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WM 2022 - So lief die Internationalisierung der Samurai Blue

Der halbe Kader Japans spielt in einer europäischen Top-5-Liga

Von wegen No-Names: So lief die Internationalisierung der Samurai Blue

Japans Kader ist gespickt mit Profis aus den fünf stärksten Ligen Europas.

Japans Kader ist gespickt mit Profis aus den fünf stärksten Ligen Europas. Getty Images

Spätestens die WM 2018 in Russland rückte den japanischen Fußball und dessen Spieler ins Rampenlicht des internationalen Fußballs. Damals kratzten sie im Achtelfinale am besten Ergebnis ihrer WM-Geschichte, als sie zwischenzeitlich gegen Belgien 2:0 führten und doch in der 94. Minute durch Nacer Chadli mit 2:3 ausschieden. Es war das dritte Achtelfinale der Japaner nach 2002 (0:1 gegen die Türkei) und 2010 (3:5 i.E. gegen Paraguay).

Die ersten Legionäre und Nakata im Fokus

Japans Bisherigen Achtelfinals

Erstmals durfte Japan 1998 WM-Luft schnuppern. Der ausschließlich mit Spielern aus der eigenen Liga besetzte Kader war aber chancenlos. Ohne Punkt schied man als Gruppenletzter aus. Bei den folgenden Weltmeisterschaften stieg der Anteil an Legionären dann ganz langsam an - und die Erwartungen des ganzen Teams lasteten auf ihnen. So wie bei der Heim-WM 2002, bei der insbesondere Hidetoshi Nakata im Mittelpunkt stand.

Der Mittelfeldstar schnürte damals in der Serie A bei Parma die Schuhe und galt bis dahin als der beste und populärste Spieler der japanischen Fußballgeschichte. Am Ende war es aber ein anderer Legionär, der zum Gewinner des Turniers wurde: Junichi Inamoto, damals bei Arsenal unter Vertrag, erzielte zwei Tore und schrieb sich dabei mit seinem 1:0 gegen Russland als erster japanischer WM-Siegtorschütze in die Geschichtsbücher ein. Auch dank seiner Treffer gewann Japan die Gruppe vor Belgien, Russland und Tunesien. Nach dem Turnier wechselte Inamoto zu Fulham, später führte ihn sein Weg auch noch in die Bundesliga (Eintracht Frankfurt) und die Ligue 1 (Stade Rennes).

Bank oder Japan?

Bei den folgenden Turnieren 2006 und 2010 schritt die Internationalisierung des Kaders kaum voran. 2006 waren es sechs Legionäre, darunter auch der erste Bundesligaspieler, der für Japan zu einer Weltmeisterschaft fahren durfte: Naohiro Takahara (Hamburger SV). Gerade eben jener Takahara enttäuschte aber auf voller Linie. Er kassierte zweimal die kicker-Note 5,0 und blieb ohne Treffer. Schon vor dem Turnier prophezeite der kicker damals, dass das Team in einen "europäischen" und einen "japanischen" Teil zu zerfallen schien und gerade den Spielern aus Europa Spielpraxis fehlte, da sie meist auf der Bank saßen. Am Ende hatte Japan in einer Gruppe mit Brasilien, Kroatien und Australien aber keine Chance und schied als Gruppenletzter mit einem Punkt aus.

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2010 waren es dann sogar nur vier Spieler, die im Ausland spielten. Dementsprechend verhalten fiel das Urteil im damaligen WM-Sonderheft im Vorfeld des Turniers aus: "Der Abstand zum gehobenen internationalen Niveau ist eher größer geworden" und die Stimmung sei "extrem pessimistisch". Umso überraschender das denkbar knappe Ausscheiden im Achtelfinale gegen Paraguay.

Der Durchbruch in Europa

Die WM 2014 in Brasilien war vom Ergebnis zwar enttäuschend für die Japaner - Vorrundenaus mit nur einem Punkt - markierte aber den Beginn der Internationalisierung innerhalb des japanischen Kaders. Der Anteil heimischer Spieler sank erstmals unter 50 Prozent. Zwölf Spieler standen bei ausländischen Klubs unter Vertrag, nur noch elf in Japan. 39 Prozent waren mittlerweile in einer Top 5-Liga unterwegs - nach zuvor noch 8,7 Prozent ein deutlicher Trend. Fast alle Schlüsselspieler verfügten über Erfahrung aus Klubs in großen europäischen Ligen wie Keisuke Honda (Milan), Shinji Kagawa (Manchester United) oder in der Bundesliga Shinji Okazaki (Mainz) und Makoto Hasebe (Nürnberg).

Die nach dem Turnier 2010 begonnene Entwicklung setzt sich bis heute fort. 2018 spielten nicht nur die meisten Japaner im Ausland, sondern sogar 43,5 Prozent des Kaders in einer Top-5-Liga (Premier League, La Liga, Bundesliga, Serie A und Ligue 1). Aufopferungsvoll kämpften sie im Achtelfinale gegen die Red Devils aus Belgien, schieden jedoch gegen den späteren Halbfinalisten spät aus.

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Der halbe Kader in einer Top-5-Liga

2022 schnüren nun sogar fast drei Viertel des Kaders die Schuhe im Ausland und exakt die Hälfte ist in einer der Top-5-Liga unter Vertrag, womit die Samaurai Blue nun ziemlich genau im Turnierdurchschnitt liegen. Andere Nationen mit ähnlichen Anteilen sind die Niederlande (42 Prozent), Ghana (50 Prozent) und der Finalist der vergangenen WM Kroatien (58 Prozent). 15 Teams der insgesamt 32 WM-Teilnehmer haben einen größeren Anteil an Spielern aus den Spitzenligen als die Japaner.

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Japans WM-Spiele 2022

Anders als in den ersten Jahren der Internationalisierung von Japans Fußball sind die Legionäre in den Top-Ligen längst keine Bankdrücker mehr, sondern oftmals etablierte Stammkräfte in ihren Teams. Gerade die Bundesliga spielt dabei eine wichtige Rolle. Sieben japanische WM-Fahrer stehen in Deutschland unter Vertrag, so viele, wie in keinem anderen Kader. Profis wie Daichi Kamada (Eintracht Frankfurt), Ritsu Doan (SC Freiburg) und Wataru Endo (VfB Stuttgart) sind bei ihren Klubs absolute Leistungsträger.

Extreme in der Gruppe E

Japans Gruppengegner markieren bei den Top-5-Ligen-Spielern übrigens die Extreme. Sowohl aus dem deutschen als auch aus dem spanischen Kader spielen alle Akteure in einer Top-5-Liga - ansonsten ist dies nur bei England und Frankreich der Fall. Costa Rica hat hingegen mit Keylor Navas (Paris St. Germain) nur einen einzigen Akteur in einer der europäischen Spitzenligen - und dieser ist noch ohne eine Einsatzminute in der aktuellen Saison. Weniger Spieler in Spitzenligen haben nur Saudi-Arabien und Katar, die ausschließlich auf Spieler aus den heimischen Ligen zurückgegriffen haben.

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Japans Spieler sind mittlerweile längst im Spitzenfußball angekommen, etabliert oder prägen ihn. Abzuwarten bleibt, wie sie sich als Team finden. Bei der Vergabe der ersten beiden Plätze in der Gruppe E werden die Samurai Blue definitiv ein Wörtchen mitzureden haben.

Björn Rohwer, Steffen Geyer

 

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