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Warum Karim Benzema kein hässliches Entlein mehr ist

kicker & DAZN - die Story

Warum Karim Benzema kein hässliches Entlein mehr ist - und welchen Preis er dafür zahlt

Manchmal konnte man meinen, dass die Präsenz Cristiano Ronaldos Karim Benzema (re.) beinahe erdrückt.

Manchmal konnte man meinen, dass die Präsenz Cristiano Ronaldos Karim Benzema (re.) beinahe erdrückt. Getty Images

Mit leicht gesenktem, beinahe schuldbewusstem Blick drückte Benzemas Problem ihm den Ball in die Hand. "Karim, schieß du."

Den seine Elfmeter nur äußerst ungern abtretenden Cristiano Ronaldo als Problem zu bezeichnen, ist einerseits natürlich irgendwie wahnwitzig. Auf unter anderem vier Champions-League-Titel hätte Benzema ohne CR7 wohl verzichten müssen. Andererseits waren diese Erfolge für den Franzosen stets mit Abstrichen verbunden gewesen.

Im Schatten der Tormaschine

Ronaldo hatte der gebürtige Lyoner ja schon lange nachgeeifert, also dem brasilianischen Weltmeister. Am "Phänomen" orientierte er seinen Stil, ein solches wurde auch er als junger Stürmer bei Olympique. Den Wechsel zu Real Madrid - mit erst 21 Jahren - hatte sich Benzema verdient. Doch er landete im Sommer 2009 nicht alleine beim wohl größten aller Klubs.

Neben Kaka oder Xabi Alonso verpflichteten die Königlichen noch einen weiteren Angreifer, der als amtierender Weltfußballer nicht nur auf dem Platz überlebensgroß war. Über Madrid schien die Sonne zuallererst auf Tormaschine Cristiano Ronaldo, in dessen Schatten Benzema zunächst kaum gedeihen konnte. Und selbst, als ihm das gelang - der Schatten blieb.

Ich habe für ihn gespielt.

Karim Benzema über Cristiano Ronaldo

"Für Cristiano habe ich meine Torjägerseele beiseite gelegt", gestand dessen Nebenmann, der als solcher sowohl Gonzalo Higuain als auch Alvaro Morata ausstach, Jahre später dem TV-Sender MOVISTAR+. "Ich veränderte mein Spiel, um mit ihm zusammenzuspielen. Ich habe für ihn gespielt." Benzema, der einstige Vollstrecker, wurde immer mehr zum Zuspieler, der Gegenspieler band, Räume aufriss oder vor dem Tor noch mal querlegte. Das musste er tun, um als Stürmer neben CR7 existieren zu können.

Karim Benzema

"Karim the Dream": Mehr als Cristianos Zuspieler

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Das Aufopfern Benzemas, es sollte sich freilich auszahlen. Der Held war er nur selten, diese Rolle gehörte Cristiano Ronaldo. Doch in genau dieser Konstellation funktionierte Real Madrid als ein auf seine Individualisten ausgelegtes Gebilde, das unter Trainer Zinedine Zidane dreimal in Folge die Champions League gewann.

Kollektiv hätte sich Benzema das Abenteuer Real kaum spektakulärer ausmalen können. Individuell - das war etwas anderes. Da wäre etwa ein Beispiel aus dem Februar 2018: Real Madrid war gerade im Begriff, mit 5:2 gegen Real Sociedad zu gewinnen, ein Fußballfest in königlichem Weiß. Doch plötzlich gab es Pfiffe - für einen Torjäger, der das Toreschießen verlernt zu haben schien.

Karim Benzema, Isco, Cristiano Ronaldo

Klare Rollenverteilung: Cristiano Ronaldo (re.) feiert sich, Karim Benzema (li.) kommt zum Gratulieren. Getty Images

Viele Fans erkannten es nicht

Auch CR7 hatte sich schon so manchen Fehlschuss geleistet, doch im anspruchsvollen Estadio Santiago Bernabeu war er der stolze Schwan - während Benzema beinahe zum hässlichen Entlein verkümmert war. Nur die wenigsten Zuschauer schienen den Wert des Franzosen zu erkennen, dessen sich Cristiano Ronaldo absolut bewusst war, als er sich in diesem Moment sogar mit den eigenen Fans anlegte und aufmunternden Applaus für seinen Kollegen forderte.

Zwei Wochen später, beim 4:0 gegen Deportivo Alaves, folgte die Szene mit dem Elfmeter, den Benzema übrigens sicher verwandelte. Obwohl Cristiano Ronaldo, den wohl das Gewissen plagte, eigentlich auf dem Weg zum Dreierpack war. Und bald darauf auf dem Weg zu Juventus Turin.

Die Zeit nach CR7 gestaltete sich in Madrid zunächst schwierig. Auch weil kein adäquater Ersatz kam. Eden Hazard hätte das ein Jahr später, ab 2019, vielleicht mal sein sollen. Doch dessen persönliche Leidgeschichte verhinderte dies komplett. Zum Tor- und Erfolgsgaranten mauserte sich in der Zwischenzeit ein anderer: ein merklich veränderter Benzema.

Doppelt so effizient

Wie sich der Zuarbeiter aus den letzten beiden CR7-Jahren seit der Meistersaison 2019/20 zu dessen vollwertigem Ersatz entwickelt hat, untermauern auch diverse Zahlen. So schießt Benzema inzwischen 0,69 statt 0,35 Tore pro Spiel, obwohl sich seine "Expected Goals"-Werte kaum verändert haben (0,56 zu 0,53). Heißt: Als offensiver Fixpunkt kommt der Franzose nun in zunehmend bessere Abschlusspositionen und ist dabei plötzlich doppelt so effizient. Der Torjäger hat seine Seele zurück.

Man sieht nur noch selten, dass Karim Benzema mal eine Großchance auslässt.

Man sieht nur noch selten, dass Karim Benzema mal eine Großchance auslässt. kicker

Die erste Option im königlichen Angriff trägt nicht mehr die Nummer sieben, sondern die Nummer neun. Sie spielt nun auch mehr wie eine solche. Benzema kommt im gegnerischen Strafraum pro Spiel inzwischen 5,84-mal an den Ball, mehr als einmal öfter als noch in seiner alten Rolle. Als Zielspieler ist er außerdem zu weniger Defensivarbeit verpflichtet (3,05 defensive Aktionen pro Spiel - zuvor 3,66).

Zwar bleibt auch der "neue" Benzema ein mitspielender Mittelstürmer, ist mit 35,67 zu 30,71 Pässen pro Spiel sogar ein ganzes Stück aktiver als noch neben dem lauernden CR7. Hatte er damals allerdings noch speziell den Portugiesen als Anspielstation gesucht, so ist er für seine Mitspieler mittlerweile selbst die primäre: Pässe spielt Benzema im letzten Drittel pro Partie nur noch 2,29 (zuvor 2,83), Schüsse nimmt er sich nun wesentlich häufiger (3,40 statt 2,64). Auch so verdoppelt sich die Torausbeute.

Seit Ronaldo weg ist, verzeichnet Benzema insgesamt mehr Schüsse. Seine eigenen Pässe ins letzte Drittel wurden weniger.

Seit Ronaldo weg ist, verzeichnet Benzema insgesamt mehr Schüsse. Seine eigenen Pässe ins letzte Drittel wurden weniger. kicker

Unterschiedsspieler statt Sündenbock, Jubelstürme statt Pfeifkonzerte. Und nicht nur Mitspieler Toni Kroos hatte ihn sogar als Ballon-d'Or-Sieger ins Spiel gebracht. Für Benzema, den Individualisten, hat sich seit dem Abgang des Individualisten Cristiano Ronaldo so einiges verändert. Doch dieser Ruhm hat auch seinen Preis. In der Champions League spielen die Blancos ohne den fünfmaligen Weltfußballer kaum noch eine gewichtige Rolle.

Ein eigener Zuspieler

Heißt es also Titel oder Tore für Karim Benzema, dessen Form des Lebens (17 Treffer, acht Vorlagen in 20 Saisonspielen) ob seines fortgeschrittenen Alters nicht mehr ewig anhalten wird? Zumindest die Meisterschaft, wie schon 2020, scheint in diesem Jahr nur über Real Madrid zu gehen.

Und die inzwischen von den englischen Teams dominierte Champions League? Wie in besten Zeiten haben die Königlichen zumindest wieder einen großen Trumpf in der Hand - der nicht mehr Cristiano Ronaldo heißt. Und der mit Durchstarter Vinicius Junior seinen eigenen Zuspieler bekommen hat.

Niklas Baumgart

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