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WM-Vergabe 2000: Das "Unternehmen Zukunft" wird zum Wettlauf mit der Zeit

Ribbeck, Beckenbauer, Mayer-Vorfelder und Klinsmann

WM-Vergabe 2000: Das "Unternehmen Zukunft" wird zum Wettlauf mit der Zeit

Erich Ribbeck, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw: Die Bundestrainer von 2000 bis zur WM 2006.

Erich Ribbeck, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw: Die Bundestrainer von 2000 bis zur WM 2006. imago images

Als Sepp Blatter an jenem Tag den Umschlag öffnet und Deutschland ganz offiziell den Zuschlag für die WM erteilt, ist eine der größten Blamagen der DFB-Nationalmannschaft nicht mal drei Wochen alt. Bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden ist die müde und überalterte Nationalmannschaft sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden. Gegen Rumänien reicht es zum Auftakt nur zu einem 1:1, gegen England verliert das Team um den 39-jährigen Kapitän Lothar Matthäus 0:1 - dann folgt die Blamage gegen Portugal, das den Deutschen keine Chance lässt und 3:0 gewinnt.

Erich Ribbeck ist damit Geschichte und der DFB steht am Scheideweg. Der deutsche Fußball ist antiquiert, der Libero hat zehn Jahre nach dem WM-Triumph von Rom endgültig ausgedient. Mit dem Abschied von Matthäus und Thomas Häßler endet eine Ära beim DFB endgültig - und der Verband muss sich fragen, wie es weitergehen soll.

Zu Euphorie mischt sich Skepsis - dann kommt das Daum-Beben

Der Zuschlag für die WM, dessen Zustandekommen einen langen Schatten und viele noch ungeklärte Fragen aufwirft, löst in Deutschland zumindest kurze Euphorie aus. Die WM im eigenen Land, sie ist eine große Chance. Der kicker widmet der Vergabe einen mehrseitigen Schwerpunkt unter dem Titel "Das Unternehmen Zukunft". Und genau das wird es nun. "Rund 2000 Tage bleiben", schreibt der kicker. Bald mischt sich zur Euphorie Skepsis, schließlich soll sich die zuletzt desolate DFB-Elf nicht blamieren.

Christoph Daum, Gerhard Mayer-Vorfelder

Christoph Daum (li.) sollte Bundestrainer werden und wurde, hier mit dem damaligen DFB-Vize Gerhard Mayer-Vorfelder, als solcher im Sommer 2000 vorgestellt. Doch es kam anders. imago images

Der Countdown läuft nicht nur auf dem Rasen. Die zwölf Spielorte müssen ausgewählt, Infrastrukturen aufgebaut und Stadien modernisiert werden. Den Wettlauf gegen die Zeit abseits des Rasens gewinnt das Organisationskomitee um den damals noch unangetasteten OK-Chef Franz Beckenbauer locker. Die Allianz-Arena und die Arena auf Schalke werden aus dem Boden gestampft, Traditionsstätten wie der Betzenberg, das Westfalenstadion oder das Berliner Olympiastadion aufgehübscht.

Völler macht Deutschland zum WM-Zweiten - 2004 kommt Klinsmann

Aber der eigentliche Kern, das Sportliche, wird zum Problem. Die Strukturen des Verbands sind verkrustet, schwerfällig. Mit Christoph Daum glauben die Entscheidungsträger um DFB-Präsident Egidius Braun zwar den richtigen Coach gefunden zu haben. Doch Daum, der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag steht und ab 1. Juni 2001 beide Ämter ausführen soll, schießt sich durch seine Kokain-Affäre im Herbst 2000 selbst ab. Der DFB steht vor einem riesigen Scherbenhaufen. Rudi Völler springt ein - und plötzlich scheint es doch aufwärts zu gehen.

Aus dem Nichts wird Deutschland 2002 Vize-Weltmeister. Schon davor weht unter Brauns Nachfolger Gerhard Mayer-Vorfelder, der zuvor als Vize-Präsident fungierte, etwas frischerer Wind im Verband. Mit dem "Team 2006" baut der DFB eine zweite Nationalmannschaft auf. Diese wird bis 2005 zehn Spiele bestreiten und soll Perspektivspieler für die WM im eigenen Land vorbereiten. Bundesligisten müssen außerdem Talentförderprogramm unter Anleitung des DFB und Nachwuchsleistungszentren unterhalten. Der zaghafte Modernisierungskurs droht zu scheitern, als die Nationalmannschaft bei der EM 2004 erneut in der Vorrunde rausfliegt. Völler geht und wieder ist die Not groß. Otto Rehhagel, frischgebackener Europameister mit Griechenland, steht im Wort und sagt dem DFB ab. Ottmar Hitzfeld winkt ab. Dann bringt sich Jürgen Klinsmann durch ein Interview ins Spiel.

Noch vor der WM gibt es große Zweifel

Jürgen Klinsmann, Jogi Löw, Andreas Köpke und Oliver Bierhoff

Am Ende wurde es doch noch gut: Das DFB-Funktionsteam um Trainer Jürgen Klinsmann (li.), Jogi Löw, Andreas Köpke und Oliver Bierhoff nach dem Gewinn des dritten Platzes bei der Heim-WM. imago images

Mayer-Vorfelder führt mit Klinsmann, mit dem er seit Stuttgarter Tagen befreundet ist, Gespräche und engagiert ihn. Bei Klinsmanns Antritt setzt sich der Verband noch mit der Frage auseinander, ob Ailton eingebürgert werden kann. Doch Klinsmann denkt weiter und krempelt den Verband nahezu komplett um. Mit Oliver Bierhoff und Jogi Löw, später auch Andreas Köpke, geht der DFB neue Wege. Der Confed-Cup in Deutschland wird zur Generalprobe um die offensivfreudige Nationalmannschaft wird Dritter. Die Zweifel sind aber nicht weg. Klinsmann bootet Kahn aus, gibt Ballack die Kapitänsbinde und stellt Lehmann ins Tor. Als wenige Wochen vor der WM das Nationalteam in Florenz chancenlos gegen Italien untergeht, wackelt sein Stuhl gewaltig.

Doch beim WM-Auftakt gegen Costa Rica ist Klinsmann noch da - und die WM wird zum Sommermärchen. Zum Titelgewinn reicht es zwar dank des Italieners Grosso nicht, doch als vier rauschhafte WM-Wochen einer erfrischend aufspielenden deutschen Nationalelf am 8. Juli 2006 mit dem 3:0 gegen Portugal zu Ende gehen, hat das DFB-Team den dritten Platz belegt. Ein Erfolg, der sechs Jahre und zwei Tage zuvor bei der WM-Vergabe kaum für möglich schien. Der Grundstein für modernen und erfolgreichen Fußball ist damit gelegt.

Hier geht es zur Chronologie der WM-Affäre 2006

pau