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Wenn der Wecker klingelt, wird Wolfsburg Meister

Zur Krönung in der Hotellobby in San Francisco

Wenn der Wecker klingelt, wird Wolfsburg Meister

Zwei Garanten des Meistertitels: Die Torjäger Edin Dzeko und Grafite bei der Meisterfeier 2009.

Zwei Garanten des Meistertitels: Die Torjäger Edin Dzeko und Grafite bei der Meisterfeier 2009. imago images

Es ist 6 Uhr am Morgen, ich habe mir das erste Mal in diesem Urlaub den Wecker gestellt. Von Los Angeles sind wir, meine Frau und ich, mit dem Auto die Küste entlang nach San Francisco gefahren. Highway 1, diverse Zwischenstopps, ein Traum. Nun haben wir den 23. Mai 2009, und ich begebe mich in unserem Hotel in die Lobby, die zugleich der Frühstücksraum ist. WLan auf allen Stockwerken gibt es noch nicht, ich muss also ran an diesen einen Computer direkt neben einer kleinen Plexiglas-Vitrine, in der Bagels und Kuchenstückchen auf die Frühaufsteher warten. Seit 2007 bin ich der Wolfsburg-Reporter beim kicker, und nun, an diesem geschichtsträchtigen Tag, sitze ich in San Francisco vor einem alten PC und öffne kicker.de.

Eine Urlaubsbuchung mit Überraschungen

Warum ich nicht in Wolfsburg bin, wo gleich um 15.30 Uhr mit neun Stunden Zeitunterschied das letzte Saisonspiel des VfL gegen Werder Bremen angepfiffen wird? Wo noch 90 erfolgreiche Minuten bis zur ersten Deutschen Meisterschaft der Vereinsgeschichte fehlen? Nun, als ich im Winter die große Kalifornien-Rundreise gebucht habe, war der VfL Neunter, neun Zähler hinter Herbstmeister Hoffenheim, weit entfernt von irgendwelchen Titelträumen. Ich konnte nicht ahnen, was passieren sollte. Die Mannschaft von Trainer Felix Magath setzte mit Edin Dzeko und Co. zum atemberaubenden Sturm durch die Rückrunde an. Am 33. Spieltag, beim 5:0 in Hannover, bin ich noch dabei. Ich sehe, wie der wie entfesselte VfL nicht mehr zu stoppen ist. Dzeko, Grafite und Misimovic, dieses magische Dreieck, können machen, was sie wollen, es gelingt einfach alles. Der große Fußball-Zauber, getragen von zuverlässigen Kräften wie Marcel Schäfer, Christian Gentner oder Sascha Riether. Highlights auch für einen Fußball-Reporter. Nur die Krönung, die findet nun eben ohne mich statt.

Der Weg zur Meisterschaft

Ich greife zum Bagel, Kaffeeduft liegt in der Luft, hinter mir sind auch andere Gäste schon früh auf den Beinen. Nur wollen sie raus in diese faszinierende Stadt. Ich aktualisiere den Live-Ticker. Die Aufstellungen sind bereits da, ich denke an meine Kollegen im Stadion, die mich selbstverständlich bestens vertreten werden. Wehmut? Eigentlich nicht. Es ist, wie es ist. Ich bin noch am Anfang meiner Reporter-Karriere, da werden schon noch ein paar Highlights kommen. Ich kann es sogar genießen, völlig entspannt zu verfolgen, wie die Wolfsburger Sensation zur Realität wird.

Ein Husarenritt durch die Rückrunde zum Titel

Ein Husarenritt durch die Rückrunde zum Titel: Wolfsburgs Kapitän Josué stemmt die Schale hoch. imago images

Schnelle Tore machen's entspannter

Die Tore bei der großen Meister-Kür fallen schnell, nach 15 Minuten steht es schon 2:0 durch Misimvoic und Grafite. Ich sehe nichts, lese alles. Der kicker-Ticker ist damals wie heute eine feine Sache. Schon um kurz vor 7 Uhr, Bremens Sebastian Prödl trifft zum Wolfsburger 3:0 ins eigene Tor, habe ich die Gewissheit, dass Wolfsburg Meister wird. Und ich schon satt bin. Als die großen Feierlichkeiten nach dem 5:1-Triumph beginnen, mache ich mich mit meiner mittlerweile ebenfalls aufgestandenen Frau auf den Weg nach draußen. San Francisco erkunden. In unseren zwei Wochen geht's noch weiter nach Las Vegas und zurück nach LA. Ein unvergesslicher Urlaub - in dem ich mir nur ein Mal den Wecker stellen musste ...

Thomas Hiete

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