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U-17-Trainer Meister vor der EM im kicker-Interview

U-17-Trainer Meister im kicker-Interview

"Wir haben die Defensive zu unserem Charakterzug werden lassen"

Will die U-17-Junioren zum EM-Titel führen: Trainer Marc-Patrick Meister.

Will die U-17-Junioren zum EM-Titel führen: Trainer Marc-Patrick Meister. imago images/Eibner

In Israel steht für Sie das erste große Turnier als Trainer an. Sind Sie aufgeregt, Herr Meister?

Na klar! Das zeigt ja, wie wichtig es mir ist. Wir haben uns drei Jahre lang darauf vorbereitet. Es ist das Finale des Zyklus U 15, U 16 und U 17. Deswegen weiß ich, dass Spieler und Trainer dort mit viel Vorfreude und Ambitionen hinfahren.

Sie haben bereits im Herrenbereich gearbeitet. Wie groß ist der Unterscheid zwischen Senioren und Junioren?

Bei diesem Turnier wird es zum ersten Mal mit dieser Mannschaft auch ums Ergebnis gehen. Das ist bei den Profis die Tagesordnung. Trotzdem: Hier haben wir ein Team in der Entwicklung und dabei soll das Turnier helfen.

Übernehmen Sie eines Tages wieder ein Profiteam?

Mir ist es wichtig, auf dem höchsten Niveau zu arbeiten. Im Herrenbereich sind das die ersten drei Ligen, im Nachwuchsbereich das, was ich im Moment mache. Das mache ich mit Hingabe und bin deswegen an der richtigen Stelle. Ich schließe aber gar nichts für die Zukunft aus. Ein Derby mit Karlsruhe in Stuttgart vor mehr als 50.000 Fans - das vergisst du nicht. Im Moment bin ich glücklich.

Den bislang letzten Titel holte eine deutsche U 17 2009. Können Sie es diesmal schaffen?

Dann würden wir ja heute gleich ans Finale denken. Wir nehmen uns das Turnier aber scheibchenweise vor. Für uns wird es wichtig sein, dass wir uns einen guten Einstieg ins Turnier verschaffen. Wir haben ein Team zusammenwachsen lassen, das über die Ergebnisse aber auch die Art und Weise Herausragendes geleistet hat. Das wollen wir nun auch beim Saisonhighlight unter Beweis stellen.

U-17-EM

Was zeichnet das Team aus?

Eine riesige Lust, über 90 Minuten sauber und konsequent zu verteidigen. Wir haben die Defensive zu unserem Charakterzug werden lassen und dabei nicht vergessen, torgefährlich zu sein. Wir halten den Gegner weg vom Tor, da machen alle Spieler mit. Das war beeindruckend, da wollen wir anknüpfen. Auch die Spieler, die eher über Spielfreude und Spielwitz kommen, haben sich dem verschrieben. Das kann sich langweilig anhören. Aber wenn sich der Gegner die Zähne daran ausbeißt, macht das auch großen Spaß.

Die geringere Talentdichte im Nachwuchs ist immer wieder ein Thema gewesen. Wie ist es bei Ihrem Jahrgang?

Ich habe das Gefühl, dass andere Jahrgänge davon stärker betroffen sind. In der U 15 und U 16 sind viele Spiele und Lehrgänge durch Corona bei uns ausgefallen. Ich sehe aber, dass die Jungs das nicht als Ausrede gelten lassen wollen. Die wollen es richtig wissen. Und viele Spieler sind ja bereits bei den U-19-Teams in ihren Klubs dabei, einige wenige sogar in den Lizenzmannschaften.

Zum Beispiel Paul Wanner vom FC Bayern und Sidney Raebiger von RB Leipzig.

Oder auch Tom Bischof in Hoffenheim und Dennis Seimen in Stuttgart. Die beiden haben nur noch keine Minuten bekommen. Dass die Vereine sie bereits oben dabei haben, ist ein Vertrauensbeweis. Ich habe Trainingseinheiten von Paul verfolgt und muss sagen: Das macht er sehr gut. Er versteckt sich nicht und hat immer wieder Erfolgserlebnisse auf dem Niveau. Wichtig ist aber, dass sie spielen. Klar sind das in der Bundesliga nicht so viele Minuten, aber da kommen wir dann ins Spiel.

Paul Wanner

Führungsspieler: Paul Wanner. imago images/ULMER Pressebildagentur

Wanner hätte auch für Österreich spielen können und war für eine Beförderung in einen älteren Jahrgang im Gespräch. Wie haben Sie ihn von der U 17 überzeugt?

Wir haben dieser Thematik mit ihm nicht zu viel Raum gegeben. Er war von Anfang an Teil des 2005er-Jahrgangs bis hin zum Händeschütteln nach unserer Qualifikation in Glasgow, wo er erstmals wieder mit dabei war. Da hatte er drei Partien über 90 Minuten absolviert, zweimal die besten Laufwerte und defensiv unheimlich gearbeitet. Und auch ein Tor erzielt. Er identifiziert sich unheimlich mit dieser Mannschaft und das sieht man auch auf dem Platz. Sein Zuhause in den U-Teams hat er bei uns und auch den Anspruch, zu führen. Er freut sich nicht nur auf das Turnier, sondern will da auch etwas reißen.

Sehen Sie Ihr Team am bisherigen Höhepunkt der Entwicklung?

Durchaus. Wir wissen aber, dass es noch höher gehen muss. Noch sind wir nicht auf der Spitze des Berges. Viele andere Teams wie zum Beispiel Italien sind aber auf Augenhöhe.

Wen sehen Sie als Favorit?

Bulgarien zum Beispiel hat sich wenig zuschulden kommen lassen in der Quali. Dazu kommen die großen Fußballnationen: Gegen Frankreich und die Niederlande haben wir noch nicht gespielt, aber in den Videos sehe ich, dass da einige gute Jungs dabei sind. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass die über uns ähnlich sprechen und uns nicht unbedingt bereits im Viertelfinale haben wollen.

Die meisten Ihrer Spieler kommen aus Nachwuchsleistungszentren von Profiklubs. Sammeln die großen Vereine alle Talente ein oder liegt nur der Fokus auf diesen Zentren?

Es gibt immer noch unterschiedliche Wege in der Talentförderung. Das beweist unsere Nominierung von Maurice Krattenmacher aus Unterhaching, der vermutlich in seiner Staffel Torschützenkönig wird. Wir verschließen uns niemandem. So eine Tendenz ist keine Absicht, sondern der Status quo. Es gibt vielleicht sechs weitere Spieler, die genauso gut im 20er-Kader hätten stehen können. Beim Finale um die Deutsche B-Junioren-Meisterschaft standen sechs Kicker auf dem Feld, die mit nach Israel reisen. Es ist einfach eine Abfrage des aktuellen Leistungsvermögens.

Wie lautet Ihr Ziel?

Da gibt es kein Taktieren. Wir wollen unser Niveau übertreffen, ins Finale einziehen und es gewinnen.

Interview: Jim Decker