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Wie der Zehner ausstirbt und doch weiterlebt - eine Spurensuche

Kann Özil auch James? Die Entwicklung des Spielmachers

Wie der Zehner ausstirbt und doch weiterlebt - eine Spurensuche

Ein Relikt vergangener Tage? Die Diskussion um den Zehner beschäftigt auch Günter Netzer, Arsene Wenger, Mesut Özil und James (v.l.).

Ein Relikt vergangener Tage? Die Diskussion um den Zehner beschäftigt auch Günter Netzer, Arsene Wenger, Mesut Özil und James (v.l.). imago images (3)

Eigentlich ist es noch gar nicht so lange her, dass Mesut Özil eine ganz besondere Magie versprühte - für Real Madrid, das DFB-Team, den FC Arsenal. Seit März hat der schmächtige Techniker mit dem feinen linken Fuß aber keine einzige Pflichtspielminute mehr bestritten, bei den Gunners haben sie trotz eines hochdotierten Vertrags keine Verwendung mehr für den Weltmeister von 2014.

"He's better than Zidane", heißt es im eigens für Özil komponierten Fangesang der Arsenal-Anhänger. Wie kann ein Klub, der letztmals 2015/16 unter den besten Vier der Premier League landete, auf diese auch in seinen letzten Spielen zum Teil noch aufblitzende Genialität verzichten?

Die Machtkämpfe innerhalb des Klubs mal komplett ausgeblendet: Gibt es einen rein sportlichen Erklärungsansatz für Özils Dauerkarte auf der Haupttribüne des Emirates? Arsene Wenger, langjähriger Förderer von Arsenals Nummer zehn, zeigt in der "Welt am Sonntag" klare Kante: "Er ist vom Radar verschwunden, als ich den Klub verlassen habe. Er ist ein Künstler. Aber für Künstler ist kein Platz mehr im modernen Fußball." Die "wahren Gründe" seien ihm "ein Rätsel".

Für Mata steht der Fußball "immer weniger für Schönheit"

Juan Mata treiben ähnliche Sorgen um. In seiner Biographie "Suddenly A Footballer" beklagt der Spanier, dass der moderne Fußball "immer weniger für Schönheit" stehe und ein Sieg nicht mehr nur das Wichtigste, sondern das Einzige sei. "Wer würde heute einen Juan Roman Riquelme verpflichten? 'Zu langsam' würde das Urteil lauten", ist sich der 32-Jährige im Interview mit "The Athletic" sicher.

Der klassische Zehner sei "ausgestorben", er werde zumindest "kaum noch genutzt". Die Position sei "dem Gebrauch anderer Spielsysteme" zum Opfer gefallen. Vielleicht kann Arsenal auch deshalb so gut auf Özil verzichten, weil es für seine Rolle in Mikel Artetas Formationen keinen Platz mehr gibt.

Wie viel wurde in den letzten Jahren auch über Mario Götze geschrieben. Zu Beginn seiner Profi-Karriere stand der WM-Held von 2014 für sprudelnde Spielfreude und sehenswerte Slalomläufe. Die Zehner-Position liege ihm "schon am besten", sagte Götze im Jahr 2013. In der Folge war er aber immer häufiger dazu gezwungen, sich neu zu erfinden. An der Rolle des kontrollierten Gestalters durfte sich Götze mal auf der Acht, mal als falsche Neun versuchen.

In Eindhoven ist Götze wieder Fixpunkt. Immer wieder wandern Blicke und Bälle der Mitspieler zum 28-Jährigen, der die Rolle des Gestalters sichtlich genießt und mit zwei Premieren-Toren garnierte. Ein offensichtlicher Zehner ist Götze aber auch hier nicht. Roger Schmidt baute zum Beispiel schon auf ihn als Rechtsaußen. Für einen Erkenntnis-Fortschritt lohnt ein Schritt zurück.

Von Manndeckern und "Wasserträgern"

Der klassische Zehner - der eine, zentrale Spielmacher - etablierte sich mit den 4-3-3- und 4-4-2-Formationen in den 1960er und 1970er Jahren.

Wolfgang Overath, Günter Netzer

Gemeinsam funktionierten sie nicht, einzeln aber ganz hervorragend: Wolfgang Overath und Günter Netzer (r.). imago images

Gianni Rivera in Italien, Wolfgang Overath oder Günter Netzer in Deutschland, Roberto Rivelino und Zico in Brasilien oder Michel Platini in Frankreich bekamen nahezu jeden Ball, oft alle Zeit der Welt und schier die alleinige Verantwortung für das Angriffsspiel einer Mannschaft. Zudem hatten viele von ihnen sogenannte "Wasserträger" - Netzer etwa Herbert Wimmer oder Platini Massimo Bonini -, die für sie die (doppelte) Laufarbeit verrichteten.

Kein Profi kann es sich mehr leisten, in der Defensive zu schlafen.

Günter Netzer

Erwischte ein Zehner allerdings einen schlechten oder sein Manndecker einen besonders guten Tag, war sein Team häufig aufgeschmissen. "Der Fußball ist nicht mehr auf eine einzige Position abgestimmt. Kein Profi kann es sich mehr leisten, in der Defensive zu schlafen", sagte mit Netzer der "Funke Mediengruppe" einer, der es wissen muss.

Und weil der Fußball sich darüber hinaus immer mehr in Richtung Kraft und Dynamik entwickelt, muss man rückblickend feststellen: Der klassische Zehner à la Netzer oder Platini starb nicht in den vergangenen Jahren aus - er funktioniert schon lange nicht mehr. Er ist inzwischen schlicht nicht mehr effizient genug, was - trotz ihrer brillanten Momente - zu Teilen auch auf die Rui Costas, Dennis Bergkamps und selbst Zinedine Zidanes dieser Welt zutraf, als der klassische Zehner um die Jahrtausendwende ein Comeback feierte.

Kreativität entsteht heute an anderen, an mehreren Orten

Die Rolle des Zehners musste schon immer mit der Zeit gehen. Mitte der 1990er gelang das Jari Litmanen in Louis van Gaals Ajax Amsterdam, wo der Finne im breiten 3-4-3 mit Raute eine ungewöhnlich laufintensive, gegen den Ball mitarbeitende - und gar nicht mehr so spielmachende Interpretation darbot. Womit Litmanen einer der ersten Vorreiter für den Zehner der Moderne gewesen sein dürfte. Denn: Die Kreativität entsteht heute an anderen, an mehreren Orten.

Im modernen Fußball rücken die Mannschaften auf dem Feld räumlich enger zusammen. Das Spiel wird daher weniger im offensiven Mittelfeld und mehr aus der Tiefe oder aus den Halbräumen gemacht. Bei der WM 2006 war etwa Andrea Pirlo aufgefallen, der teilweise wie ein Zehner spielte, das aber auf der Doppel-Sechs. Der Weltmeister hatte seine Karriere als offensiverer Spieler begonnen, war aber mit den Jahren, in denen das Zentrum enger und überlagerter wurde, immer weiter nach hinten gerückt.

Längst nicht nur David Silva wurde umfunktioniert

Thiago, der einige Jahre die Fäden bei Triple-Sieger FC Bayern zog, wäre vor 20 Jahren wahrscheinlich noch Zehner gewesen. Ein anderes Beispiel ist David Silva, der diese Position gelernt hatte, in Pep Guardiolas Manchester City jedoch zum Achter umgeformt wurde. Andere Spielertypen sollen die Fähigkeiten und Verantwortungen des einzeln ineffizienten Zehners in ihr Repertoire aufnehmen.

Thiago

Kreiert aus der Tiefe und den Halbräumen - vor 20 Jahren wäre er wohl Zehner gewesen: Thiago. imago images

Mehrere Spieler sollen im fluiden und zunehmend einer Partie Schach gleichenden Fußball der Gegenwart mehrere Aufgaben erfüllen können, die Mannschaften sollen ausgeglichener sein. Kreativzentralen sind neben Sechsern und Achtern auch Außenverteidiger wie Liverpools Andy Robertson und Trent Alexander-Arnold. Selbiges gilt auch für sogenannte falsche Neuner - wie Roberto Firmino, teilweise sogar fernab des Balles.

Ein Spieler wie Özil, der sich im Stile der Zehner von einst im Prinzip nur richtig gut zwischen den Linien bewegen und den letzten Pass spielen kann - ehe er gegen den Ball zur Schwachstelle wird -, ist im sich stetig entwickelnden Fußball nicht mehr zeitgemäß. Das brutale Tempo, das mittlerweile gar Brecher wie Erling Haaland aufweisen und mit dem nicht nur der 32-jährige Özil so seine Probleme hat, erschwert an vielen Stellen die Spielgestaltung. Klopp spielt ohne einzelnen zentralen offensiven Mittelfeldspieler, Guardiola auch. Und die Triple-Bayern mit Thomas Müller?

Van Gaal bezeichnete Innenverteidiger als "Spielmacher" - Mitte der 90er

Es gibt ihn natürlich noch, den Zehner - wenn man damit den zentralen offensiven Mittelfeldspieler meint. Der "Spielmacher" ist er aber nicht mehr, als solche bezeichnete van Gaal "im modernen Fußball" sogar die Innenverteidiger - und das schon Mitte der 1990er.

Für den Zehner als Spielmacher sind die Räume inzwischen viel zu begrenzt.

Louis van Gaal

Zentrale offensive Mittelfeldspieler wie Thomas Müller füllen inzwischen andere Rollen und auch andere Räume aus. Bayerns Identifikationsfigur bewegt sich sowieso ziemlich frei, selten jedoch in dieser zentralen Position hinter einem oder mehreren Stürmern, wo etwa Netzer oder Platini durch die einst massigen Zwischenräume schlenderten. Diese Räume sind im kompakteren modernen Spiel, so van Gaal, "dafür inzwischen viel zu begrenzt".

Vielmehr bietet "Raumdeuter" Müller sich als Unterstützer und für Überzahlsituationen als zweite Spitze oder in den Halbräumen an, ähnlich verhält sich häufig auch Manchester Uniteds Bruno Fernandes. Milans Hakan Calhanoglu kreiert beispielsweise viel über die linke Seite, und selbst ein Ausnahmekönner wie Lionel Messi kommt über rechts oder lässt sich viel in die Halbräume oder tief fallen.

Andere Aufgaben erfüllen, andere Räume bespielen - aber nach wie vor auch immer wieder mit Geschwindigkeit in den Zehner-Raum stoßen: Mit diesem komplexeren Profil kommen längst nicht alle zurecht, neben Özil tut sich beispielweise Real Madrids Isco außerhalb seiner Komfortzone schwer. Auch Christian Eriksen steckt bei Inter in diesem Dilemma fest. Ein ehemaliger Teamkollege und Leidensgenosse Iscos beweist indes, dass die nötige Anpassung sehr wohl umsetzbar ist.

James beweist: Eine Transformation auf der Insel geht

James Rodriguez bastelt beim FC Everton gerade eine Schablone, wie eine Transformation auch für traditionelle Zehner selbst in der dynamischen Premier League möglich ist. "Ich dachte immer, dass eine Nummer zehn die ganze Mannschaft kontrollieren sollte. Aber die Nummer zehn ist tot", sagte der Kolumbianer im Sommer auf Rio Ferdinands Youtube-Kanal - doch bei den Toffees, bei denen er statt der Zehn die Nummer 19 trägt und sich von der rechten Seite nach innen bewegt, funktioniert er so gut wie seit Jahren nicht.

Ist dabei, sich in der Premier League durchzusetzen: James Rodriguez (#19).

Ist dabei, sich in der Premier League durchzusetzen: James Rodriguez (#19). imago images

Förderer Carlo Ancelotti lässt der "hochsensiblen Seele" (Zitat Jupp Heynckes) trotzdem ihre Freiheiten. Den Rechtsaußen interpretiert James auf seine ganz eigene Weise, öffnet sich gerne mit dem Ball am Fuß, orientiert sich anschließend ins Zentrum und wechselt oft zentimetergenau und zielführend die Seite - eine der Erfolgsformeln von Evertons verheißungsvollem Start.

James kreiert von rechts Chancen, am Ball ist er auch unter Premier-League-typischem Gegendruck nicht aus der Ruhe zu bringen, dazu engagiert sich der Schöngeist auch noch defensiv. Selbst Englands Rekordtorschütze Wayne Rooney bezeichnete den von vielen zuvor als für die Insel ungeeignet eingestuften James als "fantastischen Spieler".

2020 hat keiner mehr "alle Freiheiten"

Betrachtet man den zentralen offensiven Mittelfeldspieler im Verlauf der Dekaden, in denen auch Rückennummern immer belangloser wurden, lässt sich feststellen, dass seine einst übergroße Bedeutung für eine Mannschaft kleiner, sein Aufgabenfeld in der Komplexität aber wesentlich größer geworden ist.

Im Fußball der 2020er Jahre wird es keinen Spieler mehr geben, der "alle Freiheiten" hat - weshalb nur derjenige die einst fehlerbehaftetste Position ausfüllen kann, der sich an die unvermeidlichen Entwicklungen dieses Sports anzupassen versteht. Das wird auch Mesut Özil berücksichtigen müssen, wenn seine Arsenal-Zeit im Sommer endet.

Niklas Baumgart/Maximilian Schmidt

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