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Werner über Flick: "Er ist nicht dafür da, mich die ganze Zeit zu streicheln"

Der Bundestrainer ist zufrieden mit dem Leipziger, in der Öffentlichkeit aber ist der DFB-Stürmer umstritten

Werner über Flick: "Er ist nicht dafür da, mich die ganze Zeit zu streicheln"

Timo Werner auf der Pressekonferenz zu seinem "Heimspiel" gegen Ungarn.

Timo Werner auf der Pressekonferenz zu seinem "Heimspiel" gegen Ungarn. AFP via Getty Images

Die Beziehung zwischen Hansi Flick und Timo Werner darf man guten Gewissens als speziell bezeichnen. Der Bundestrainer schenkte seinem Stürmer vom ersten Tag an das Vertrauen, das ihm in der Vergangenheit beim FC Chelsea oft fehlte. Flick baute ihn auf, setzte ihn ein, gab Tipps, stellte jedoch auch klare Forderungen: Werner müsse hart an sich weiterarbeiten, in jedem Training, um auf den Punkt fit zu sein, wenn seine Chance käme.

Der heute 26-Jährige hörte auf den Rat seines Trainers und bedankte sich mit acht Treffern in seinen elf Länderspielen unter Flicks Leitung. Für den Durchbruch in London allerdings genügte das nicht - und so kehrte Werner in diesem Sommer an jenen Ort zurück, wo es vor seinem Wechsel auf die Insel so vortrefflich für ihn gelaufen war: nach Leipzig. Dorthin, wo am Freitagabend das vorletzte Länderspiel vor der Nominierung des WM-Kaders stattfindet, wenn Deutschland in der Nations League auf Tabellenführer Ungarn trifft.

Doppeltes Heimspiel für Werner

Für Werner ist es also ein doppeltes Heimspiel. Logisch, dass die Vorfreude da besonders groß ist. Doch der Stürmer steht zugleich unter deutlich vernehmbaren Erfolgsdruck. Die Debatte um einen fehlenden Mittelstürmer hat in den vergangenen Tagen wieder einmal Fahrt aufgenommen. Der Name Niklas Füllkrug (Werder Bremen) fällt auffallend häufig, auch in der Medienrunde mit Werner am Donnerstag war er ein Thema.

Hinzu kommt, dass es für Werner in Leipzig bislang noch nicht wieder optimal läuft: RB verlor zuletzt mit 0:3 in Mönchengladbach, noch hat der Trainerwechsel von Domenico Tedesco zu Marco Rose - vom klaren 3:0-Erfolg über Dortmund abgesehen -keine durchschlagende Wirkung erzielt. Wie auch, bei drei Spielen binnen einer Woche, mag man einwenden. Doch natürlich fällt es schwer in so einer Situation, Selbstvertrauen zu sammeln und Schwung aufzunehmen für die bevorstehende Winter-WM in Katar.

Werner, dessen Weg stets kritisch von Fans wie Experten begleitet wurde, allerdings will sich darauf am Donnerstag nicht einlassen, als ihm entsprechende Fragen gestellt werden. "Natürlich läuft noch nicht alles 100-prozentig rund, auch bei mir nicht", sagt er. "Aber ich denke, es wird in den nächsten Wochen deutlich besser. Wir finden uns gerade als Mannschaft, die Neuen haben sich so langsam etabliert. Mit dem neuen Trainer sollte es in die richtige Richtung gehen." Was man halt so sagt, wenn die Gemengelage noch fragil erscheint und eine gewisse Vorsicht verlangt.

Und so könnte es wieder an Flick sein, Werners Selbstverständnis als Stürmer zu pushen. So, wie er das schon häufiger getan hat in den vergangenen Monaten. Öffentlich wie auch im direkten Gespräch mit dem schnellen, aber im Abschluss noch häufig zu wenig kaltschnäuzigen Angreifer. "Hansi ist nicht nur dafür da, um mich die ganze Zeit zu streicheln oder mich zu loben", sagt Werner zwar, er nehme ihn auch regelmäßig in die Pflicht. Aber allein die Tatsache, wie intensiv sich der Bundestrainer mit ihm beschäftigt, dürfte für einen wie ihn, der Vertrauen braucht, um Topleistungen zu bringen, bereits Gold wert sein.

Werner über Flick: "Hat mir geholfen, Dinge nicht nur negativ zu sehen"

Flick eröffnete Werner in den dunkleren Chelsea-Tagen, in denen er das Gefühl hatte, alles laufe gegen ihn, neue Blickwinkel und Sichtweisen. "Wir haben öfter mal telefoniert", sagt Werner und gewährt Einblick in die Gespräche: "Er hat mir geholfen, Dinge auch mal aus der Trainerperspektive und nicht nur negativ zu sehen. Das hat mir die Augen geöffnet."

An Werners WM-Teilnahme hat Flick nie einen Zweifel gelassen, stimmt die Form des Stürmers, wird er für ihn einen Platz in der Startelf finden. Ein Selbstläufer allerdings ist das nicht - selbst wenn es kein Stoßstürmer à la Füllkrug mehr ins WM-Aufgebot schaffen sollte.

Flick würde sich wünschen, dass Werner "sich öfters belohnen würde"

"Wir sind mit Timo sehr zufrieden, weil er viele Dinge sehr gut macht. Wenn ich einen solch hohen Aufwand betreibe wie er, auch im Spiel gegen den Ball, wäre es schön, wenn er sich öfters belohnen würde. Dann wäre das Selbstverständnis für ihn, Tore zu erzielen, noch größer. Daran soll und muss er arbeiten", sagte der Bundestrainer, der am Donnerstag kurz vor Werner sprach.

Auch er wurde auf Füllkrug angesprochen und gab zu, "dass im Zentrum keine so hohe Dichte an Qualität" vorhanden sei wie etwa in der Innenverteidigung, im Mittelfeldzentrum oder bei den Außenstürmern. Für den deutschen Fußball, der sich nach einem klassischen Mittelstürmer sehnt, ist das keine gute Nachricht. Für Werner dagegen durchaus.

Matthias Dersch

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