Relegation

Walter zu Magaths Psycho-Spielchen: "Druck ist ein Privileg"

HSV-Trainer mit "Halbzeitansprache" vor dem Rückspiel

Walter zu Magaths Psycho-Spielchen: "Druck ist ein Privileg"

Freut sich schon aufs Heimspiel: HSV-Trainer Tim Walter.

Freut sich schon aufs Heimspiel: HSV-Trainer Tim Walter. IMAGO/Lobeca

"Druck", sagt Hamburgs Trainer, "ist ein Privileg." Magath weiß, dass der HSV in den drei Vorjahren nicht zuletzt am Zwang aufsteigen zu müssen, regelrecht zerschellt ist und spielt diese Karte kaum zufällig aus. Sein Gegenüber aber verweist darauf, dass seine Formation im Umgang mit einer gewissen Erwartungshaltung seit dem ersten Spieltag geschult ist. "Wir haben uns in diese Situation gebracht", sagt Walter. Er will damit ausdrücken: Er und seine Mannschaft müssen kein Endspiel um die Bundesliga bestreiten, sie dürfen. "Wir haben doch schon seit Wochen Endspiele, eigentlich sogar seit Saisonbeginn." Und insbesondere in den zurückliegenden Wochen sowie beim Hinspiel in der Hauptstadt haben sie Druckresistenz nachgewiesen. "Wir sind total fokussiert und wir empfinden vor allem Vorfreude auf dieses Heimspiel. Die Jungs haben gezeigt, dass sie mit Widerständen und auch mit solchen Situationen umgehen können. Das zeigt unseren Enthusiasmus."

Bundesliga-Relegation

Walter registriert, dass in der Hansestadt bereits mehr als nur geträumt wird, dass vielerorts mindestens der Countdown runtergezählt wird, bis das einstige Aushängeschild HSV wieder Bundesligist ist. Er befeuert diese Euphorie nach außen hin indem er sagt: "Wir werden alles reinhauen, um die Stadt glücklich zu machen, wir wollen auch uns selbst glücklich machen." Er gerät jedoch nicht in Versuchung, voreilige Schlüsse aus dem Donnerstagabend zu ziehen: "Es ist erst Halbzeit, und in der Halbzeit freut man sich nicht, sondern man bespricht die zweite Halbzeit."

"Es ist etwas entstanden in der Stadt, wir haben etwas wieder erweckt"

Magath hatte schon vor dem Hinspiel erklärt, dass er wisse, wie der HSV spiele, dass er durch nichts zu überraschen sei. Walter empfindet das sogar als Kompliment, er will seine Mannschaft jedoch ausdrücklich nicht nur auf seinen eigenen Stil reduziert wissen. "Es geht bei uns nicht nur um unsere Spielweise, es geht auch um unseren Charakter, den wir auf den Platz bringen. Teams können große Dinge erreichen. Und wir sind ein Team."

Eines, das schon jetzt etwas erreicht hat in der Hansestadt, das auch dann bleiben könnte, wenn sich Bundesligist Berlin am Ende eben doch durchsetzt. "Es ist etwas entstanden in der Stadt, wir haben etwas wieder erweckt", registriert der Coach und weiß: "Das hat mit unserer Art und Weise zu tun, damit haben wir emotionalisiert. Und das macht riesig Spaß, weil es am Anfang nicht ganz einfach war, weil es auch andere Zeiten gab, in denen es vereinzelte Pfiffe gab."

Aktuell ist die Leidenschaft der Hamburger für ihren HSV so groß wie seit einem Jahrzehnt nicht. Das vergrößert naturgemäß die Fallhöhe, die Anhänger aber haben ein Gespür dafür entwickelt, dass der HSV 2021/22 kein Ensemble ist, das individuell zu gut für die 2. Liga ist und sich nur selbst stoppen kann, sondern dass da eine Gruppe gewachsen ist, die mit Leidenschaft und Hunger mitreißt. Eine, der ein Scheitern eher verziehen würde als den Kadern der Vorjahre.

In Walters Welt freilich ist kein Platz für Gedanken ans Scheitern. Seit der Rückkehr aus Berlin steuert er individuell das Training für seine angeschlagenen Kräfte. Bakery Jatta, Jonas Meffert und Mario Vuskovic etwa arbeiteten vermehrt individuell, sind aber startklar. "Der Weg dahin", sagt Walter, "war das Ziel. Und den gehen wir weiter. Denn der ist noch nicht zu Ende."

Sebastian Wolff