100 Jahre kicker

Vom 7:1 bis zum "Siegerflieger": Irre Tage in Brasilien

Chefreporter Oliver Hartmann über seine Erlebnisse bei der WM 2014

Vom 7:1 bis zum "Siegerflieger": Irre Tage in Brasilien

Untröstlich über Generationen hinweg: Die brasilianischen Fans nach dem 1:7 gegen Deutschland.

Untröstlich über Generationen hinweg: Die brasilianischen Fans nach dem 1:7 gegen Deutschland. imago images

Irgendwann während dieser gut 14 Stunden im "Siegerflieger" von Rio de Janeiro nach Berlin-Tegel weckt mich mein Kollege Karlheinz Wild. Helmut Sandrock, der damalige Generalsekretär des DFB, und Pressesprecher Jens Grittner haben die WM-Trophäe aus dem Obergeschoss der Boeing 747-8, in der sich Joachim Löw und die Mannschaft nach den Strapazen der Titelnacht ein wenig Erholung gönnen, in die Economy Class gebracht, wo die Medienverteter ihre Plätze haben. Jeder darf den gut sechs Kilo schweren Pokal in die Hand nehmen und aus der Nähe begutachten. Es ist das Ende einer inklusive der Vorbereitungszeit in Südtirol 50-tägigen Expedition, und der Abschluss einer irren Woche. Ein persönlicher Rückblick.

8. Juli: Wie so oft sitzen wir Seite an Seite im Flugzeug, Karlheinz Wild und ich. Es ist unser fünftes gemeinsames Turnier, unser fünftes gemeinsames Halbfinale. Beim WM-Sommermärchen 2006 verfolgten wir in Dortmund das bittere 0:2 in der Verlängerung gegen Italien. Bei der EM 2008 berichteten wir in Basel von Philipp Lahms Siegtreffer in der Nachspielzeit zum 3:2 gegen die Türken. Zwei Jahre später folgte in der südafrikanischen Küstenstadt Durban das 0:1 gegen Spanien, und bei der EM 2010 in Warschau das überflüssige 1:2 gegen die Italiener.

Inbrünstige Nationalhymne, tieftraurige Augen

Jetzt geht es im Charterflieger des DFB von Porto Seguro, der Küstenstadt unweit des DFB-Quartiers Campo Bahia, ins gut eine Flugstunde entfernte Belo Horizonte. "Gegen die gelbe Wand", titelt der kicker vor diesem Halbfinale gegen WM-Gastgeber Brasilien. Die deutsche Mannschaft werde sich von der extremen Kulisse nicht beeindrucken lassen, sei psychologisch und nach den Ausfällen von Neymar und Thiago Silva auch spielerisch im Vorteil, sagt mein Kollege. "Die Selecao hält dem Druck stand", entgegne ich - und fühle mich bestätigt, als ich im Stadion Brasiliens Spieler und Fans inbrünstig ihre Nationalhymne singen höre.

Die DFB-Elf gegen Brasilien in der Einzelkritik

Dass ich mit meiner Einschätzung kolossal danebenliege, zeigt sich kurz darauf im Minutentakt. Es sind Bilder, die man nicht mehr vergisst. Nicht die von der fußballerischen Demontage auf dem Platz, wo Miroslav Klose, zweimal Toni Kroos und Sami Khedira binnen sechs Minuten Thomas Müllers frühe Führung in ein unfassbares 5:0 ausbauen. Es sind die Bilder um uns herum, die erst geschockten, dann fassungslosen und zusehends total verzweifelten Gesichter jener Menschen, die so erwartungsfroh ins Stadion gekommen waren und noch vor der Halbzeit aller Illusionen beraubt werden. Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder liegen sich mit ihren in den brasilianischen Farben bemalten Gesichtern heulend in den Armen - und haben mein Mitgefühl. Spät in der Nacht geht es an diesem Dienstag nach dem am Ende mit 7:1 höchsten Halbfinalsieg der WM-Geschichte zurück nach Porto Seguro. Als ich am Flughafen unseren Mietwagen abhole und beim Nachtwächter die Gebühr bezahlen möchte, schaue ich in tieftraurige Augen.

Noch ein Sieg bis zum "Wir sind Weltmeister"-Sonderheft

10. Juli: Fünf Wochen sind wir nun schon in Brasilien, wie viele andere Journalisten sind auch wir im Toko Village, einer 15 Kilometer vom DFB-Quartier entfernten Apartment-Anlage untergebracht. Der Donnerstag-kicker liegt vor mir, mit 13 prallgefüllten Seiten über dieses denkwürdige Halbfinale und das anstehende Endspiel gegen Argentinien. Nur noch ein Sieg trennt Bundestrainer Joachim Löw und seinen Kader vom Titel, nur noch ein Sieg trennt den kicker von der Veröffentlichung des vom ersten WM-Tag an geplanten "Wir sind Weltmeister"-Sonderheftes, ein Sammelwerk über 124 Seiten, das noch in der Nacht nach einem siegreichen WM-Finale in den Druck gehen soll. Die nächsten zwei Tage verbringen wir fast ausnahmslos am Laptop, um Porträts, Stories und Hintergründe zu erstellen, die aber nur erscheinen werden, wenn die Porträtierten zu Helden aufsteigen.

12. Juli: Es heißt Abschied nehmen von Toko Village, unsere letzte Station auf diesem WM-Trip ist Rio de Janeiro. Als ich mir am Morgen zum letzten Mal beim Joggen am Strand etwas Luft und Ablenkung verschaffe, erlebe ich unsere brasilianische Nachbarschaft wie so oft in den letzten Wochen als sympathische und großartige Gastgeber, die sich dank ihrer Lebensfreude vom Halbfinal-Schock schon wieder etwas erholt haben. Sie applaudieren mir zu und gratulieren zum Final-Einzug, verbunden mit der eindringlichen Bitte, jetzt auch Argentinien zu besiegen. Die Schmach, dass der sportliche Erzrivale im Maracana triumphiert, wollen sie nicht auch noch erleben.

Extra-Stress wegen Khediras Wade

13. Juli: Jeder, der schon mal einem großen Finale live beigewohnt hat, weiß um die ganz spezielle Ausstrahlung, um das ganz besondere Flair eines solchen Endspiels. Alle sind froh und glücklich, dass sie es schon so weit geschafft haben, das gilt für Spieler und Fans gleichermaßen, und auch ein Reporter weiß es zu schätzen, wenn er von einem solch buchstäblich finalen Moment berichten darf. Doch ein Spiel am Sonntagabend ist immer ein Kampf gegen den Redaktionsschluss, erst recht, wenn das zu schnürende Paket für die Montag-Ausgabe 16 Seiten betragen soll und zudem auch über die digitalen Kanäle in allen Facetten zeitnah berichtet werden soll. Das kicker-Team im Maracana-Stadion besteht aus vier erfahrenen Kollegen, neben Karlheinz Wild und mir sind noch der unverwüstliche Hans-Günter Klemm und Lateinamerika-Experte Jörg Wolfrum vor Ort. In der Heimat ist die komplette Redaktion bereit. Jeder weiß, was zu tun ist, und doch ist man nicht gegen alle Eventualitäten gefeit. Als Sami Khedira beim Aufwärmen ein Zwicken in der Wade verspürt und Christoph Kramer überraschend in die Startelf rutscht, aus der er angeschlagen schon früh wieder ausgewechselt wird, muss dies in einer Extra-Story aufgefangen werden.

DAZN Doku über 100 Jahre kicker

kicker: Die Institution und ihre Reporter

alle Videos in der Übersicht

Bis zur 113. Minute herrscht diese knisternde Spannung, diese Ungewissheit, wer als Held und wer als Geschlagener das Feld verlässt - ehe Mario Götze das Tor seines Lebens erzielt, das Stadion explodieren lässt, Deutschland den vierten Stern sichert und ganz nebenbei dafür sorgt, dass all die Arbeit für das kicker-Sonderheft keine vergebene Liebesmühe gewesen war.

Während die Nationalspieler ihren Triumph in geschlossener Gesellschaft bis zum Morgengrauen feiern, bringen wir unsere Laptops ins Hotel, um dann noch ein wenig teilzuhaben an den ausgelassenen Feierlicheiten der Brasilianer in Rio. Wir holen bei einem Straßenhändler zwei Caipirinha, genießen den Moment und die Fröhlichkeit um uns herum. Irrsinnig schöne Erinnerungen - und wenn ich jetzt in diesen kontaktarmen Coronazeiten darüber schreibe, weiß ich diesen Moment doppelt und dreifach zu schätzen.

Oliver Hartmann

kicker.tv Hintergrund

Löw und das 7:1 - Erinnerungen an ein Jahrhundertspiel

alle Videos in der Übersicht

Unsere Gratulanten