Bundesliga

Warum falsches Wegdrehen Freiburg schon vier Punkte kostete

Streich kritisiert Schmid und Sallai

Warum falsches Wegdrehen Freiburg schon vier Punkte kostete

Von ihnen wird mehr Standhaftigkeit gefordert: Roland Sallai und Jonathan Schmid.

Von ihnen wird mehr Standhaftigkeit gefordert: Roland Sallai und Jonathan Schmid. imago images (2)

Über das abgefälschte Gegentor in Augsburg, das den zweiten Saisonsieg des SC Freiburg verhinderte und für die entsprechende Enttäuschung bei den Breisgauern sorgte, ist bereits ausführlich berichtet worden. Bei genauerem Hinsehen bietet das Zustandekommen des Treffers jedoch auch fünf Tage danach noch Gesprächsstoff - auch aus der Sicht von Christian Streich. Wäre der Schuss von Ruben Vargas nicht ins Freiburger Tor geflogen, hätte es nämlich Handelfmeter gegeben.

Diese von FCA-Trainer Heiko Herrlich bereits in der Pressekonferenz nach der Partie veröffentlichte Aussage des Schiedsrichterteams, bestätigte Streich am Donnerstag. "Es wäre ein berechtigter Elfmeter gewesen", betonte der 55-Jährige und kritisierte deshalb das Verhalten seines Rechtsverteidigers Jonathan Schmid in dieser Szene: "Seit die Handspielregel so ist, wie sie ist, muss man die Hände wegnehmen, wenn man blocken will und nicht am Körper vorne dran lassen."

Es gebe laut Streich in solchen Situationen zwei Möglichkeiten: "Du stellst dich hin und lässt dir den Ball ins Gesicht schießen oder du unterliegst dem menschlichen Reflex, sich wegzudrehen, wenn etwas auf einen zufliegt. Dann solltest du aber die Hände weglassen." Es gebe allerdings einen Weg, sich dem Reflex nicht ausliefern zu müssen: "Du arbeitest bewusst von innen heraus dagegen und sagst, der Ball fliegt mir voll ins Gesicht, aber es gibt kein Gegentor. Er muss ja nicht ins Gesicht gehen, kann es aber, oder er prallt auf die Brust oder in den Magen."

Du arbeitest bewusst von innen heraus dagegen und sagst, der Ball fliegt mir voll ins Gesicht, aber es gibt kein Gegentor.

Streichs bevorzugte Variante

Streich fordert mehr Standhaftigkeit seiner Profis mit dem Risiko, schmerzhaft vom Ball getroffen werden zu können. Eine Selbstverständlichkeit in anderen Sportarten wie im Eishockey, wo es praktisch zum Ehrenkodex gehört, sich für die eigene Mannschaft in Schüsse zu werfen. Die Cracks auf Kufen tragen zwar Schutzkleidung, gehen aber das deutlich höhere Risiko ein, vom wesentlich härteren und schneller abgefeuerten Puck an den ungeschützten Stellen ihres Körpers getroffen zu werden. Dieses Verhalten auf dem Eis ist durch die höhere Gesundheitsgefahr sogar kritisch zu sehen, während ein Fußball im Normalfall keinen großen Schaden am Spielerkörper anrichtet.

Der Freiburger Trainer jedenfalls formuliert seine Kritik überraschend deutlich: "Dem sind wir gegen Wolfsburg nicht nachgekommen, als sich Roland Sallai weggedreht hat (und einen Brekalo-Freistoß zum 1:1-Endstand ins Tor abfälschte, Anm. d. Red.) und jetzt wieder nicht. Das kostet vier Punkte. Das machen andere Spieler in anderen Mannschaften auch nicht, aber das interessiert mich nicht, darauf habe ich keinen Einfluss." Im Freiburger Fall sei es "sehr, sehr bitter, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden, was er dann tut, du kannst niemand zwingen", so Streich, "wir haben es jetzt und damals angesprochen." Sein Urteil fällt unmissverständlich aus: "Es ist schlecht. Du kannst es verkraften, wenn du vorne drei Tore schießt und kriegst hinten eins, aber das ist im Moment nicht der Fall."

Gemischte Gefühle beim lauten Coaching

Auf das Verhalten in solch rasant ablaufenden Sequenzen hat Streich von außen natürlich keinen Einfluss, allgemein aber schon in der aktuellen Situation ohne Zuschauer in den Stadien. Beim 1:1 in Augsburg leitete Streich seine Spieler fast ununterbrochen lautstark von der Seitenlinie aus an, forderte sie zum Nachsetzen im Pressing auf oder wies auf freistehende Gegenspieler hin. "Das ist positiv, aber ich würde mich freuen, wenn ich weniger Einfluss nehmen müsste. Aber es ist offensichtlich, unabhängig davon, ob es den einen oder anderen vielleicht sogar nervt, im Moment absolut notwendig."

Wenngleich das intensive Coaching seiner mit einigen Schwierigkeiten in die Saison gestarteten Mannschaft gerade hilft, ist es nicht Streichs Wunschzustand: "Ich will da eigentlich weniger machen, weil es soll von ihnen kommen und mehr auf dem Platz geschehen." Er denke da an lautstark coachende Spieler wie Thomas Müller und hoffe, dass es im Frühjahr besser ist: "So war es immer in der Jugend. Im September habe ich ununterbrochen geschwätzt - das muss für viele furchtbar gewesen sein - und im April war es dann um drei Viertel weniger, weil es verinnerlicht war und die Jungs wussten, was zu tun ist."

Das müssten spätestens jetzt auch Schmid und Sallai wissen, wenn mal wieder ein Schuss auf sie zugeflogen kommt. Der in Augsburg wegen muskulärer Probleme fehlende Sallai hat am Mittwoch nach einwöchiger Pause wieder mit der Mannschaft trainiert und ist laut Streich eine Option für das Spiel am Samstag gegen Gladbach: "Wir müssen schauen, ob er nach der Pause die insgesamt die Reife hat, von Anfang an spielen zu können."

Carsten Schröter-Lorenz

Medienerlöse: Das kassieren die Bundesliga-Klubs 2020/21