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Vom Rollstuhlfahrer zu Reals Shooting Star: Wie Mendy zu "Tremendy" wurde

Der Real-Linksverteidiger und seine bewegte Vergangenheit

Vom Rollstuhlfahrer zum Shooting Star: Wie Mendy zu "Tremendy" wurde

Das mach ich doch mit rechts: Ferland Mendys Schuss ins Glück gegen Bergamo.

Das mach ich doch mit rechts: Ferland Mendys Schuss ins Glück gegen Bergamo. imago images

Da musste sogar der häufig verbissen wirkende Zinedine Zidane herzlich lachen. Dass der technisch beschlagene Mendy durchaus in der Lage ist, einen platzierten Schlenzer aus 20 Metern wie beim 1:0 in Bergamo zu versenken, überraschte weniger. Doch viele waren mehr als erstaunt, dass ihm das mit dem rechten Fuß gelang. Zidane wusste jedoch etwas, was nicht viele wissen: Eigentlich ist es gar nicht Mendys schwacher Fuß.

Real hatte bis zu dieser 86. Minute vergeblich versucht, gegen die seit der 17. Minute in Unterzahl spielenden Italiener das so wichtige Auswärtstor zu erzielen. Dass Bergamos Remo Freuler früh vom Platz geflogen war, war auch auf Mendy zurückzuführen. Nach feinem Pass von Vinicius war der 25-Jährige durchgebrochen, Freuler wusste sich nur mit einem Foul zu helfen.

Eine Notbremse? Ob Rot angebracht war, sei dahingestellt, sicherlich hätte nicht jeder Schiedsrichter wie Tobias Stieler entschieden. "Der Schiedsrichter hat das Spiel ruiniert", polterte jedenfalls Atalanta-Trainer Gian Piero Gasperini bei "Sky Sport Italia".

Reals Plan für die kurze Ecke geht eigentlich schief

Richtig zufrieden war hingegen Zidane - doch auch er hatte etwas zu "kritisieren". Real hatte die Ecke vor dem 1:0 kurz ausgeführt. Modric hätte wohl eigentlich aus dem Halbfeld flanken sollen, doch ein Bergamo-Akteur hatte aufgepasst und sich bestens postiert, um das zu verhindern. So entschied sich Modric für den Querpass in die Mitte zu Mendy, der dann nicht lang fackelte und zum Siegtor traf.

Generell sei die Aktion schon geplant gewesen, sagte Zidane, "aber nicht so, dass Ferland schießt", lachte er. Über die Qualitäten des rechten Fußes von Mendy war er weniger erstaunt, er gab über ihn sogar Erstaunliches preis. "Er schießt härter mit rechts als mit links. Der linke Fuß ist präziser, der rechte kraftvoller."

Die Erklärung dafür lieferte Mendy schon vor einiger Zeit. Zum einen hätten ihn seine Jugendtrainer dazu ermutigt, den rechten Fuß zu trainieren. Als Teenager habe er sich zudem mal den linken Knöchel verstaucht. "Ich konnte nicht mehr mit links schießen, weil es weh tat", verriet er "L'Equipe". Also schoss er nur noch mit rechts. Anfang Februat hatte Mendy schon beim 2:0 gegen Getafe mit dem "schwachen Starken" getroffen, im Grätschen beförderte er den Ball über die Linie.

Mendy war selbst ein wenig überrascht

Doch ein platzierter Schuss mit jeder Menge Effet? Davon war Mendy offenbar selbst etwas erstaunt. "Ich wusste gar nicht, wie ich jubeln sollte" sagte der Linksverteidiger "RMC Sport". Es sei ja auch noch sein erstes Tor in der Champions League gewesen. Genauso wie Zidane räumte aber auch Mendy ein, sich mit den Italienern schwer getan zu haben: "Uns haben die Ideen gefehlt."

Mendy hat hingegen jede Menge davon, er gehört zu den großen Transfer-Glücksgriffen der vergangenen Jahre bei Real - Zidane hatte Mendy ("Für Zidane würde ich sterben") übrigens höchstpersönlich auf seinen Wunschzettel geschrieben. Noch einige Jahre zuvor wäre das gelinde gesagt undenkbar gewesen.

Private und gesundheitliche Schicksalsschläge

Zwar startet Mendys Karriere bilderbuchmäßig, er wird schon 2004, im Alter von neun Jahren, in die PSG-Jugendabteilung aufgenommen und kickt dort unter anderem mit dem heutigen Juve-Mittelfeldspieler Adrien Rabiot. Als der Sohn senegalesischer Eltern elf Jahre alt ist, stirbt jedoch sein Vater, den er wegen seines Aufenthalts im Jugendinternat nicht mehr oft zu Gesicht bekommen hatte.

Ein Jahr später wird eine Infektion in der Hüfte festgestellt, im Alter von 15 Jahren muss er sich einer Hüft-Operation unterziehen. Fußball, sagen die Ärzte damals, werde er nie wieder spielen können. "Ich saß eine Zeit lang im Rollstuhl und war sechs oder sieben Monate im Krankenhaus bei der Reha, um wieder laufen zu können", so Mendy. Selbst über eine Amputation sei geredet worden, sagte er "Le Parisien".

Erstligadebüt im August 2017

Mendy kämpft sich jedoch zurück auf den Platz, wechselt mit 17 Jahren zum Viertligisten Mantois und ein Jahr später zu Zweitligist Le Havre. Sein Debüt in der Ligue 1 feiert er beim nächsten Klub, Olympique Lyon, im August 2017. Im November 2018 ist er Nationalspieler, 2019 folgt für 45 Millionen Euro der Wechsel zu Real. Es dauert nicht lange, bis er Platzhalter Marcelo verdrängt.

Auf der Linksverteidigerposition ist er inzwischen die klare Nummer eins, dafür arbeitet er hart in jedem Training, wie er selbst sagt. Seine Verletzung damals habe ihm "die Kraft gegeben, nie das Handtuch zu werfen, niemals aufzugeben".

Mendys Karriere kann man durchaus als "beachtlich", ja "gewaltig" einstufen. "Tremendo", würde da der Spanier sagen. Am Montag gehörte das Titelfoto folgerichtig dem jubelnden Franzosen. Darunter stand in großen Lettern: "Tremendy!"

Christoph Laskowski