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Bei Concordia Hamburg entscheidet die Schwarmintelligenz

Oberliga Hamburg I

"Wettbewerbsvorteil" statt Entmachtung: Bei Concordia Hamburg entscheidet die Schwarmintelligenz

Stehen unter der Beobachtung tausender Augenpaare: Die Spieler von Oberligist Concordia Hamburg werden von einer großen Community bewertet.

Stehen unter der Beobachtung tausender Augenpaare: Die Spieler von Oberligist Concordia Hamburg werden von einer großen Community bewertet. imago images/Hanno Bode

Oberliga Hamburg 1

Wenn in Zukunft der Physiotherapeut von Concordia Hamburg auf den Platz eilt, um einen verletzten Spieler zu versorgen, wird das hektische Betriebsamkeit in tausenden Wohnzimmern auslösen. Grund: Der Oberligist lässt ab der am Freitag beginnenden Saison 2021/22 eine Community von sogenannten "Managern" in Echtzeit per App und Internetforen darüber abstimmen, wer in eingangs geschildertem Fall eingewechselt wird. Und nicht nur das.

Die "Schwarmintelligenz", wie Vereinspräsident Matthias Seidel - übrigens Gründer des Internetportals "transfermarkt.de" - jene Community wiederholt bezeichnet, soll bei "Cordi" zum alles entscheidenden Faktor werden. Unter dem Projektnamen "Rock it" sollen die User die Startaufstellung festlegen und sich auch in Scouting und Transfers einmischen. "Offen ist nur, ob die Manager einen konkreten Spieler fordern können oder nur ein bestimmtes Spielerprofil, sprich dem Verein den Auftrag geben, einen schnellen Mittelstürmer zu verpflichten." Denn das System in seiner jetzigen und bei zwei Verbandspokalspielen getesteten Form ist keinesfalls in Stein gemeißelt. "Das ist ja das spannende, wenn man jetzt quasi von Stunde Null dabei ist, dass man das Projekt mit entwickeln kann", so Seidel.

Wichtig war dem Verein, dass alle Protagonisten dieser Form von Machtverteilung positiv gegenüberstehen. Das sei der Fall, unterstreicht Seidel, der erzählt, dass sogar Spieler extra zu Concordia gewechselt beziehungsweise beim Verein geblieben wären, weil sie dieses Projekt so interessant fänden. Und Trainer Frank Pieper von Valtier, der seine Macht zu einem großen Teil in User-Hände legen muss? Er empfinde das als "Bereicherung und Wettbewerbsvorteil", so Seidel, und wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Community während der 90 Minuten zusätzlich zum Livestream des Spiels in Echtzeit zahlreiche statistische Messgrößen wie Zweikampfquote oder Laufleistung eines Spielers von einem professionellen Datenlieferanten aufbereitet bekommt, dann erahnt man, welcher Wettbewerbsvorteil gemeint sein könnte. Denn nur die wenigsten Oberliga-Trainer werden solche Daten während eines Spiels zur Hand haben.

Mittels Blitzumfragen werden die Entscheidungen getroffen, bei den Spielen von Concordia wird ein sogenannter "Verbindungsmann" vor Ort sein, der dem Trainer unverzüglich die Befehle der User weiterreicht. Kann Pieper von Valtier dann gar nichts mehr entscheiden? Ganz so extrem ist es dann doch nicht, denn der Cheftrainer besitzt sogenannte "Joker", mit denen er die Schwarmintelligenz überstimmen kann. Doch diese Joker muss er sich erst verdienen, vor allem durch gewonnene Spiele. Das kommt in Situationen zum Tragen, in denen der Trainer einen Informationsvorsprung besitzt. Seidel: "Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn der Trainer einem von den Managern auserwählten Einwechselspieler tief in die Augen schaut und sieht, dass dieser einen eher weniger selbstbewussten Eindruck macht oder wenn der Trainer - zum Beispiel aufgrund einer taktischen Umstellung des Gegners - einen anderen Spielertyp als den von den Usern bestimmten braucht." Doch dafür braucht Pieper von Valtier eben jene Joker. Noch nicht ganz klar ist, ob Joker gleich Joker ist, oder ob man zur Blockade wichtiger Entscheidungen mehr Joker braucht als beispielsweise für einen Wechsel in der 90. Minute beim Stande von 3:0.

Trainerfrage unter gewissen Vorzeichen

Der Trainer als Partner der Masse - doch was ist, wenn der Trainer selbst ins Kreuzfeuer der Kritik gerät? Hier ist denkbar, dass die User auch einen Trainerwechsel durchdrücken können, allerdings nicht zu jeder beliebigen Zeit. "Man könnte Bedingungen einbauen, zum Beispiel, dass nur dann über einen Trainerwechsel abgestimmt werden kann, wenn zu einem definierten Zeitpunkt die Mannschaft schlechter als ein bestimmter Tabellenplatz steht und/oder wenn es eine gewisse Anzahl an Niederlagen am Stück gab", so Seidel, der es ablehnt, dass sich User schon nach kleineren Misserfolgen über mit so einem weitreichenden Schritt beschäftigen müssen. "Das macht den Leuten doch auch keinen Spaß, wenn ein Scherzbold nach einer einzigen Niederlage in einer sonst guten Saison sofort die Trainerfrage stellt." Es brauche dafür einfach verlässliche Regeln, sagt der Concordia-Präsident.

Sämtliche Abstimmungsprozesse müssten "praktikabel" sein, so Seidel, dem gleichzeitig wichtig ist, dass die "Vereinshoheit" trotz allem gewahrt bleibt. Einfach so die Vereinsfarben oder das Logo ändern, das wird nicht möglich sein, während das Trikotdesign oder die Wahl des Trainingslagers weitere Themenfelder wären, über die die Community urteilen könnte. Seidel schiebt ein weiteres Beispiel nach, das mit dem Stadionerlebnis am Spieltag zusammenhängt: "Die Manager könnten auch festlegen, ob wir Müttern am Muttertag freien Eintritt gewähren wollen."

Teilhaben können die Manager übrigens nicht nur vom heimischen Sofa, sondern auch vor Ort. Seidel will einen Bereich im Stadion einrichten, in denen Community-Mitglieder zusammenkommen und von dort aus abstimmen können. Natürlich braucht es dafür unter anderem eine stabile Internetverbindung, schließlich müssen die Performance-Werte der Spieler im Livestream und die alles entscheidenden Abstimmungen über Einwechslungen verlässlich funktionieren.

Verlässlich und klar sind auch die Ziele des Vereins: Die Regionalliga soll es sein. Dafür wurde im Sommer einiges auf dem Transfermarkt getan. "Der Kader hat auf jeden Fall das Potenzial für die Top drei", sagt Seidel. Erster - das zeigt die Vergangenheit - muss man nicht zwingend werden, um in die 4. Liga zu springen, da gerade in der Oberliga Hamburg zuletzt einige Mannschaften auf ihr Aufstiegsrecht verzichtet hatten, sei es Victoria Hamburg oder Martin Harniks TuS Dassendorf.

An der passenden Infrastruktur arbeiten Seidel und seine Mitstreiter parallel, wenngleich ein Stadionprojekt in einem Industriegebiet von der Wandsbeker Bezirksverwaltung erstmal abgelehnt und dadurch auf Eis gelegt wurde: Mit dem Bezirksligisten TSV Wandsetal wurde ein Mietvertrag über die Nutzung von dessem Sportpark Hirschenfelde, der 650 Sitzplätze und insgesamt Platz für um die 1000 Zuschauer bietet, unterzeichnet. Der heimische Bekkamp gibt Seidel zu, sei ein eher "unschöner" Sportplatz und werde überdies für die große Nachfrage nach Jugendfußball gebraucht.

Der Sportpark Hirschenfelde sei zwar prinzipiell Regionalliga-tauglich, doch für sogenannte "Sicherheitsspiele", wie gegen den VfB Lübeck oder Altona 93, müsste nachgerüstet werden. "Dafür wäre eine Summe von ungefähr 30.000 Euro nötig", so Seidel, der auch hier auf die Schwarmintelligenz setzt: "Genau das wäre eine Frage, über die die Manager im Falle eines Falles abstimmen könnten, ob man die 30.000 Euro in das Stadion steckt oder ob man für diese Summe ein anderes Stadion anmietet."

Sabotage der Konkurrenz?

Ein Funken Skepsis bleibt, ob sich die Hamburger mit ihrem Projekt nicht anfällig für Störversuche der Konkurrenz machen. Damit etwaige Sabotage-Versuche von Fans anderer Vereine nicht zum Erfolg führen, brauche es laut Seidel eine "kritische Masse" von 3000 bis 5000 Teilnehmern. Diesbezüglich sei "Cordi" auf einem guten Weg. Im Gespräch ist, dass jeder Manager mit der Zeit immer mehr Stimmrecht sammelt, je öfter er in der Vergangenheit an Abstimmungen teilgenommen hat. Zudem werde technisch an Überwachungstools gearbeitet, damit Fremde keine vereinsschädigenden Entscheidungen treffen können.

Die Idee einer solchen Fan-Demokratie ist übrigens nicht neu, Fortuna Köln versuchte sich zwischen 2008 und 2011 ebenfalls an einem ähnlichen Projekt. Doch aus einem Wettbewerbsvorteil wurde ein -nachteil. Seidel hat damals genau hingesehen und erklärt an einem Beispiel, woran es damals gescheitert ist und was Concordia deswegen anders machen will: "Irgendwann konnten die User auch abstimmen, wieviel Gehalt ein möglicher Neuzugang bekommen soll. Das hat die Konkurrenz abgewartet und dann kurz vor Vertragsunterschrift einfach ein paar Euro draufgelegt und schon war die Fortuna ausgestochen." So ganz ohne die von Seidel angesprochene "Vereinshoheit" wird es dann vermutlich also doch nicht gehen.

Stefan Wölfel

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