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22.07.2018, 22:12

Die dritte Stellungnahme im Wortlaut

Özil erhebt schwere Vorwürfe gegen Grindel

Mesut Özil ist am Sonntagabend mit einem Paukenschlag aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Das dritte und letzte Statement des Weltmeisters von 2014 barg ordentlich Zündstoff - und feuerte vor allem in Richtung DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Er wird nicht mehr im Nationaldress auflaufen: Mesut Özil.
Er wird nicht mehr im Nationaldress auflaufen: Mesut Özil.
© imagoZoomansicht

Özil wird nicht mehr für die Nationalmannschaft auflaufen - und hat das am Sonntag ausführlich erklärt. In Teil 1 seiner Stellungnahme hatte Özil am Sonntagmittag zu den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan Stellung bezogen. Zwei Stunden später legte er in Teil 2 mit einer Schelte für Medien und Sponsoren nach. Kurz nach 20 Uhr dann folgte in den sozialen Medien der Frontalangriff auf DFB-Präsident Grindel.


Die Stellungnahme von Teil 3 in deutscher Übersetzung


"Das Thema, das mich wohl am meisten im Laufe der letzten Monate frustriert hat, war die schlechte Behandlung des DFB - und insbesondere von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Nach dem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen und nach Berlin zu kommen, um ein gemeinsames Statement abzugeben, das das Gerede beenden würde und um den Fokus zu richten. Während ich versuchte, Grindel mein Erbe, meine Herkunft und damit meine Gründe für das Foto zu erklären, war dieser vielmehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.

Während seine Handlungen herablassend waren, war der Konsens, zu dem wir kamen, dass es das Beste wäre, sich auf den Fußball und die anstehende Weltmeisterschaft zu konzentrieren. Das war auch der Grund, warum ich den DFB-Media-Day während der WM-Vorbereitung nicht besucht habe. Ich wusste, dass die Journalisten, die nur über Politik und nicht über Fußball diskutierten, mich nur attackieren würden, obwohl die ganze Sache von Oliver Bierhoff in einem TV-Interview vor dem Saudi-Arabien-Spiel in Leverkusen eigentlich für beendet erklärt worden war.

Während dieser Zeit habe ich mich auch mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier getroffen. Anders als Grindel war er professionell und tatsächlich daran interessiert, was ich über meine Familie, mein Erbe und meine Entscheidungen zu sagen hatte. Ich erinnere mich daran, dass das Treffen nur mit mir, Ilkay (Gündogan, Anm.d.Red.) und Präsident Steinmeier stattgefunden hat. Grindel war außer sich, dass es ihm nicht gestattet war, daran teilzunehmen, um seine eigene politische Agenda zu pushen. Ich habe mich mit Präsident Steinmeier darüber verständigt, dass wir ein gemeinsames Statement zu dem Thema veröffentlichen würden, ein weiterer Versuch das hinter sich zu bringen und uns auf den Fußball zu konzentrieren. Aber Grindel war aufgebracht, dass es nicht sein Team war, das das erste Statement veröffentlichen konnte - er war verärgert, dass Steinmeiers Presseabteilung die Führung bei dieser Sache übernommen hatte.

Seit dem Ende der Weltmeisterschaft kam Grindel gehörig unter Druck wegen seiner Entscheidungen, die er vor der WM getroffen hatte. Vor Kurzem hat er dann öffentlich erklärt, dass ich mich noch einmal zu meiner Handlung äußern solle und mich als Schuldigen für die schlechten Resultate unseres Teams in Russland auserkoren - nachdem er mir in Berlin gesagt hatte, dass die Sache vorbei sei. Ich spreche nun nicht, weil Grindel es will, sondern weil ich das so will (Dieser Satz war fettgedruckt, Anm.d.Red.).

Ich werde mich nicht länger als Sündenbock für seine Inkompetenz und seine fehlende Fähigkeit, seinen Job richtig auszuführen, hinstellen lassen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto nicht mehr in der Mannschaft wollte, seine Sicht der Dinge veröffentlichte er auf Twitter, ohne darüber nachzudenken oder sich darüber zu beraten. Aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff standen für mich ein und stärkten mir den Rücken. In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen - und Immigrant, wenn wir verlieren. Obwohl ich in Deutschland Steuern zahle, deutsche Schulen finanziell unterstütze und mit Deutschland 2014 die WM gewonnen habe, bin ich noch immer nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Ich werde anders behandelt.

Ich habe 2010 den "Bambi" als Beispiel erfolgreicher Integration in die deutsche Gesellschaft erhalten, ich habe das Silberne Lorbeerblatt im Jahr 2014 von der Bundesrepublik Deutschland erhalten und ich war Deutscher Fußball-Botschafter in 2015. Aber ganz klar bin ich kein Deutscher?? Gibt es Kriterien, um ein richtiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Mein Freund Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum ich als Deutsch-Türke? Ist es, weil es um die Türkei geht? Ist es, weil ich Moslem bin? Ich glaube, das könnte ein wichtiger Grund sein. Alleine die Tatsache als Deutsch-Türke bezeichnet zu werden, grenzt Menschen aus, deren Familie aus mehr als einem Land kommt. Ich bin in Deutschland geboren und wurde dort erzogen, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?

Grindels Meinung kann überall gefunden werden. Ich wurde von Bernd Holzhauer (einem deutschen Politiker) als "Ziegenf++er" bezeichnet, wegen meines Fotos mit Präsident Erdogan und meines türkischen Hintergrunds. Darüber hinaus teilte mir Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters München) mit, ich solle mich nach "Anatolien verpissen" - ein Gebiet der Türkei, aus dem viele Immigranten stammen. Wie ich bereits zuvor gesagt habe: Kritik und Schmähungen wegen meiner familiären Abstammung sind schändlich - Diskriminierung als Mittel der politischen Propaganda zu verwenden, müsste unmittelbar zum Rücktritt solch respektloser Individuen führen.

Diese Personen haben mein Foto mit Präsident Erdogan als Möglichkeit genutzt, um ihre zuvor verheimlichten rassistischen Tendenzen auszudrücken, und das ist gefährlich für die Gesellschaft. Sie sind nicht besser als der deutsche Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden sagte: "Özil, verpiss Dich, Du scheiß Türkensau. Türkenschwein hau ab." Oder in Englisch: "Özil, fk off you Turkish s*t, piss off you Turkish pig." Gar nicht sprechen möchte ich über die Hassmails, Drohanrufe und Kommentare in sozialen Medien, die meine Familien und ich erhalten haben. Sie alle repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das gegenüber neuen Kulturen nicht offen ist und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin mir sicher, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft wollen, mit mir übereinstimmen.

Zu Ihnen, Reinhard Grindel: Ich bin sehr enttäuscht von Ihren Aktionen, aber nicht überrascht. 2004, als Sie noch Mitglied des deutschen Parlaments waren, haben Sie behauptet, dass "Multikulturalismus in der Realität ein Mythos sei und eine lebenslange Lüge", während Sie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und Strafen für Bestechung gestimmt haben. Ebenso haben Sie gesagt, dass die islamische Kultur inzwischen in deutschen Städten zu verwurzelt sei. Das ist unverzeihlich und unvergesslich.

Die Behandlung, die ich vom DFB und vielen anderen erhalten habe, hat dazu geführt, dass ich das deutsche Nationaltrikot nicht mehr tragen möchte. Ich fühle mich nicht gewollt und denke, dass alles, was ich seit meinem Debüt 2009 erreicht habe, vergessen wurde. Leuten mit rassistisch-diskriminierendem Hintergrund sollte es nicht erlaubt sein, im größten Fußballverband der Welt, der so viele Spieler unterschiedlicher Abstammung hat, arbeiten zu dürfen. Derartige Einstellungen spiegeln nicht die Spieler wider, die sie repräsentieren sollen.

Schweren Herzens und nach reiflicher Überlegung wegen der jüngsten Ereignisse werde ich nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, weil ich das Gefühl von Rassismus und fehlendem Respekt habe. Ich habe das deutsche Trikot mit viel Stolz und Freude getragen, doch jetzt nicht mehr. Die Entscheidung fiel mir sehr schwer, auch weil ich immer alles für meine Mannschaftskameraden gegeben habe, den Trainerstab und die guten Leute in Deutschland. Aber, wenn hochrangige DFB-Funktionäre mich so behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und selbstsüchtig für ihre politischen Zwecke missbrauchen: genug ist genug! Dafür spiele ich nicht Fußball und ich werde mich nicht zurücklehnen und nichts machen. Rassismus darf niemals akzeptiert werden."

kon

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Mesut Özil
Özil im DFB-Dress: Von der "Klasse von 2009" zum Weltmeister

Mesut Özil spielte seit dem Jahr 2009 für die deutsche Nationalmannschaft, er nahm bis 2018 an allen großen Turnieren teil und feierte mit dem WM-Triumph 2014 in Brasilien seinen größten Erfolg. Nach 92 Länderspielen erklärte er seinen Rücktritt. Die Höhepunkte von Özils Nationalmannschaftskarriere in Bildern ...
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weitere Infos zu Özil

Vorname:Mesut
Nachname:Özil
Nation: Deutschland
Verein:FC Arsenal
Geboren am:15.10.1988


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