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14.03.2016, 12:58

Von der Musicalbühne in die Stadien

Die Geschichte von "You'll never walk alone"

Wie die Fans in Dortmund am Sonntag kurz vor und kurz nach dem Schlusspfiff "You'll never walk alone" anstimmten, war Teil ihrer beindruckenden Reaktion auf die Tragödie um zwei Zuschauer. Doch was hat es mit diesem Lied eigentlich auf sich? Wie fand es seinen Weg in zahlreiche Fußballstadien? Ein Stück Musikgeschichte, vor der sogar englische Reporter erschrecken.

Fans und Profis von Borussia Dortmund am Sonntag
Gemeinsam trauern - mit einem Lied, das jeder Fußballfan kennt: Fans und Profis von Borussia Dortmund am Sonntag.
© imagoZoomansicht

Geh' weiter durch den Wind, geh' weiter durch den Regen - obwohl deine Träume verworfen und weggeblasen sind! Geh' weiter, geh' weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen - und du wirst nie alleine gehen!"

Dieser schwülstig-kitschige Text, vorgetragen in einem Stadion voll bierseliger Fans, zöge wohl ein gellendes Pfeifkonzert nach sich. Die auf Englisch gesungene Variante dagegen gehört in vielen Arenen Europas fest zum Repertoire: "You'll never walk alone". Der Kultsong erblickte sozusagen am 19. April 1945 das Licht der Welt, lange bevor er nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Fußballkultur wurde.

An diesem Tag feierte das Musical "Carousel", geschrieben und komponiert von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, am New Yorker Broadway Premiere. Sie orientierten sich an dem Theaterstück "Liliom", geschrieben von dem ungarischen Dramatiker Ferenc Molnar und 1909 in Budapest erstmals aufgeführt. Im Musical geht es um einen leichtlebigen Mitarbeiter eines Jahrmarktkarussells, der sich nach einem misslungenen Raubüberfall umbringt. Er darf für einen Tag auf die Erde zurückkehren und bringt seiner Tochter, die ein freudloses Dasein fristet, einen Stern mit, der dem Kind eine bessere Zukunft verheißt.

Der legendäre "Kop" machte den Anfang

"You'll never walk alone" wird gleich zweimal dargeboten, besonders eindrucksvoll im höchst emotionalen, mitreißenden Finale. Es schwingt ein trauriger Unterton mit, doch die Botschaft ist optimistisch. Zeitgenössischen Berichten zufolge war es gerade dieses Lied, das besonders weibliche Zuschauer in Scharen zu den Aufführungen zog, um Trost zu finden, weil der Ehemann, Vater oder Bruder noch im Zweiten Weltkrieg kämpften. Kein Wunder, dass "Carousel" am Broadway 890-mal aufgeführt wurde. 1956 kam eine Filmversion in die Kinos, und zahlreiche Künstler nahmen in der Folgezeit den Song in ihr Programm auf, wie Frank Sinatra, Louis Armstrong, Mahalia Jackson, Ray Charles, Doris Day und Elvis Presley.

Doch wie schaffte es "You'll never walk alone" auf die Stehplätze? Die Anhänger von Celtic Glasgow und des FC Liverpool haben sich Jahrzehnte darüber gestritten, selbst aus Fulham wurden Ansprüche laut, doch es gilt als erwiesen, dass der legendäre "Kop" an der Anfield Road das Lied als Erster zur Fußball-Hymne umwidmete. Denn es war die Liverpooler Band "Gerry and the Pacemakers", die den Song 1963 coverte und zu einem Nummer-eins-Hit machte.

Wie auf Kommando ohne Vorsänger

Es lässt sich nicht mehr auf den Tag genau sagen, wann die dichtgedrängte, wogende Masse damit begann, dieses Lied zu intonieren - bis heute und vielleicht in alle Ewigkeit: ritualisiert, fast spirituell, ohne Vorsänger, wie auf ein Kommando vor jedem Spiel, jedem Pausen- und jedem Schlusspfiff und ganz gewiss auch danach, egal wie es steht, egal wie es ausgeht. "Singen ist der Ruf an die Artgenossen um Unterstützung und Abschreckung", stellte Charles Darwin fest, die mächtige Mauer mit damals bis zu 28.000 Menschen unmittelbar hinter dem Tor lieferte den Beleg dafür. "Bei Gott, sie erschrecken mich", staunte ein BBC-Reporter, der seinen Landsleuten das Phänomen an der Mersey in einem "Panorama"-Beitrag schilderte.

"You'll never walk alone" - "diese fette Scheibe Schmalz" (John Lennon) - war der Impuls für den Crossover von Fußball und Musik. Der Stadiongesang in seinen verschiedensten Formen, den der Musikpsychologe Reinhard Kopiez (Hannover) "die größte musikalische Massenbewegung unserer Zeit" nennt, trat aus der Heimat der Beatles einen Siegeszug um die Welt an. Die Ur-Hymne jedoch blieb in England dem Kop vorbehalten. Schnell wurde auch erkannt, dass sich der Titel vortrefflich für karitative Zwecke eignete. In den USA wurde er lange Zeit von der Initiative von Jerry Lewis für die nationale Muskelschwundhilfe eingesetzt, später auch für Spendenaktionen nach Hurricane Andrew und zahlreiche AIDS-Kampagnen.

Diese melancholische Hymne ist so großartig, weil sie um die Möglichkeit der Niederlage weiß.Bild- und Tonkünstler Alfred Behrens

Das fürchterliche Unglück bei einem Drittligaspiel in Bradford im Mai 1985, bei dem durch ein Feuer 56 Menschen ums Leben kamen und mehrere Hundert verletzt wurden, war für Ex-Pacemaker Gerry Marsden der traurige Anlass, den Song noch einmal aufzunehmen. Zugunsten der Opfer und Hinterbliebenen organisierte er das Projekt "The Crowd" mit zahlreichen Promis der britischen Musikszene. Vier Jahre später, nach der Katastrophe von Hillsborough, trug die Trauer wieder diesen Titel. In der Andacht zum Gedenken Robert Enkes zitierte die damalige Landesbischöfin Margot Käßmann den Text in ihrer Predigt, im Stadion wurde das Lied noch einmal zu einfacher Gitarrenbegleitung herzergreifend gesungen.

Ein junger Liverpool-Fan an der Anfield Road
Bis heute und vielleicht in alle Ewigkeit: Ein junger Liverpool-Fan singt "YNWA" an der Anfield Road.
© imago

Abgesehen von der obligatorischen Standardbeschallung in den Stadien zelebrieren in Deutschland die Fans vieler Klubs quer durch alle Ligen "You'll never walk alone", insbesondere dort, wo Fanfreundschaften mit Liverpool (Mönchengladbach) und Celtic (St. Pauli) bestehen, und auf der Südtribüne in Dortmund oder in Mainz. Folgerichtig gibt es auch sehr launige Versionen deutscher Musikgrößen wie den Toten Hosen, Bela B von den Ärzten und The BossHoss.

Der deutsche Bild- und Tonkünstler Alfred Behrens schuf anlässlich der WM 2006 gar die "Originaltonkantate - You'll never walk alone" mit in europäischen Stadien aufgenommenen Sounds. Er sagt: "Diese melancholische Hymne ist so großartig, weil sie um die Möglichkeit der Niederlage weiß." So ist es mit dem Stadion-Hit, auch wenn der zum inflationär verwendeten Dauerbrenner zu verkommen droht: Die Botschaft - mit Hoffnung im Herzen den Kopf hochhalten und immer weitergehen - bietet in dunklen Augenblicken Trost, ganz im Sinne des ursprünglichen Liedes im melodramatischen "Carousel". Und als "You'll never walk alone" verbindet sie für wenige Minuten sogar Fans hitzig rivalisierender Lager.


Dieser Artikel erschien in der kicker Edition "Die großen Derbys" (2011)


Karsten Blum/Jörg Jakob

Video zum Thema
kicker.tv Hintergrund- 14.03., 08:47 Uhr
Besonders trauriger Abend in Dortmund
Erst Stille im Stadion, dann gedrückte Stimmung im Presseraum und leere Gesichter der Trainer. Ein Fan war während des Spiels der Dortmunder Borussia gegen Mainz gestorben, alle Reanimationsversuche erfolglos geblieben. Auf den Rängen hatte sich die Nachricht schnell verbreitet, die Trainer Thomas Tuchel und Martin Schmidt sowie die Teams aber wussten lange von nichts. Das Verhalten der Fans wurde von allen Seiten stark gelobt.
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