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Deutschlands EM-Aus gegen England: Wie in diesen Kinderbüchern

Deutschlands EM-Aus - und eine sinnbildliche Szene mit Musiala

Wie in diesen Kinderbüchern

Enttäuschte Gesichter in Wembley: Joshua Kimmich, Thomas Müller und Jamal Musiala, der in Wembley nur ganz kurz mitspielen durfte.

Enttäuschte Gesichter in Wembley: Joshua Kimmich, Thomas Müller und Jamal Musiala, der in Wembley nur ganz kurz mitspielen durfte. imago images

Als es vorbei ist, da taucht Joachim Löw einfach ab. Gerade eben erst hat Schiedsrichter Danny Makkelie das EM-Achtelfinale gegen England abgepfiffen und damit sowohl das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in Wembley als auch das enttäuschende Ende der 15-jährigen Ära Löw besiegelt. Da geht der scheidende Bundestrainer ein paar Schritte nach links, gratuliert fair seinem englischen Gegenüber Gareth Southgate und seinem Assistenten, tauscht ein paar Handshakes mit seinem Betreuerstab und verschwindet schließlich im Kabinengang. Zurück bleiben seine Spieler, traurig und enttäuscht nach dieser bitteren 0:2-Niederlage.

Es ist an Löws Assistenten Marcus Sorg, die Spieler abzuklatschen, ihnen einzeln ein paar Worte zuzuflüstern. Sofern sie überhaupt an ihm vorbeikommen. Denn die meisten sind in diesen schweren Momenten noch auf dem Rasen, nicht in der Coaching Zone. Antonio Rüdiger geht in die Hocke, der Blick leer. Joshua Kimmich hat Tränen in den Augen, sucht Halt in der tröstenden Umarmung von Mats Hummels, der sich später auch um Thomas Müller kümmert, ihm Mut zuspricht und Trost.

Die Partie trudelt aus - und Löw lässt sie trudeln

Trost wegen dieser einen Szene, die Deutschland beim Stand von 0:1 noch einmal hätte zurückbringen können. Doch Müller, der lange von Löw ignorierte und dann erst spät reaktivierte Routinier, setzt den Ball nach feiner Vorarbeit von Kai Havertz am Tor vorbei. Der Münchner schlägt die Hände über dem Kopf zusammen in dieser 81. Minute, denn er weiß: Das hätte er sein müssen, der Ausgleich in einem Spiel zweier Teams, die an diesem Abend in Wembley vor allem eins wollen: Fehler vermeiden und den eigenen Kasten verteidigen.

Müller und Rüdiger schwächeln: Die kicker-Noten zu England-Deutschland

"Das war er, dieser eine Moment, der dir am Ende in Erinnerung bleibt, der dich nachts um den Schlaf bringt. Für den du als Fußballer arbeitest, trainierst und lebst. Dieser Moment, wenn du es allein in der Hand hast, deine Mannschaft in ein enges K.-o.-Spiel zurückzubringen und eine ganze Fußballnation in Ekstase zu versetzen", schrieb Müller später in einem Instagram-Post erstaunlich reflektiert über eine Szene, die alles hätte ändern können.

Auch Löws Hände jagen in dieser 81. Minute hoch, als Müller frei vor Jordan Pickford zur Stelle scheint, bereit zum Jubeln. Doch auf halbem Weg zum Himmel bricht auch die Bewegung des Bundestrainers ab, vergraben sich auch seine Hände in seinen Haaren. Voller Ärger und enttäuschter Hoffnung. Als Harry Kane, von Englands Medien vor der Partie scharf kritisiert, fünf Minuten später eine Flanke des eingewechselten Impulsgebers Jack Grealish über die Linie drückt, ist die Partie entschieden. In den letzten Minuten trudelt die Partie aus - und Löw lässt sie trudeln.

Im Gegensatz zu anderen Teams fehlte beim DFB-Team das Fundament

Seine Wechsel verpuffen, anders als gegen die Ungarn am vergangenen Mittwoch fehlen diesmal die Kraft und Durchsetzungsstärke seiner Führungsspieler. Und jugendliche Furchtlosigkeit und Unbekümmertheit, die wechselt Löw erst ein, als es längst zu spät ist: In der zweiten Minute der Nachspielzeit bringt er Jamal Musiala. Energisch sieht es aus, wie er ihn mit einer schnellen Armbewegung losschickt. Doch es fehlt auch dieser Geste die letzte Überzeugung.

Es ist eine sinnbildliche Szene für die Probleme, die Deutschland in diesem Turnier hatte. Wo andere Teams auf Automatismen zurückgreifen können, Halt finden in ihren Strukturen und Abläufen, da fehlte beim DFB-Team das Fundament. "Wir hatten als Mannschaft einen super Spirit, ein super Teamgefüge", sagt Hummels später an diesem natürlich verregneten Dienstagabend in London. "Wir sitzen hier nicht und sind ausgeschieden, weil wir zu wenig zusammengewachsen wären."

Hummels hat Recht mit seiner Analyse

Der Dortmunder, der kurz vor der Pause mit einer spektakulären Grätsche gegen Kane das 0:1 verhindert hatte, hatte Recht mit seiner Analyse. Anders als in Russland lag es diesmal nicht an der Teamchemie, nicht am fehlenden Mannschaftsgeist oder zu vielen Egoismen. Die Ursachen für das Aus - das gegen keineswegs überragende Engländer durchaus vermeidbar gewesen wäre - lagen tiefer. Im sportlichen Bereich, nicht im zwischenmenschlichen.

Nach fast dreijährigem Stillstand nach der WM 2018 wollte Löw alles, was es zu tun gab, in zweieinhalb Wochen Vorbereitung wettmachen. Er implementierte mit der Dreierkette ein neues System, stellte Kimmich auf den rechten Flügel und Müller in den Halbraum. Er suchte nach der richtigen Offensivbesetzung und der besten Kombination in der Zentrale. Es waren zu viele Baustellen, als dass sich auf dieser brüchigen Basis ein Selbstverständnis seiner individuell teils noch immer hochbegabten Spieler hätte entwickeln können.

Sie versuchten ja alles, auch im mit 45.000 Zuschauern besetzten Wembley-Stadion. Leon Goretzka etwa warf sich vor allem in der Anfangsphase in jeden Zweikampf, fast schon übermotiviert. Toni Kroos reüssierte erneut als Balleroberer. Und vorne stemmte sich Kai Havertz mit all seiner bereits vorhandenen Klasse gegen das Aus, indem er Mitspieler in Szene setzte oder selbst schoss.

Doch im Kollektiv, da funktionierte zu wenig. Nicht nur gegen England. Auch gegen Frankreich (0:1) und Ungarn (2:2) war das bereits so gewesen. Es wirkte mit Ausnahme der Partie gegen Portugal (4:2) stets so, als stünden da drei Mannschaftsteile auf dem Feld, die wenig miteinander zu tun haben. Wie in diesen Kinderbüchern, in denen man verschiedene Tiere kombinieren kann: Als säße ein Löwen-Kopf auf dem Bauch eines Schafes, das sich auf Giraffenbeinen fortbewegt. So etwas kann schlicht nicht funktionieren. Nicht auf diesem Niveau.

Löws Worte Richtung Flick klingen beschönigend

"Ich glaube schon, dass sich einige Spieler noch entwickeln werden", sagte Löw später, als er aus dem Kabinentrakt wieder aufgetaucht war, um seine Interviewpflichten zu erfüllen. Ab sofort liegt das nicht mehr in seinen Händen, sondern in denen seines früheren Assistenten Hansi Flick, der sich zuletzt als Titelsammler beim FC Bayern auszeichnete. "Wir haben einige junge Spieler, die daraus lernen werden und bei der Heim-EM 2024 auf einem absoluten Topniveau sein werden vom Alter und der Erfahrung her. Da kann man schon einiges erwarten."

Man konnte diese Worte beschönigend finden angesichts der gehobenen Altersstruktur des DFB-Teams und der Defizite, die bei dieser Europameisterschaft ersichtlich wurden. Auf Flick jedenfalls, das steht nach diesem Turnier fest, wartet reichlich Arbeit.

Matthias Dersch