Nationalelf

Zwei Jahre nach der Ausbootung: Müller hat die besten Comeback-Chancen

Eine Analyse von Chefreporter Karlheinz Wild

Zwei Jahre nach der Ausbootung: Müller hat die besten Comeback-Chancen

Gibt es doch ein Comeback in der Nationalelf? Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng wären wohl bereit.

Gibt es doch ein Comeback in der Nationalelf? Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng wären wohl bereit. imago images

Es war eine Aktion unter strengster Geheimhaltung, unter keinen Umständen sollte vorher davon etwas an die Öffentlichkeit dringen. Einzig die ausführenden Personen waren eingeweiht. Entsprechend gewaltig schlug es ein, als Bundestrainer Joachim Löw, der heutige DFB-Direktor Oliver Bierhoff sowie im Gefolge der Trainerassistent Marcus Sorg an der Säbener Straße in München zur Mittagszeit als Überraschungsgäste mit einer aufsehenerregenden Botschaft auftauchten.

Es war der Faschingsdienstag 2019. Nachdem die Vormittagsschicht des FC Bayern beendet war, erfuhren Jerome Boateng (32), Mats Hummels (32) sowie Thomas Müller (31), dass sie diese DFB-Delegation zum Gespräch bitte. Teammanagerin Kathleen Krüger geleitete die drei Bayern-Profis in den Besprechungsraum im Obergeschoss der Klub-Zentrale. Bei diesen kurzminütigen Einzelterminen erfuhren erst Boateng, dann Hummels, dann Müller, dass sie fortan und zumindest vorerst in den Personalplanungen der Nationalmannschaft keine Rolle mehr spielen sollten. An diesem Freitag jährt sich jener spektakuläre Vorgang zum zweiten Mal.

Blamage in Spanien befeuert die Diskussion

Der Tiefpunkt: Spanien bejubelt sechs Tore gegen Deutschland

Der Tiefpunkt: Spanien bejubelt sechs Tore gegen Deutschland. Getty Images

Die Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung - weg von diesem weltmeisterlichen Trio und hin zu einem radikaleren Personalumbruch nach der missratenen WM 2018 - wird seither im deutschen Fußball diskutiert, neuerdings wieder heftiger. Vor allem seit dem durchwachsenen Länderspieljahr 2020 mit der wuchtigen 0:6-Niederlage in Spanien als Tiefpunkt kommen die Fragen nach den drei aussortierten Routiniers immer häufiger hoch.

18 Länderspiele hat die DFB-Auswahl seit der Ausmusterung von Boateng, Hummels, Müller absolviert - mit diesem Ertrag: 10 Siege, 6 Unentschieden, 2 Niederlagen bei 47:26 Toren. Sechsmal stand die Null, also in einem Drittel der Begegnungen. Je neunmal formierte der Bundestrainer seine Abwehr als Dreier- und Viererkette. Boateng hatte in 45 seiner 76 Länderspiele zur Startelf gehört, 39-mal in einer Vierer- und lediglich sechsmal in einer Dreierabwehr. Hummels begann in seinen 70 Einsätzen 57-mal innen in der Viererabwehr, neunmal in einem Dreierblock. Beide beherrschen also beide Varianten, mehr gewohnt sind sie den Viererblock.

Boateng und Hummels vor der Entlassung: Keine konstante Periode der Unentbehrlichkeit

Mats Hummels und Jerome Boateng

Waren schon vor der Entlassung nicht immer dabei: Mats Hummels und Jerome Boateng. Getty Images

Seit der EM 2016 in Frankreich, wo Boateng in allen sechs Partien von Anpfiff an mitwirkte, aber dreimal ausgewechselt wurde, verteidigte der FCB-Profi in höchstens drei Länderspielen hintereinander, dann fiel er jeweils aus, so dass er lediglich elf der 34 Länderspiele bis März 2019 mitmachte, also ein knappes Drittel. Für Hummels sind von März 2017 bis März 2019 nur die Hälfte der 26 Länderspiele gelistet. Beide Innenverteidiger erlebten also bis zu ihrer Entlassung keine konstante Periode der Unentbehrlichkeit.

Süle, Ginter und Rüdiger sind die ersten Anwärter

Aus der sechsköpfigen Schar der Boateng-Hummels-Erben hatte Niklas Süle (FC Bayern) seit jenem Tag des personellen Umsturzes die meisten Einsätze in der DFB-Auswahl, 13, somit 67,7 Prozent der Spielzeit. Ihm folgen der Mönchengladbach Matthias Ginter (12 Einsätze/ 58,4 %), Jonathan Tah aus Leverkusen (9/ 37,5 %), Emre Can (Dortmund/ 9 Spiele/ 25,1 % der Spielzeit), Antonio Rüdiger (Chelsea) mit acht Auftritten (42,5 %) und Robin Koch (Leeds) mit sieben (33,4 %). Süle, Ginter und Rüdiger haben sich als erste Anwärter für die - je nach System - zwei oder drei Posten in der Innenverteidigung herauskristallisiert. Für Süle ist die beste Pass- und Zweikampfquote erhoben: 93,7 Prozent seiner Zuspiele kommen an, dazu gewinnt er 64,9 Prozent seiner Duelle. Ginters Passgenauigkeit beläuft sich auf 86,0 Prozent (Zweikampfwert: 45,7 %), bei Rüdiger sind es 90,9 Prozent bei den Pässen und 58,6 bei den direkten Duellen.

In ihren Vereinen sind Boateng und Hummels feste Größen im Abwehrzentrum. Der Münchner Verteidiger ist unter dem Cheftrainer Hansi Flick wieder Stammkraft im FCB-Abwehrzentrum, wo er seit jenem 5. März 2019 insgesamt 71-mal aufgestellt wurde. Hummels machte für den BVB seitdem 85 Pflichtpartien. Derweil entwickelte sich Ginter bei Borussia Mönchengladbach zum Dauerbrenner mit 78 Einsätzen seit März 2019 und nonstop in jedem VfL-Pflichtspiel auf dem Feld in der laufenden Saison 2020/21, in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal, in der Summe 34-mal vom An- bis zum Abpfiff.

In den Zweikampf- und Passwerten, auf ihre Vereinsmannschaften bezogen, liegen sämtliche Kandidaten - Boateng und Hummels sowie Can, Rüdiger, Süle, Tah, Ginter und Koch - einigermaßen gleichauf. Süle (66,0 %) und Ginter (65,2 %) setzen sich allerdings eindeutig besser im Zweikampf durch als Boateng (58,9 %) und Can (58,6) oder Rüdiger (59,6). Den beiden Weltmeistern und Routiniers gelingt aber eine gezieltere Spieleröffnung, vor allem mit präzisen Schlägen auf die Langdistanz, zudem können sie sich im Defensivverhalten und da in der Auseinandersetzung Mann gegen Mann auf ihre Auge verlassen. In den Sprintduellen und der Geschmeidigkeit auf engstem Raum verraten sie Defizite.

Löw steckt in einem Dilemma

Niklas Süle

Löw baut auf ihn: Niklas Süle. Getty Images

Die Abwehr bezeichnet auch der Bundestrainer (im großen kicker-Interview am vergangenen Montag/Printausgabe) als Achillesferse "in einigen Spielen zuletzt", doch dieser Mannschaftsteil ist für ihn "das kleinste Problem, weil das Thema gut zu lösen ist in drei, vier Wochen Arbeit". Er meint vor dem EM-Turnier. Und mit Blick auf diesen europäischen Contest und die Verteidigung steckt Löw in einem Dilemma: Boateng und/oder Hummels können ihm eine Stabilisierung hinten genauso wenig garantieren wie deren Nachfolger. "Rüdiger hat sich verbessert", sagt Löw. Ginters Seriosität und Beständigkeit imponieren ihm und auf den nach seinem zweiten Kreuzbandriss schlingernden Süle, der eigentlich der neue Abwehrchef werden soll(te), baut er ausdrücklich: "Süle ist ein Spieler mit enormem Potenzial." Der FCB-Verteidiger muss diesen Bonus aber konstant nachweisen.

Müller fühlt sich in der offensiven Zentrale am wohlsten

In der Offensive wählte Löw in acht der 18 Länderspiele seit der 2019-er Zäsur ein Modell mit einem zentralen offensiven Mittelfeldspieler, zweimal hinter zwei Spitzen, sechsmal im 4-2-3-1 - wie es der FC Bayern bevorzugt, gerne zum 4-3-3 verformt, allerdings immer mit Müller als Zehner. Dort fühlt sich Müller am wohlsten, weil er seinen Blick für die Situation, sein Raumgefühl, seine Laufstärke sowie seine Torgefährlichkeit per Assist oder im Abschluss ausleben kann. Als Flick im November 2019 beim Rekordmeister übernahm, verschob er Müller sofort in die offensive Zentrale, in knapp 80 Prozent der FCB-Partien agierte Müller in der offensiven Zentrale.

Thomas Müller

Mit Sicherheit kein Mitläufer: Thomas Müller. imago images

Im Nationaldress startete der Münchner 69-mal in der Grundformation auf der rechten Flanke (31 Tore/ 30 Assists), im zentralen offensiven Mittelfeld siebenmal (kein Tor, 1 Vorlage). Wo sieht ihn der Bundestrainer heute? Rechts oder in der Mitte? "Bei uns hat er überwiegend auf der rechten Seite gespielt, das war viele Jahre auch die beste Position für ihn", antwortet Löw auf die kicker-Frage zunächst historisch, um dann auf die Gegenwart zu lenken: "Im Moment ist die Zehnerposition besser für ihn."

Zahlreiche Spezialisten um Gündogan und Co.

Für diese Position stehen in der DFB-Auswahl mehrere Spezialisten bereit. Vor den aus der Tiefe operierenden Joshua Kimmich und Toni Kroos können einige Akteure diese Rolle verschieden interpretieren: Leon Goretzka (10 Einsätze seit März 2019) als laufstarker Verbindungsmann zwischen den Strafräumen sowie vorne reinstoßender, torgefährlicher Achter (6 Treffer in den vergangenen zwei Jahren); Ilkay Gündogan (13 Spiele/ 4 Tore) als technisch feiner, gestalterischer Darsteller (92,3 % sind hier die beste Passquote und 57,8 die beste Zweikampfquote in dieser Position); Julian Draxler (7), der über die Flanke loslegen, aber auch eine hängende oder falsche Neun geben kann, der allerdings selten überzeugt. Ihm gelang wie Julian Brandt, der vorne variabel einsetzbar, aber nirgends konstant und effizient ist, lediglich ein Tor im DFB-Dress. Kai Havertz (8 Spiele) kann in der Offensive als Rechtsaußen (da 2 Tore beim DFB seit März 2019), Achter oder Zehner (2 Tore) oder unmittelbarer Stürmer losgeschickt werden; Florian Neuhaus (3 Länderspiele/ 1 Tor) ist mehr der strukturierende, einfädelnde und torgefährliche Spieler im Halbbereich.

Müllers Torbilanz sticht ins Auge

Beim Quervergleich der Daten, die von allen diesen offensiven Spielern in ihren Vereinen stehen, sticht Müllers Torbilanz ins Auge: Er erzielte für den FC Bayern in diesen zwei Jahren 30 Treffer in 95 Spielen, also in jedem dritten einen, allein für Havertz ist einer mehr gezählt, doch beim FC Chelsea fremdelt dieser Hochbegabte noch. Löw sieht in ihm in jedem Fall einen EM-Fahrer und einen Mann für die womöglich besonderen Momente. Im Schnitt 2,6 Spiele für ein Tor belegen Havertz' Torgefährlichkeit. Brandt erzielte für Leverkusen und Dortmund in diesem Zeitraum 12 Tore in 85 Einsätzen, also in jedem siebten Spiel einen, Draxler drei in 51 für Paris: Er schmückte also lediglich jeden 17. Auftritt mit einem Tor.

Müller: Führungsfigur statt Mitläufer

Müller hat sich beim FC Bayern mit seiner Präsenz und Effizienz wieder zur prägenden Figur entwickelt. Er bringt seine Persönlichkeit als eine Art Spielertrainer und lautstarker Antreiber wie organisierender Dirigent nicht nur im unmittelbaren Spiel ein, sondern auch als Führungsfigur rundum. Ein Mitläufer wäre Müller in dieser Verfassung und mit dieser Ausstrahlung bei einem möglichen Comeback ganz sicher nicht. Gewisse Themen müssten vorher abgeklärt werden, zuallererst seine Position auf dem Fußballfeld, ohne dass Müller eine Stammplatzgarantie fordern würde, die ihm der Bundestrainer sowieso nicht geben könnte. Müller ist bereit, sich zum Wohle der Mannschaft einzugliedern. Diese Voraussetzung ist bei der Abstimmung seiner hierarchischen Wertigkeit fundamental. Löw befürchtet da keinerlei Probleme, wie er dem kicker sagte: Müller wie Hummels seien charakterlich so strukturiert, "dass sie andere in der Führung zulassen und nicht unterdrücken". Boateng fand in diesem Zusammenhang keine Erwähnung.

Müller hat die besten Chancen

Gut zwei Jahre nach der Verbannung wird es in diesem März, wenn es gegen Island (25. März), Rumänien (28.) und Nordmazedonien (31.) in der WM-Qualifikation um Punkte geht, noch keine Wiedernominierung dieses Trios geben. Diese Feststellung hat Löw im kicker-Interview getroffen. Vorerst soll insgesamt die weitere Entwicklung bis Mai verfolgt werden: bei der gesamten Mannschaft; auf den Positionen im Abwehrzentrum sowie im offensiven Mittelfeld. Als aktueller Trio-Trend zeichnet sich ab: Müller hat - auch dank seiner im konstant starken Form und seines mitreißenden Auftretens - die besten Chancen, dass seine 100 Länderspiele noch Zuwachs bekommen; bei Boateng und Hummels ist die Frage der Rückkehr offener, wobei die Aussichten für Boateng am trübsten sind. Doch die endgültige Kadernominierung werden nicht allein die einzelnen Kandidaten mit ihrer Verfassung und ihrem Gesamtwert für die Nationalmannschaft beeinflussen, sondern auch Verletzungen.

Sicher und für Löw beruhigend ist: Boateng hat schon mehrmals seinen Willen zur Neuaufnahme seiner DFB-Karriere bekundet; bei Müller, der sich bislang öffentlich nicht konkret äußerte, steht sie genauso definitiv fest. Und bei Hummels, der zu diesem Thema seit langem schweigt, wird - unter anderem in seinem Verein Borussia Dortmund - davon ausgegangen, dass auch er gerne den DFB-Dienst wieder anträte. Schließlich sagte er immer, dass für ihn die Nationalmannschaft etwas Besonderes sei.

Karlheinz Wild