen sich selbstverständlich nur um das eine, um das Rennen. Beim Ötztaler fühlt sich dies intensiver an, weil komprimiert in Sölden stattfindend, während es bei der Maratona für das Vor-Renn-Spektakel mit Corvara, Colfosco, La Villa und Alta Badia gleich mehrere Bühnen gibt.

Dass auch beim Rennen selbst in Sachen Stimmung der Ötztaler um eine Nasenlänge voraus liegt, hängt damit zusammen, dass das Fahrerfeld deutlich mehr Orte durchquert als bei der Maratona. Wobei es ohnehin die leisen, flüchtigen Begegnungen sein können, die den müden Radlern Beine machen. Am Timmelsjoch zum Beispiel, dem finalen, 29 Kilometer langen und mitunter hinterhältig steilen Anstieg, sind bei Gluthitze nicht nur die von rührigen Talbewohnern angebotenen Gartenschlauch-Duschen ein prima Motivationsschub. Auch der Zuruf "weiter so, du schaust noch gut aus", wirkt nicht minder erfrischend - auch wenn man nur zu genau weiß, dass dies glatt gelogen ist.

Die Dolomiten sind zwar nicht die höchsten Berge der Welt, dafür aber die schönsten.Reinhold Messner

Mitunter kann allerdings ein gut gemeintes Flunkern auch kontraproduktiv sein. Jenes "bravi, solo un kilometro" bei der Maratona auf den schweren, weil durchgängig um die neun bis zehn Prozent steilen Passo Giau hinauf zum Beispiel. Wer dann nämlich auf der langen vor einem liegenden Gerade in freudiger Erwartungen auf die noch verborgene Verpflegungsstation auf der Passhöhe den kläglichen Rest seiner Kräfte zusammenkratzt, um etwas zu veranstalten, was man im weit, sehr weit entfernten Sinn Endspurt nennen könnte, der radelt geradewegs einem mentalen Tiefschlag entgegen. Sobald die Gerade bewältigt ist, hat man freien Blick - auf eine Passhöhe, deren Gipfelrestaurant einem niederschmetternd winzig klein vorkommt. Ein Kilometer? Herzlichen Dank auch, gefühlt sind es in diesem Moment zehn, auch wenn es in der Realität nur knapp vier sind.

Das Ambiente:

Schöner geht's nicht: Die UNESCO hat die Dolomiten zum Weltkulturerbe ernannt.
Schöner geht's nicht: Die UNESCO hat die Dolomiten zum Weltkulturerbe ernannt.
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Wir rufen Reinhold Messner in den Zeugenstand, einen weltweit anerkannten Experte in Sachen Berge. "Die Dolomiten sind zwar nicht die höchsten Berge der Welt, dafür aber die schönsten", lautet sein Urteil, dem sich die Unesco angeschlossen hat. Sie hat den markanten, imponierenden Sella-Stock zum Weltkulturerbe ernannt - bei der Maratona radelt man also quasi durchgängig durch ein Museum.

Beim Ötztaler gibt's die schönsten Ausblicke gegen Schluss, wenn's hinauf aufs Timmelsjoch geht und die weißen Gletscherwelten hoch oben einen herrlichen Kontrast zum sattgrünen Tal bilden. Der Haken: Dies dürfte jeden Teilnehmer so viel interessieren wie der oft zitierte Reissack in China, der so häufig umfällt. Nach über 190 Kilometern und rund 4700 absolvierten Höhenmeter haben sie alle, ob Spitzengruppe oder die späteren 7-, 8-, 9-, 10-, 11-, 12- oder 13-Stunden-Finisher, nur noch die fehlenden 800 Höhenmeter im Sinn.

Der Härtefaktor:

Unerbittlich: Der Öztaler ist "eine Mordsschinderei"
Unerbittlich: Der Öztaler ist "eine Mordsschinderei".
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Der Fahrer selbst soll es sein, der die Schwere einer Strecke entscheidend bestimmt. Nun von der These zur Praxis: Der ordentlich bis gut trainierte Radler kann die kurze Strecke bei der Maratona relativ genüsslich bewältigen, ohne mit dem Zeitlimit in Konflikt zu kommen. Fährt er aber bei dieser Runde vom ersten bis zum letzten der 55 Kilometer Anschlag, wird er im Ziel in Corvara große Mühe haben, vom Rad zu steigen. Also, Haken dahinter, These bestätigt.

Beim Ötztaler jedoch versagt sie. Locker mal die Runde fahren, das haut selbst bei Top-Athleten nicht hin, wen sie den 238-Kilometer-Rundkurs in ihrem ehr gemächlichen Trainingsmodus absolvieren. "Eine Mordsschinderei" nennt zum Beispiel Rudi Mitteregger den "Ötzi" - und der Mann hat als Profi schon dreimal die Österreichrundfahrt gewonnen. Keine Frage, auch die lange Runde der Maratona mit ihren rund 4500 Höhenmetern und 138 Kilometern kann einem ebenfalls brutal den Stecker ziehen, der größere Härtefaktor aber gebührt dennoch dem Ötztaler.

Das beginnt damit, dass er keinen Notausgang bietet, wenn es brütend heiß oder klirrend kalt ist, wenn man miserabel geschlafen oder am Wettkampftag ebensolche Beine hat. Sobald man die Startlinie überquert, heißt es nur finishen oder Besenwagen. Der Hauptgrund aber, dass der Ötztaler in der Hobby-Rennradszene einem Ritterschlag gleichkommt, ist schlicht seine Länge. Um es mit Daten aus dem Selbstversuch zu verdeutlichen: Bei der langen Version der Maratona blieb die Zeit beim Überqueren der Ziellinie bei rund 6.30 Stunden stehen - so lange dauerte es beim Ötztaler, um nach St. Leonhard zu kommen. Von dort aus war das Ziel noch 55 Kilometer, fast 2000 Höhenmeter und drei Stunden entfernt.

Das Fazit: Maratona oder Ötztaler?

Entweder oder? Beide Strecken sind Pflichtprogramm.
Entweder oder? Beide Strecken sind Pflichtprogramm.
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Diese Frage hat was von einem Vergleichstest Ferrari vs. Porsche. Auch da lässt sich nicht wirklich sagen, wer besser, wer schlechter ist - zumindest nicht anhand von zweifelsfrei belegbaren Fakten oder Daten. Gut, der Ötztaler ist länger und härter - aber deswegen nicht besser oder begehrenswerter. Man kann es auch so sehen: Frau und Mann bereiten sich monatelang auf den Wettkampf vor und dann regnet es am Tag X, was das Zeug hält. In Sölden bleiben in so einem Fall gerade diejenigen im Bett liegen, die den Ötztaler schon mehrmals gefinisht haben. Sie wissen nämlich nur zu gut, was es bedeutet, dieses Rennen bei Nässe und Kälte zu bestreiten: Wenn man kein an derlei Verhältnisse gewöhnter Isländer, Norweger oder Engländer ist, gilt es nämlich extrem auf die Zähne zu beißen. Auch weil die Motivation, eine gute Zeit herauszufahren oder gar seine Bestzeit zu knacken, schon mal ins Wasser fällt - nur absolute Cracks verlieren bei Nässe in den Abfahrten keine Zeit. Für den normalen Hobbysportler indes potenzieren sich neben den Strapazen auch die Gefahren, alleine die Hochgeschwindigkeitsabfahrt vom Kühtai hat es schon bei trockener Strecke in sich.

Wenn's bei der Maratona hingegen mal scheußlich ist, gibt es mit der kurzen und mittleren Distanz ja noch zwei geschmeidige Ausstiegsoptionen. Unterm Strich stellt sich die Frage Maratona oder Ötztaler aber überhaupt nicht - wer gerne Rennrad fährt und dies zudem mit einem Stück Ehrgeiz tut, der sollte, nein, der muss beide Marathons unter seine Reifen nehmen. Auf der Liste der Dinge, die jeder Rennradler einmal gemacht haben muss, sind die Maratona und der Ötztaler definitiv in der Top-Ten zu finden.

Christian Biechele

 

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