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Benficas Waldschmidt: "Wirst nicht nur integriert, weil du nett bist"

Der Ex-Freiburger im kicker-Interview

Waldschmidt: "Du wirst nicht nur integriert, weil du nett bist"

Luca Waldschmidt blickt auf seine erste Zeit bei Benfica zurück.

Luca Waldschmidt blickt auf seine erste Zeit bei Benfica zurück. Getty Images

(Dieses Interview erschien erstmals in der kicker-Printausgabe vom 8. März 2021)

Auf den Titelseiten der portugiesischen Sportmedien dominierte Mitte August ein Thema: der 15 Millionen Euro schwere Wechsel von Freiburgs Luca Waldschmidt zu Benfica. Der deutsche Nationalspieler begeisterte schnell, im Winter ließ er etwas nach, Mitte Januar erkrankte er an COVID-19. Nach einigen Tagen mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen kehrte er nach der Quarantäne schnell auf den Platz zurück, ehe ihn eine Zehenverletzung ausbremste. Seit vier Wochen spielt Waldschmidt wieder und besiegelte am vorvergangenen Donnerstag mit seinem ersten Tor nach der Zwangspause gegen Zweitligist Estoril den Einzug ins Pokalfinale.

Waldschmidt wohnt in der Nähe von Julian Weigl, Odysseas Vlachodimos und Haris Seferovic, den er aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt kennt. Beim deutschsprachigen Trio fand er schnell Anschluss, lernt aber regelmäßig Portugiesisch mit einer Sprachlehrerin. 20 Autominuten sind es bis zum topmodernen Benfica-Campus, wo sich die Spieler in Einzelzimmern umziehen und duschen. Abstand halten in Corona-Zeiten. "Andernfalls wäre schon viel mehr Besuch gekommen", sagt Waldschmidt wehmütig. Für den Kontakt in die Heimat bleiben Telefonate und Video-Calls. Digital findet auch Waldschmidts erstes großes Einzelinterview seit dem Wechsel statt.

Wie viele Nachrichten bekommen Sie nach Benfica-Spielen im Vergleich zur Bundesligazeit, Herr Waldschmidt?
Kommt darauf an, wie das Spiel lief (grinst). Nach meinem ersten Spiel, in dem ich zwei Tore gemacht habe, kam schon einiges. Den Auftakt haben ohnehin mehr Leute beobachtet. Meine Freunde verfolgen das auch seitdem regelmäßig und melden sich.

Generell fliegen Sie in Deutschland aber inzwischen eher unterm Radar.
Das ist ja ganz normal, weil die Liga wegen der Übertragungsrechte nicht so präsent ist. In den letzten Jahren wusste ich auch nicht jede Woche, wie Benfica gespielt hat. Um die Ligaspiele zu schauen, braucht man ein Abo beim Streamingdienst Sportdigital. Manche Topspiele laufen aber bei DAZN, wie auch die Europa League. Da kamen zuletzt nach unserem knappen und bitteren Ausscheiden gegen Arsenal deutlich mehr Nachrichten.

Es ist alles eine Nummer größer als das, was ich bisher kannte.

Sportchef und Benfica-Ikone Rui Costa wollte Sie unbedingt, Ihr Transfer dominierte die Medien. Hat Sie der Hype belastet?
Den Hype habe ich persönlich kaum gespürt. Wie nach der U-21-EM 2019, als ich Torschützenkönig wurde, habe ich das nicht an mich herangelassen. Ich habe die Aufmerksamkeit registriert, aber ich schaue mir nicht jeden Tag die Zeitungen an oder gebe meinen Namen bei Google ein und denke dabei: Toll, wurde schon wieder was über mich geschrieben.

Aber es gab noch die große, live übertragene Vorstellung, als Sie das Trikot mit der legendären 10 bekamen.
Das war tatsächlich eine ganz andere Nummer, auch wenn wegen Corona nur wenige Journalisten, meine engste Familie und mein Berater vor Ort waren. Trotzdem lief ein Highlight-Video über mich, und es gab Interviewfragen auf Englisch, die es vorher noch nicht so oft gab. Es ist alles eine Nummer größer als das, was ich bisher kannte. Aber diesen Schritt habe ich bewusst gewählt, um mich weiterzuentwickeln.

Sportlich ging es mit dem Aus gegen Saloniki in der Champions-League-Qualifikation bitter los, Sie saßen nur auf der Bank.
Das war natürlich im ersten Moment sehr enttäuschend, dieses eine Spiel verloren zu haben, auch wenn es danach noch zwei Hürden bis zur Gruppenphase gegeben hätte. Trotzdem wusste ich ja vorher, dass wir mindestens in der Europa League spielen. Ich wollte auf jeden Fall erstmals die Doppelbelastung, um mich an diesen Rhythmus zu gewöhnen.

Im ersten Ligaspiel wenig später haben Sie dann aber gleich doppelt getroffen.
Das war schön und wichtig, weil es ja im Fußball einfach so ist, dass du von neuen Kollegen vor allem wegen deiner Leistung auf dem Platz integriert wirst und nicht unbedingt nur, weil du ein guter, netter Mensch bist.

Sechs Tore und zwei Assists in der Liga, ein Tor und eine Vorlage in der Europa League sowie zwei Pokaltore in insgesamt 31 Einsätzen. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?
Ich kam gut rein, war im Herbst auch in der Nationalmannschaft relativ erfolgreich mit meinen ersten beiden A-Länderspieltoren. Irgendwann im Winter hat ein wenig die Frische gefehlt, wir haben wegen der vielen Spiele aber auch generell rotiert. Dann kamen die Corona-Infektion und die Zehenverletzung. Ich will jetzt möglichst noch alle Spiele machen, gerade, weil es neben dem Pokalfinale nur noch die Liga für uns gibt. (In der Zwischenzeit stand Waldschmidt jeweils bei den Ligasiegen gegen Belenenses (3:0) und Boavista Porto (2:0) in der Startelf und blieb ohne Torbeteiligung, Anm. d. Red.)

Es ist nicht alles rosarot, aber ich will mich durchbeißen.

Was verlangt Trainer Jorge Jesus, der Benfica schon zwischen 2009 und 2015 prägte, konkret von Ihnen?
Vorne kreative und überraschende Lösungen gegen tiefe Abwehrblöcke zu finden, weil wir meistens sehr viel Ballbesitz haben und die Gegner sich zurückziehen. Das ist auch für mich ein wichtiger Entwicklungsschritt. Aber wir gehen auch vorne ins Pressing, da hilft mir die Zeit unter Christian Streich, da habe ich in Sachen defensives Bewusstsein und Verhalten viel mitgenommen.

Wie verständigen Sie sich mit Jesus?
Wir reden einen Englisch-Portugiesisch-Mix. So kommen wir gut zurecht.

Gibt es mehr Unterschiede oder mehr Parallelen zu Christian Streich?
Schwer zu sagen. Beide haben graue Haare. Stimmt (lacht), und beide verlangen viel, sind sehr ehrgeizig und akribisch. Wenn etwas nicht passt, wird das direkt angesprochen, auch im Training. Jesus ist wie Streich sehr emotional bei der Sache, beide lieben den Fußball und geben alles für das bestmögliche Ergebnis.

Nach Ihrer unglücklichen Zeit beim HSV wurden Sie in Freiburg Nationalspieler. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf zwei Jahre beim SC zurück?
Ich bin dankbar für die Chance der Freiburger, weil es 2018 nicht selbstverständlich war, so viel Geld für mich auszugeben (fünf Millionen Euro, d. Red.) und den Glauben zu haben, dass ich mich so weiterentwickeln kann, wie wir es zusammen geschafft haben. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, kann nur Gutes über Verein und Fans sagen.

Kamen Ihnen schon mal Zweifel, den falschen Schritt gemacht zu haben?
Es war, auch wenn es sportlich jetzt gerade nicht ganz rund läuft, der richtige Schritt. Ich wollte ganz bewusst meine Komfortzone verlassen. Das heißt nicht, dass es in Freiburg bequem war, aber ich hatte mir meine Rolle erarbeitet, war nicht so weit weg von der Familie. Ich wollte diese Herausforderung, mich im Ausland bei einem großen Klub mit hohen Ansprüchen beweisen, wo du alle drei Tage deine Leistung abliefern musst, weil du gewinnen musst. In meiner Karriere lief es noch nie komplett reibungslos steil nach oben. Es ist gerade nicht alles rosarot, aber ich will und werde mich bei Benfica durchbeißen.

Das kann man mit Bayern-Spielen am ehesten vergleichen.

Auch wenn die Fans im Stadion seit geraumer Zeit fehlen, spüren Sie den großen Druck, der auf Benfica lastet?
Leider habe ich ein volles Estadio da Luz, das diesen Klub ja auch ausmacht, noch nicht erleben dürfen. Aber was von außen gefordert oder erwartet wird, lasse ich wie gesagt nicht so an mich heran. Der größte Druck kommt von mir selbst. Manchmal bin ich zu ungeduldig, weil ich weiß, was ich kann, und verlange dann zu schnell Dinge von mir. Da muss ich mich auch bremsen und mir sagen, dass ich diese ersten sechs Monate insgesamt gut bewältigt habe. Trotzdem will ich in puncto Tore und Vorlagen noch gefährlicher, effizienter und beständiger werden.

In der Liga ist Spitzenreiter und Stadtrivale Sporting 13 Punkte enteilt, auch Porto und Braga stehen vor Benfica, mit der Qualifikation zur Königsklasse wird es eng.
Wir sind natürlich nicht zufrieden, werden das aber bis zum Ende geraderücken und in die Champions League einziehen.

Im Finale gegen Braga ist noch der Pokalsieg drin.
Das ist sehr wichtig für uns. Ich bin auch hergekommen, um Titel zu gewinnen. Diese Chance wollen wir unbedingt nutzen.

Luca Waldschmidt

Luca Waldschmidt zieht im Spiel gegen Boavista ab. imago images

Wie viel schwächer ist die Liga als die Bundesliga?
Das sehe ich anders! Der Fußball unterscheidet sich, das stimmt. Zum Beispiel gibt es hier vereinzelt Plätze, wie man sie in der Bundesliga nicht kennt. Letztens sollten wir auf einer Insel mitten im Atlantik spielen. Aber wegen heftigen Regens auf den Azoren musste die Partie gegen CD Santa Clara um einen Tag verschoben werden. Und trotzdem sind wir selbst dann noch tief eingesunken auf dem Rasen. Das machte es noch mal schwieriger unser Spiel aufzuziehen, es ging 1:1 aus.

Aber einen Qualitätsunterschied wird es dennoch geben.
Was mir am meisten auffällt: Gegen uns stehen die meisten Gegner wahnsinnig tief drin. Das kannte ich so von Freiburg nicht. Wahrscheinlich kann man das mit den meisten Spielen von Bayern München am ehesten vergleichen, wo sich der Gegner auch zumeist sehr weit vors eigene Tor zurückzieht. Manchmal ist der Fußball hier auch ein kleines Stück verspielter als in der Bundesliga.

Pate sein? Ich wollte schon immer etwas zurückgeben.

Schauen Sie in Corona-Zeiten noch mehr Fußball oder lenken Sie sich bewusst auch mal ab?
Ich verfolge unsere Liga und natürlich die Bundesliga. Sonst schaue ich gerne ManCity, weil sie gerade das Nonplusultra darin sind, defensive Gegner auszuspielen. Ich versuche aber auch Dinge zu tun, die mich im Kopf weg vom Fußball bringen. Dazu zählen die Portugiesisch-Stunden und Bücher. Und ich kümmere mich als Pate um ein Pflegekind in der Heimat.

Erzählen Sie bitte mehr darüber.
Das kam über Anja Funkel zustande, die die Stiftung meiner Agentur leitet. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht zu viel über den Jungen sprechen möchte, aus Respekt ihm und seiner Situation gegenüber. Es ging grundsätzlich darum, dass ich schon immer etwas zurückgeben wollte. Und zwar nicht nur finanziell, sondern wirklich auch mit Taten. Ich stehe mit ihm regelmäßig im Austausch, begleite ihn und helfe ihm etwas auf seinem Weg.

Wie machen Sie das aus der Distanz?
Mit Anrufen, Videos, Nachrichten oder kleinen Aufmerksamkeiten. Zu sehen, wie wahnsinnig er sich beispielweise über ein Trikot zum Geburtstag freut, bereitet auch mir viel Freude, gerade in dieser Zeit. Das schafft eine gute Verbindung von der Profiblase ins normale Leben. Deshalb bin ich auch wahnsinnig froh, nach wie vor Freunde zu haben, die ich seit Kindheitstagen kenne und die mich schon immer begleitet haben.

Ihre Freunde schauen Ihnen inzwischen auch im Nationalteam zu. Wie schätzen Sie Ihre EM-Chancen ein?
Bei den Lehrgängen im Herbst konnte ich zeigen, dass ich helfen kann. Wir haben in der Offensive viele gute Spieler, am Ende entscheidet der Bundestrainer, wer für ihn in das stärkste Team gehört. Aber ich möchte natürlich unbedingt dabei sein.

Sind Sie in Kontakt mit Joachim Löw?
Während meiner COVID-Erkrankung hat er sich erkundigt, wie es mir geht, und gute Besserung gewünscht. Die Co-Trainer ebenfalls.

Interview: Carsten Schröter-Lorenz