Bundesliga

Woher kommen über 1000 neue "Gewalttäter Sport"?

Antwort der Bundesregierung lässt Fragen offen

Woher kommen über 1000 neue "Gewalttäter Sport"?

Die Polizei vor dem Dortmunder Stadion. imago images

1056 Neueinspeicherungen wurden in der Datei Gewalttäter Sport (DGS) zwischen März und Dezember 2020 vorgenommen, also in einem Zeitraum, in dem nur bei wenigen Spielen eine begrenzte Anzahl von Zuschauern zugelassen wird. Gespeichert werden in der Verbunddatei aber ausschließlich Personen, gegen die im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen wegen möglicher Straftaten wie Land- und Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung oder Nötigung ermittelt wurde oder die deswegen verurteilt wurden. Doch wie kommt die hohe Zahl zustande, wenn kaum Menschen bei Sportveranstaltungen sind?

Die Antwort darauf sollte eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion und ihrer sportpolitischen Sprecherin Monika Lazar ergeben. Die Auskünfte, die dem kicker vorliegen und über die das WDR-Magazin Sport inside als erstes berichtet hatte, lassen aber weitere Fragen offen. Zum einen, so die Begründung der Bundesregierung, sei der Zeitpunkt der Neuspeicherung "nicht zwingend an den Tatzeitpunkt gebunden". Sprich: Die begangenen Taten können in vielen Fällen schon länger zurückliegen. Es sei "eine umfangreiche Prüfung des Einzelfalls über die Polizeibehörden der Bezugsvereine bzw. der Wohnort - Behörden notwendig, sodass zwischen Tatzeitpunkt und Eintrag in der DGS durchaus mehrere Monate liegen können", heißt es in der Antwort.

Pyrotechnik und "Drittort-Auseinandersetzungen"?

Zudem habe es auch im Zusammenhang mit Geisterspielen Treffen von Fangruppen gegeben, bei denen verbotene Pyrotechnik zum Einsatz kam, auch "Drittort-Auseinandersetzungen", also organisierte Prügeleien zwischen Fangruppen an meist abgelegenen Orten, hätten weiter stattgefunden. Und die Zahl sei zurückgegangen: "Dennoch hat sich bei Betrachtung der Vergleichszeiträume vor Beginn der Pandemie (März 2019 bis Dezember 2019) zur Phase während der Pandemie ("Geisterspiele" von März 2020 bis Dezember 2020) der Durchschnittswert der neu gespeicherten Personen in der DGS von 230 auf 105 Personen pro Monat mehr als halbiert."

Doch können diese Erklärungen wirklich alle Neueinspeicherungen erklären? Darin sind zumindest Zweifel erlaubt. Denn in der Vergangenheit wurden Personen bei Vergehen oder Verdachtsfällen im Normalfall zeitnah in die Datei aufgenommen. "Meine Erfahrung ist, dass die Polizei relativ schnell Eintragungen vornimmt und nicht Monate ermittelt", berichtet René Lau, Mitglied der AG Fananwälte, dem WDR. Fanansammlungen bei Geisterspielen gab es zudem nur sehr vereinzelt, verabredete Auseinandersetzungen von Fangruppierungen finden fast immer ohne Wissen der Polizei statt und sind auch im Nachgang wegen der Einvernehmlichkeit kein Thema für die Strafjustiz. Dafür sprechen auch "nur" 47 Neueintragungen wegen des Delikts der Körperverletzung.

Lazar fordert Transparenz

"Die Erklärungen der Bundesregierung für die Neu-Einspeicherungen finde ich nicht überzeugend", resümiert Grünen-Politikerin Lazar: "Von den erwähnten Drittort-Auseinandersetzungen dürfte die Polizei selten etwas mitbekommen, da diese im Geheimen organisiert werden. Größere Zusammenkünfte von 'Störergruppen' im Zusammenhang mit Geisterspielen sind mir nicht wirklich bekannt. Auch dass es sich hier angeblich um 'Altfälle' handelt, die länger zurück liegen und nun nach genauerer Prüfung in die Datei aufgenommen wurden, überzeugt mich nicht."

Ihre Forderung: "Die andauernden Speicherungen machen erneut deutlich, dass die Datei intransparent ist. Wir brauchen dringend eine Reform: Betroffene Fans müssen über die Speicherung ihrer Daten von den Behörden proaktiv informiert werden, um sich dagegen juristisch wehren zu können." Das ist bislang nur in Bremen der Fall.

Patrick Kleinmann