2. Bundesliga

Walter bleibt HSV-Trainer - Boldts Ja nicht der bequeme Weg

Hamburgs Coach erhält einen Stabilisierungs-Auftrag

Walter bleibt HSV-Trainer - Boldts "Ja" ist nicht der bequeme Weg

Bleibt Trainer des HSV: Tim Walter (re.).

Bleibt Trainer des HSV: Tim Walter (re.). IMAGO/Ulrich Hufnagel

Die Entscheidung ist die gleiche wie im Sommer, nur das Prozedere war anders. Nach der verlorenen Relegation gegen Stuttgart (0:3, 1:3) hatte Jonas Boldt verblüfft durch sein öffentliches Bekenntnis zu Walter, noch bevor die Saison-Analyse-Gespräche gestartet waren. Dieses Mal hielt der Sportvorstand die Reihenfolge ein, tauschte sich nach dem Gespräch mit seinem leitenden Angestellten auch mit den Vereinsgremien aus.

"Alle Beteiligten waren sehr detailversessen", erklärt er, "es war keine oberflächliche Betrachtung, sondern eine tiefgehende." Unstrittig ist: Er hat durchaus Argumente auf seiner Seite. Nicht zu ignorieren und ganz entscheidend ist, dass die Mannschaft mehrheitlich hinter Walter steht.

Festhalten an Walter birgt Gefahren

So wacklig der Vortrag beim Jahreskehraus in Nürnberg auch war, ohne ein intaktes Binnenklima wäre der Kraftakt zum 2:0 kaum zu Stande gekommen. Hinzu kommt die Kaderstruktur: Das Personal ist in weiten Teilen für Walters Idee zusammengestellt und zweieinhalb Jahre auf diese eingestellt worden. Boldt sieht in einem völligen Stilbruch mehr Risiken als Chancen. Er sagt: "Dieser Analyseprozess war für uns alle sehr wertvoll, und es ist sehr gut, dass wir ihn im direkten Anschluss an die frischen Eindrücke der Hinrunde eingeleitet haben, ohne uns von Emotionen leiten zu lassen."

Doch auch das Festhalten am amtierenden Trainer birgt Gefahren. Weil Walter, bei allen Verdiensten um den Zusammenhalt und einen mitreißenden Fußball, bislang nicht nachgewiesen hat, dass sein riskanter Stil auch aufstiegsreif ist. Im abgelaufenen Halbjahr wurde das deutlicher denn je, weil der Kader qualitativ noch besser als zuvor besetzt war und alte Muster immer wieder aufbrachen, beinahe noch regelmäßiger und auffälliger als in den Vorjahren.

Boldt will Stabilität

Der Auftritt beim Erfolg in Nürnberg bildete da keine Ausnahme: Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Hälfte steuerte der Gegner ungebremst und mit reichlich Anlauf auf das Tor von Daniel Heuer Fernandes zu, weil ein Ballverlust in der gegnerischen Hälfte aufgrund fehlender Absicherung eben oftmals ausreicht, um Walters HSV auszuhebeln. Und während der 31-Jährige in den beiden zurückliegenden Jahren in herausragender Verfassung war und mit Großtaten oft kaschierte, wie anfällig das Hamburger Spiel ist, absolvierte der Keeper in der abgelaufenen Serie eben nur ein "normales" Halbjahr.

Der entscheidende Auftrag von Boldt an Walter ist es, durch eine Anpassung mehr Kompaktheit zu erzeugen. Der Boss will keinen Wandel, aber Stabilität, und Walter hat in den Gesprächen versichert, diese erzeugen zu wollen. Aber ist er durch die öffentliche Debatte noch so stark wie zuvor oder entscheidend geschwächt? Und: Gelingt die gewünschte Modifizierung wirklich mit einem Überzeugungstäter, der in seinen zweieinhalb Jahren an der Elbe sein Credo ("Wir bleiben nur bei uns") nicht nur predigt, sondern auch lebt?

Druck für Boldt 

Denn unstrittig ist: Walters vermeintliche Schwäche ist zugleich auch seine große Stärke. Denn sosehr sich seine Kritiker an seiner Ausrichtung reiben, sosehr wirkt er eben auch durch seine Überzeugung, allen Unkenrufen trotzen zu können.

Die Kritiker von Boldt halten dem Boss vor, mit der Weiterbeschäftigung den bequemen Weg gegangen zu sein. Tatsächlich setzt er sich mit dem "Ja" zu Walter selbst zusätzlich unter Druck. Der fünfte Anlauf Richtung Bundesliga unter dem Sportvorstand muss angesichts der finanziellen Anstrengungen ans Ziel führen, und für ein Opfern des Trainers hätte er zumindest beim Gros der Vereinsgremien und inzwischen auch in Teilen der Öffentlichkeit, Rückendeckung gehabt. Dass er die Zusammenarbeit fortsetzt, spricht für seine Überzeugung in Walter. Und bedeutet gleichzeitig: Geht der Plan nicht auf, ist auch Boldt gescheitert.

Sebastian Wolff

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