Bundesliga

Wegen Hertha: Niederländischer Verband schaltete Curtius ein

Hartes Tauziehen um die Nationalspieler zwischen Klubs und Verbänden

Wegen Hertha: Niederländischer Verband schaltete Curtius ein

Mediator im Konflikt zwischen dem niederländischen Verband und Hertha BSC: DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius.

Mediator im Konflikt zwischen dem niederländischen Verband und Hertha BSC: DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius. imago images

Natürlich, betonte Werder-Manager Frank Baumann, wären die Spieler gern ihren nationalen Pflichten nachgekommen. Aber unter diesen sehr besonderen Umständen gab es dieses Mal kein grünes Licht vom Verein: Milot Rashica, der mit der Nationalmannschaft des Kosovo in Moldawien (3.9.) und gegen Griechenland (6.9.) antreten sollte, Tahith Chong, der mit der niederländischen U21 im Rahmen der EM-Qualifikation im weißrussischen Schodsina (4.9.) und im niederländischen Almere (8.9.) gegen Norwegens Nachwuchs gespielt hätte, und der ohnehin verletzte Milos Veljkovic (Serbien, am 3.9. in Russland und am 6.9. gegen die Türkei) bleiben gemäß der Order ihres Vorgesetzten in Bremen.

Der Grund: Moldawien, Weißrussland und Russland stehen auf der Liste der von der Bundesregierung als Corona-Risikogebiete eingestuften Regionen. Und nach der Rückkehr aus ebenjenen Risikogebieten, das teilte das Bremer Gesundheitsamt Werder schriftlich mit, hätten sich die betreffenden Spieler unabhängig von etwaigen negativen Corona-Tests fünf Tage in Quarantäne begeben müssen - und hätten den Pflichtspielauftakt, Werders Pokalspiel bei Regionalligist Carl Zeiss Jena am 12. September, verpasst.

Grundlage für Werders Maßnahme ist ein FIFA-Rundschreiben, das die Klubs zu Beginn der Woche erreichte. Darin hieß es, dass Vereine ihre Nationalspieler, die in Orten antreten sollen, die in Corona-Risikogebieten liegen und für die Reisebeschränkungen gelten, in der anstehenden Länderspiel-Periode nicht abstellen müssen. Die Einstufung der Risikogebiete nehmen Auswärtiges Amt, Bundesinnen- und Bundesgesundheitsministerium gemeinsam vor. Zunächst wird festgestellt, in welchen Ländern oder Regionen es in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gab. In einem zweiten Schritt wird bewertet, ob für Länder oder Regionen, die den genannten Grenzwert nominell unterschreiten, dennoch die Gefahr eines erhöhten Infektionsrisikos vorliegt. Belgiens Hauptstadt Brüssel etwa, wo die dortige Nationalelf mit vier Bundesliga-Profis im Kader (Witsel, Meunier, Hazard, Casteels) am 8. September Island empfängt, wird seit dem 21. August gelistet.

KNVB drohte Hertha mit juristischen Schritten

Der seit Tagen intensive und bisweilen konfrontative Austausch zwischen den deutschen Klubs und den nationalen Verbänden geht derweil weiter. Der Ausgang ist in manchen Fällen noch immer offen. Der FC Augsburg etwa will erst am Montag bekanntgeben, welcher Nationalspieler tatsächlich fährt. Hinter den Kulissen kommt es zuweilen zu erheblichen Verstimmungen. Hertha BSC etwa ist einer der Klubs, die am stärksten von Länderspielen in Risikogebieten betroffen sind. Die Berliner kamen beim Versuch, sich mit den Verbänden Polens, der Slowakei und der Niederlande zu einigen, nur schleppend voran. Polen und Slowaken antworteten tagelang nicht auf entsprechende Anschreiben des Bundesligisten, der niederländische Verband KNVB drohte für den Fall der Nicht-Abstellung mit juristischen Schritten bei der FIFA und schaltete nach kicker-Informationen gegen Ende der Woche sogar DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius als Vermittler ein - in der Hoffnung, mit Hilfe eines Anrufs von Curtius in Berlin Hertha zum Umdenken beim niederländischen U-21-Trio Javairo Dilrosun, Deyovaisio Zeefuik und Daishawn Redan bewegen zu können.

Wir werden nicht zulassen, dass einer unserer Nationalspieler das Pokalspiel in Braunschweig verpasst, weil er vorher in Quarantäne muss. Dann holen wir die Spieler zur Not vorzeitig nach Hause.

Hertha-Manager Michael Preetz

Fakt ist jetzt: Die drei werden zum Treffpunkt der U-21-Auwahl anreisen - ob sie allerdings zum ersten Spiel des Oranje-Nachwuchses am Freitag in Weißrussland tatsächlich mitfliegen, ist weiter offen. Hintergrund: Das für Hertha BSC zuständige Gesundheitsamt Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf plant nach kicker-Informationen, ab Dienstag, dem 1. September, für Rückkehrer aus Risikogebieten ebenfalls eine fünftägige Quarantäne als verbindliche Vorgabe einzuführen. Für diesen Fall erwägt Manager Michael Preetz eine Rückruf-Aktion seiner Spieler: "Wenn sich die Vorgaben der zuständigen Behörden verändern, müssen wir als Verein dem folgen und die Lage natürlich neu bewerten. Wir werden nicht zulassen, dass einer unserer Nationalspieler das Pokalspiel in Braunschweig verpasst (am 11.9., d. Red.), weil er vorher in Quarantäne muss. Dann holen wir die Spieler zur Not vorzeitig nach Hause." Betroffen sind auch die Hertha-Profis Krzysztof Piatek (Polen), Peter Pekarik und Ondrej Duda (beide Slowakei). Das slowakische Duo soll nur das erste der beiden anstehenden Länderspiele (am 4.9. in Bratislava gegen Tschechien) bestreiten und den Trip ins Risikogebiet Israel (am 7.9. in Netanja) meiden, eine solche Absprache hat auch Zweitligist 1. FC Nürnberg für Stürmer Adam Zrelak mit dem slowakischen Verband getroffen. Der polnische Verband arbeitet derweil offenbar mit Hochdruck daran, das für den 7. September im bosnischen Zenica geplante Spiel nicht in Bosnien, sondern auf neutralem Boden auszutragen. Gelingt das nicht, soll Angreifer Piatek zuvor nach Berlin zurückkehren.

Unterschiedliche Rahmenbedingungen: Mainz gibt grünes Licht

Dass der Weltverband FIFA aufgrund der Corona-Pandemie die für dieses Länderspielfenster geplanten Partien außerhalb Europas verschoben hat, hilft einigen deutschen Klubs. Der VfL Wolfsburg kann seine Vorbereitung so mit John Anthony Brooks, Ulysses Llanez (beide USA) und Marcel Tisserand (DR Kongo) fortsetzen, Arminia Bielefeld mit Cebio Soukou (Benin). Aber innerhalb Europas geht es hoch her - und für die Bundesligisten, die mitten in der Vorbereitung etliche Spieler abstellen müssen, wird die Lage durch die in Deutschland regional unterschiedliche Quarantäne-Praxis noch komplizierter als ohnehin schon. Während etwa die Gesundheitsämter in Bremen und Nürnberg für die betreffenden Profis nach der Rückkehr fünf Tage Quarantäne verbindlich angekündigt hatten, müssen die Mainzer Profis, die mit ihren Nationalteams in Risikogebieten spielen, nach ihrer Rückkehr nicht in Quarantäne, wie FSV-Coach Achim Beierlorzer am Sonntag sagte. Die Folge: Sowohl Adam Szalai (mit Ungarn am 3.9. in der Türkei) als auch Leandro Barreiro (mit Luxemburg am 5.9. in Aserbaidschan) bekamen von ihrem Klub grünes Licht.

Mit ihrer Fünf-Tages-Linie nehmen die Behörden in Bremen und Nürnberg jetzt schon den künftigen Kurs der Bundesregierung vorweg. Ab dem 1. Oktober soll eine 14-tägige Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikogebieten gelten, eine Verkürzung der Quarantäne soll mit einem negativen Testergebnis möglich sein - allerdings darf der Test frühestens fünf Tage nach der Einreise durchgeführt werden. Die derzeit je nach Bundesland und Gesundheitsamt unterschiedlich gehandhabte Praxis stellt den Aspekt einer möglichen Wettbewerbsverzerrung - nicht zum ersten Mal in dieser Pandemie-Zeit - zumindest in den Raum. So oder so - die Liga mosert einhellig über die Abstellung etlicher Profis unter diesen außergewöhnlichen Umständen so kurz vor Saisonstart. "Es ist sehr kompliziert, niemand ist darüber glücklich", sagte Dortmunds Coach Lucien Favre zuletzt. "Die Spieler werden reisen, sie kommen zurück und könnten sich angesteckt haben. Die Gefahr ist da." Und der Umgang mit der Gefahr ändert sich auch öfter - siehe Berlin, wo das für Hertha zuständige Gesundheitsamt ab Dienstag die bisher gängige Praxis voraussichtlich verändert. Dann wird diese ohnehin komplizierte Woche noch komplizierter.

Steffen Rohr