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Wo Deutschland mit Spanien mithält - und eine Schwäche

Daten-Analyse

Wo Deutschland mit Spanien mithält - und eine Schwäche, die langsam Tradition hat

Zwei Gesichter: Die DFB-Elf erspielt sich viele Chancen, lässt aber diverse Möglichkeiten zu.

Zwei Gesichter: Die DFB-Elf erspielt sich viele Chancen, lässt aber diverse Möglichkeiten zu. Getty Images

Schon bei den ersten Interviews nach dem Abpfiff der 1:2-Niederlage gegen Japan hatten die deutschen Spieler etliche Ideen zu Gründen für die "aberwitzige" Niederlage, wie sie Thomas Müller nannte: Die Effizienz vor dem Tor fehlte, nicht jeder wollte den Ball haben, und in der Abwehr wurden haarsträubende Fehler gemacht. Das erste Gefühl bestätigen auch die Zahlen. Aus vielen Chancen wurde wenig gemacht; und defensiv viel zu viel zugelassen.

Deutschlands beispielloser Chancenwucher

Zumindest in der Chancenerstellung treffen die beiden Schwergewichte des ersten WM-Spieltags aufeinander. Einzig Spanien und Deutschland gelang es in ihren Partien, mindestens zehn Chancen herauszuspielen. Die Iberer erspielten sich beim 7:0 gegen Costa Rica zehn Möglichkeiten, die DFB-Elf hingegen verwandelte nur eine der insgesamt sogar elf Chancen gegen Japan - und das per Strafstoß. Seit Beginn der Chancenerfassung im Jahr 2002 hat Deutschland nur in einer Gruppenphasenpartie mehr Chancen herausgespielt als gegen Japan: Beim 1:0 gegen Polen bei der WM 2006 waren es zwölf Stück.

Insgesamt gab Deutschland 26 Torschüsse ab - ein Wert, der seit Beginn der Torschusserfassung in 2014 nur in vier Gruppenphasenpartien erreicht wurde. Neben Argentinien beim Duell gegen Island 2018 (1:1, 27 Torschüsse) kam Deutschland dreimal auf mehr als 25 Torschüsse in einer Gruppenphasenpartie: 2018 gegen Südkorea (28, 0:2) und Mexiko (2018, 26, 0:1); 2022 nun gegen Japan (26). Die Chancenverschwendung hat also langsam Tradition.

Abgegebene Torschusse

Daran liegt es nicht: Deutschland weist bei den Torchancen Top-Werte auf. kicker

Defensiv in einer Reihe mit Saudi-Arabien und Costa Rica

Doch während auf der Gegenseite Spanien nicht einmal einen einzigen Torschuss Costa Ricas zuließ, kam Japan sogar zu sieben Chancen. Mehr hatten im laufenden Turnier bislang lediglich Frankreich (acht Chancen, 4:1 gegen Australien), England (acht Chancen, 6:2 gegen Iran), Spanien und Deutschland.

Dass Deutschland zu viele Chancen und Torschüsse zulässt, ist ein zentraler Punkt, der das Team von Topteams unterscheidet. Schon 2018 ließ die DFB-Elf gegen Südkorea (12) und Mexiko (13) zu viele Torschüsse zu - jetzt waren es gegen Japan wieder zwölf. Nimmt man die Gruppenphasenpartien aus 2018 und 2022 zusammen, gibt es nur acht Nationen, die in mindestens drei Partien zwölf oder mehr Torschüsse zugelassen haben. In einer Reihe mit dem Iran, Saudi-Arabien, Südkorea oder Costa Rica zu stehen ist aber sicherlich kein Kompliment für die DFB-Elf.

Grafik über zugelassene Torschüsse.

In schlechter Gesellschaft: Deutschland lässt zu viele Torschüsse zu. kicker

Dabei war Deutschland gegen Japan lange auf einem guten Weg, die defensive Schwäche zu bezwingen. Von den zwölf zugelassenen Torschüssen gaben sieben die Einwechselspieler Asano (5), Minamino (1) und Doan (1) ab - und zwei von ihnen landeten im Tor. Dieses Mal gilt es also, die defensive Kontrolle länger durchzuhalten.

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Dass es zu so vielen Chancen kommen konnte, lag mit Sicherheit auch an der Zweikampfschwäche der deutschen Defensive - mit Ausnahme von Antonio Rüdiger. Jeden seiner sieben Zweikämpfe gewann er; von allen Innenverteidigern mit mindestens so vielen Zweikämpfen blieb nur Frankreichs Ibrahima Konaté makellos (ebenfalls sieben von sieben). Rüdigers Kollege in der Innenverteidigung, Nico Schlotterbeck, gewann hingegen nur zwei seiner insgesamt sechs Zweikämpfe.

Spaniens Fabelspiel gegen Costa Rica

Gemein haben Spanien und Deutschland hingegen den Fokus auf Ballbesitz. Beide Teams hatten seit Erfassung der detaillierten Daten in 2014 in jeder WM-Partie mehr Ballbesitz als der Gegner - das wird sich an diesem Sonntag ändern müssen. Nicht nur das bislang letzte Duell Deutschlands und Spaniens, das die Iberer im November 2020 mit 70 Prozent Ballbesitz 6:0 gewannen, spricht dafür, dass Spanien den Ton angeben wird.

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In zahlreichen Kategorien waren die Statistiken gegen Costa Rica herausragend: 82 Prozent Ballbesitz und eine Passquote von 94 Prozent hatte seit 2014 kein anderes Team; 1045 gespielte Pässe sind zudem in dem Zeitraum mit großem Abstand der höchste gemessene Gruppenphasenwert vor England beim diesjährigen Duell mit dem Iran (797). Deutschlands Partie gegen Japan folgt hier auf Platz 4 mit 717 Pässen. Während England und Spanien aber Kantersiege einfuhren, war Deutschlands Ausbeute weniger zufriedenstellend.

Im direkten Duell zwischen Deutschland und Spanien wird sich nun zeigen, wie die beiden Teams auf der großen Bühne mit einem Gegner mit - zumindest in Hinblick auf die Chancenerstellung und den Ballbesitzfokus - ähnlichem Ansatz umgehen.

Björn Rohwer