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Roman Neustädter im Interview über Backsteine, Moskau und Istanbul

Roman Neustädter im Interview über die Vereinssuche, Moskau und Istanbul

"Was gibt es Geileres, als mit Backsteinen beworfen zu werden?"

Roman Neustädter

Ohne Verein, aber bei der Nationalmannschaft dabei: Roman Neustädter. picture alliance

Bei Roman Neustädter ist gerade "alles gut", wie er selbst sagt. Wie man das halt so sagt. Ein Problem gibt es nur, und das bringt er im Interview mit dem kicker auch direkt zur Sprache: "Ich habe halt keinen Verein."

Seit August ist der ehemalige Mainzer, Gladbacher und Schalker arbeitslos, nachdem er bei Dynamo Moskau überraschend nicht verlängern durfte. An der Seite von Maximilian Philipp und "Koka" Rausch hatte sich Neustädter mit Dynamo nach einem Fehlstart noch in die Europa League gespielt, die Beziehung zu den Klub-Verantwortlichen sei gut gewesen.

Dann, kurz nach dem letzten Spieltag, fand ein Meeting statt, "und ich bekam einen Anruf". Zeljko Buvac, langjähriger Assistent von Jürgen Klopp, hatte eine bittere Nachricht zu überbringen: "Es sieht nicht gut aus."

Neustädter, der dachte, "Buvac würde mich auf den Arm nehmen", bekam keinen neuen Vertrag. "Ich habe danach meinen Berater angerufen und der wiederum Buvac, und der sagte ihm: 'Wir haben vor zwei Stunden entschieden, dass wir nicht mit Roman verlängern wollen.' Mein Berater hat sich kaputtgelacht."

Warum Neustädter in Moskau am Trainingszentrum gewohnt hat

Wirklich zum Lachen war Neustädter nicht zumute, "weil es schon enttäuschend war nach dem Verhältnis, das wir eigentlich hatten. Ich war einfach davon ausgegangen, dass ich bleibe."

Er hatte seine Klamotten in der Wohnung gelassen, also im Zimmer am Trainingsgelände. "Ich habe mir in Moskau keine Wohnung genommen, das wäre irgendwie unnötig gewesen, wenn man im Winter sowieso drei Monate nicht da ist. Wenn meine Frau mit unserem Sohn zu Besuch kam, haben wir uns ein Apartment gemietet, aber sonst habe ich am Klubzentrum geschlafen." Dort habe es drei Mahlzeiten am Tag, eine Snackbar, ein eigenes Bad und "halbwegs funktionierendes Internet" gegeben.

Andere Teamkollegen hatten es Neustädter nachgemacht, als sie davon hörten, keine Miete zahlen zu müssen und gleichzeitig dem Stadtverkehr zu entgehen. "Oh Gott, Roman", sagte einer. "Du bist ja so schlau."

Neustädter über Philipp - "Was will der denn hier?"

Dass Neustädter nun ohne Verein dasteht, war gewissermaßen auch ein kalkuliertes Risiko. Er hatte im vergangenen Sommer nur für ein Jahr unterschreiben wollen, "weil ich ja vorher noch nie in Russland gespielt und gar keine Vorstellungen hatte, wie es denn werden würde".

Viele Kollegen aus der russischen Nationalmannschaft hatten versucht, Neustädter nach Moskau zu locken, nachdem dessen Vertrag bei Fenerbahce nach drei Jahren ausgelaufen war. "Ich wollte was Neues probieren, und das hat gepasst."

Roman Neustädter

20 Ligaspiele absolvierte Roman Neustädter für Dynamo Moskau. imago images

Bei Dynamo fand der heute 32-Jährige nach Anlaufschwierigkeiten seinen Platz im Mittelfeld und sah zu, wie auch 20-Millionen-Euro-Einkauf Philipp immer besser zurechtkam. Der Ex-Dortmunder war wie Neustädter mit Fitnessrückständen nach Moskau gewechselt, "musste aber sofort ran, weil er 20 Millionen Euro gekostet hat". Nach und nach, sagt Neustädter, "wurde er unser bester Spieler".

Neustädter erinnert sich an sein Gespräch im August 2019 mit Rausch, "der mich irgendwann fragte, ob ich zu Dynamo komme. Als ich ihm sagte, dass Philipp auch kommt, antwortete er: 'Was will der denn hier? Der ist doch viel zu gut für uns.' Und er hatte Recht. Maxi ist viel zu gut für die russische Liga."

Frühstücken mit Höwedes, Rückkehr nach Istanbul

Auch abseits des Platzes verstand sich das "deutsche" Trio gut, "wir haben viel zusammen unternommen". Hinzu kamen für Neustädter gelegentliche Frühstücksverabredungen mit Benedikt Höwedes, der bei Stadtrivale Lokomotive unter Vertrag stand.

Das Jahr in Moskau war "schon eine Erfahrung" und "einfach sehr schön", trotzdem lebt Neustädter jetzt wieder mit seiner Frau und dem Nachwuchs in Istanbul. "Mein Sohn hat hier so viele Freunde gefunden, uns hat es allen einfach gut gefallen. Wir haben noch eine Wohnung in Deutschland, aber all unsere Sachen in Istanbul. Es wäre unsinnig gewesen, den Jungen hier rauszuziehen, nur um in Deutschland zu leben. Zumal ich ja auch nicht weiß, was danach kommt."

Auch ohne Arbeitgeber wurde Neustädter vor kurzem wieder für die russische Nationalmannschaft nominiert. Trainer Stanislav Cherchesov hatte ihn nur gefragt, ob er sich gut fühle oder zugenommen habe. "Ich hätte jetzt nicht direkt 90 Minuten durchgespielt", musste er aber auch gar nicht. Zu einem Kurzeinsatz gegen Serbien (3:1) reichte es, auch um Neustädter zu zeigen, dass Cherchesov durchaus mit ihm plant. "Ich will bei der EM dabei sein."

Ich war schockiert, dass mich das ein paar Freunde gefragt haben.

Neustädter denkt nicht an ein Karriereende

Die Vereinssuche gestaltet sich nach wie vor schwierig, bis jetzt war nichts Passendes dabei. "In Europa wurden noch nicht so krass viele Transfers getätigt. Auch hier in der Türkei wird vor allem gegen Ende des Transferfensters nochmal viel gemacht, weil die ersten Vereine nach einem Fehlstart Panik bekommen."

Neustädter möchte zwar kein Panik-Kauf werden, trotzdem aber gerne in der Türkei bleiben. Wegen der Familie und der Fans, also wenn sie wieder dabei sind. "Das war in Russland, was die Fußballkultur und die Atmosphäre im Stadion angeht, auf jeden Fall anders."

Die Türkei würde Neustädter mit Südamerika vergleichen. "Was gibt es Geileres, als im eigenen vollen Stadion bejubelt oder auswärts im Derby mit Backsteinen beworfen zu werden? Wenn bei einer Ecke Schlüssel oder Anderthalb-Liter-Flaschen im Strafraum landen. Wenn du dich beim Schiedsrichter beschwerst und er dich anschnauzt: 'Sei leise und spiel weiter!' Wenn du bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wirst."

An ein Karriereende denkt Neustädter noch nicht. "Ich war schockiert, dass mich das ein paar Freunde gefragt haben", lacht er.

Wenn es mal so weit ist, würde er gerne Trainer werden, um auch die andere Seite kennenzulernen und "zu sehen, ob ich in der Lage bin, meine Idee von Fußball zu vermitteln".

Mario Krischel

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