Bundesliga

Zingler watscht Eberl ab und kündigt Kampf um Stehplätze an

Seitenhieb auf Gladbacher "Pappkameraden"

Zingler watscht Eberl ab und kündigt Kampf um Stehplätze an

Union Berlins Klubchef Dirk Zingler

Union Berlins Klubchef Dirk Zingler imago images

Beim Testspiel des 1. FC Union gegen den 1. FC Nürnberg waren erstmals seit 187 Tagen wieder Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei dabei. Es war ein besonderer Tag, wie Dirk Zingler nach dem Vorbereitungsspiel bemerkte. "Ich habe wenig vom Spiel gesehen, ich habe mir eher die Menschen angeschaut. Wenn ich in diese glücklichen Augen geschaut habe, die haben sich die Seele aus dem Leib gesungen, weil sie endlich wieder hier waren", sagte der Präsident des 1. FC Union.

Nach dem 2:1 über den Club sprach Zingler, dessen Klub bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) möglicherweise eine Ausnahmegenehmigung für die Nutzung der bis Ende Oktober eigentlich gesperrten Stehplätze beantragen wird, zudem über:

... die Rückkehr der Zuschauer:
"Es war ein ganz wichtiger Tag für uns. Es war wichtig zu zeigen, dass beides möglich ist: Menschen zusammenkommen zu lassen und trotzdem auf den Infektionsschutz zu achten. Wir müssen weiter leben, auch mit dem Virus. Dazu gilt es auch, den Menschen Vertrauen zurückzugeben. Wir haben den Menschen den Raum gegeben, und sie haben sich sehr verantwortungsvoll verhalten. Das sollten wir in der Gesellschaft mehr tun: den Menschen wieder vertrauen und Verantwortung geben, dass sie sich in der Pandemie vernünftig verhalten können. Ich bin stolz darauf, dass die Unioner heute den Beweis dafür angetreten haben, dass das Vertrauen gerechtfertigt war."

... eine mögliche Signalwirkung dieses Tests:
"Wir haben heute den Beweis angetreten, dass es im kleinsten Bundesliga-Stadion geht. Ich würde mir wünschen, dass an anderen Bundesliga-Standorten, an denen viel mehr Platz ist, wo Hygienemaßnahmen durchaus möglich sind, dass es dort auch möglich wäre. Wir sollten positive Zeichen setzen und nicht immer Zeichen der Einschränkungen."

... Unions zunächst gescheitertes Konzept, alle 22.012 Plätze im Stadion zu vergeben und dafür alle Zuschauer vorab auf Corona zu testen:
"Für mich ist dieses Konzept präventiver Test weiterhin total aktuell, weil wir brauchen am Ende Nähe. Wir brauchen keine Distanz, sondern auch soziale und körperliche Nähe. Also gilt es, weiter daran zu arbeiten. Wir werden das nicht alleine machen. Ich glaube, dieser Wunsch hat sich auch in der Liga durchgesetzt, dass man nicht nur für den Fußball, sondern auch bei anderen Veranstaltungsformaten mit präventiven Tests arbeitet. (...) Wir sind schon lange nicht mehr alleine auf diesem Weg. Wir werden eher getestete Menschen ohne Abstand ins Stadion holen als ohne präventive Dinge."

... die Reaktion des zuständigen Gesundheitsamtes Treptow-Köpenick auf den Test gegen Nürnberg und Zuschauer beim Bundesliga-Start in zwei Wochen gegen den FC Augsburg:
"Das Gesundheitsamt war hier, hat sich alles angeschaut. Das Gesundheitsamt ist sehr zufrieden, auch mit dem Verhalten der Menschen. Wir werden so weitermachen. Wir werden gegen Augsburg auch wieder 5000 Menschen reinlassen. Ich hoffe, dass das ein Auftakt ist, auch mal neu zu denken, dass beides geht: Infektionsschutz und Veranstaltungen."

Wir werden unsere Stehplätze nicht kampflos hergeben.

... die Frage, ob die Alte Försterei für den Bundesliga-Start gegen Augsburg mit zusätzlichen Sitzschalen ausgerüstet wird, um bis zu 5000 Zuschauer zulassen zu können - Unions Stadion bietet derzeit nur 3617 Sitzplätze, Stehplätze dürfen nach einem DFL-Beschluss bis Ende Oktober nicht genutzt werden:
"Da lassen wir uns alle mal überraschen. Heute sind wir mal beim heutigen Spiel und denken nicht schon wieder ans nächste Spiel. (...) Wir werden unsere Stehplätze nicht kampflos hergeben."

... Kritik von anderen Klubs an Unions offensivem Vorgehen bei der Frage der Zuschauer-Rückkehr, skeptische Äußerungen von Gladbachs Manager Max Eberl und den Wunsch nach mehr Unterstützung:
"Unterstützung erwarte ich nicht, ich wünsche sie mir auch nicht. Wenn ich von Wettbewerbern Unterstützung bekomme, würde ich mir Gedanken machen, ob bei uns was nicht stimmt. Wir sind Wettbewerber. Meistens werden wir ja von den Menschen kritisiert, die selber nichts tun - außer Pappkameraden aufstellen. Das ist mir ein bisschen zu wenig."

Meistens werden wir ja von den Menschen kritisiert, die selber nichts tun - außer Pappkameraden aufstellen.

... Unions Hygienekonzept und die Nachverfolgung im Falle positiver Corona-Fälle im Stadion:
"Alle Plätze sind nummeriert und personalisiert. Wir wissen genau, wer um wen herumgestanden hat. (...) Wir lassen Menschen zusammenkommen und können eine Nachverfolgung garantieren. Aber im Alltag kommen Menschen permanent überall zusammen - ohne dass man es nachverfolgen kann. Wir sind dem normalen Leben weit voraus. Hier herrscht kein Risiko, sondern das Risiko herrscht im Alltag. In der Familie, bei der Arbeit."

... die finanziellen Aspekte der Rückkehr von 4500 Fans in Stadion:
"Alles, was wir jetzt tun, ist keine finanzielle Frage. Am Ende geht es darum, dass wir Veranstaltungen, Fußball und Leben zurückbekommen. Wer auf das Geld guckt oder das wirtschaftlich betrachtet, der sollte sich gar nicht erst auf den Weg machen, weil dann verlierst du. Es ist keine finanzielle Frage für uns, die Mannschaft spielt mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Menschen besser Fußball als ohne Menschen. Das ist Lohn genug für uns, am Ende auch wirtschaftlicher Lohn."

... die Diskussion um die regional unterschiedliche Anzahl von Zuschauern in den Stadien und um daraus resultierende Wettbewerbsvor- bzw. -nachteile:
"Christian Seifert (DFL-Chef, d. Red.) hat es richtig gesagt: Wir sollten das Wettbewerbsschwert noch nicht ziehen. Am Ende setzt sich Qualität auf dem Rasen durch. Da sind wir mit unseren Möglichkeiten relativ weit unten - egal, ob wir 3000 Zuschauer haben und die Bayern haben null. (...) Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe zu versuchen, Veranstaltungen mit Infektionsschutz zu organisieren. Wer jetzt anfängt zu sagen, wir sollten das nicht machen, weil wir dann Wettbewerbsthemen haben, der hat das Problem nicht erkannt. Wir haben kein Wettbewerbsproblem. Wir haben ein gesellschaftliches Problem, dass Menschen endlich wieder Menschen und soziale Kontakte brauchen - im Rahmen des Infektionsschutzes."

Aufgezeichnet von Jan Reinold

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