Bundesliga

SC Freiburg feiert Premiere im neuen Wohnzimmer

3:0 gegen St. Pauli, "Basis für nächste Jahrzehnte" und Nachbesserungsbedarf

"Völlig ungewohnt" - Freiburgs Premiere im neuen Wohnzimmer

Die neue Heimat des SC Freiburg ist das Europa-Park-Stadion.

Die neue Heimat des SC Freiburg ist das Europa-Park-Stadion. picture alliance / Pressefoto Rudel

Kurz hatte man den Eindruck, diese Szenen gehören noch zur Choreographie der Eröffnungsshow. Vor dem Anpfiff des ersten Profispiels des SC Freiburg im neuen Europa-Park-Stadion boten Tänzerinnen und Akrobaten aus dem Ensemble des Namensgebers ein buntes, fein abgestimmtes Spektakel auf dem Rasen samt stattlichen Feuerwerkseffekten. Für so einen Knalleffekt sorgte einige Minuten später auch Vincenzo Grifo mit seinem herrlichen Schlenzer in den Winkel. "Besser kann es für mich nicht laufen", sagte der Freigeist im Freiburger Offensivspiel später freudestrahlend mit Blick auf die Ehre, auch schon den letzten Bundesligatreffer im Dreisamstadion bei der 3:0-Abschiedsparty gegen Augsburg erzielt zu haben.

Grifo erzielt ersten beiden Tore im neuen Stadion

Der großzügige Abstand, den die umstehenden St.-Pauli-Spieler von Grifo hielten, wirkte dabei lange eingeübt. Gute zehn Minuten später bereiteten die Profis von Trainer Timo Schultz dem italienischen Nationalspieler nämlich direkt nochmal die Bühne für seinen zweiten Treffer. Nette Geschenke der Hamburger, die letztlich 0:3 unterlagen und wegen der freundschaftlichen Verbundenheit einiger Verantwortlicher auf beiden Seiten und Gemeinsamkeiten in Sachen Wertesystem und Klubführungskultur als Premierengegner ausgewählt worden waren.

Meilenstein beim SC: Freiburg eröffnet Europa-Park-Stadion

St. Paulis Präsident Oke Göttlich enterte vor der Partie kurzerhand die Rednerbühne im neuen Businessbereich und übergab an SC-Sportvorstand Jochen Saier eine Rotwein-Flasche mit dem Etikett: "Kein Wein den Faschisten." Zudem dürfen Saier sein Vorstandskollege Oliver Leki, Ehrenpräsident Fritz Keller, Chefcoach Christian Streich, SC-Rekordtrainer Volker Finke und weitere Freiburger Akteure nun als Figuren im Modell des Millerntor-Stadions Platz nehmen. Als "großartige Leistung" würdigte Göttlich die Fertigstellung der neuen Heimstätte der Breisgauer und hätte sicher nichts dagegen, kommende Saison zu einem Ligaspiel anreisen zu dürfen.

Vor dem ersten Pflichtspiel ist noch einiges zu tun

Die erste Pflichtpartie trägt der Sport-Club übernächsten Samstag gegen Leipzig aus und hat bis dahin trotz der sportlich und insgesamt organisatorisch wie auch atmosphärisch gelungenen Premiere noch ein paar Aufgaben zu erledigen. So wird an dem morgigen Freitag kurzfristig noch der Rasen ausgetauscht, da der bisherige keinen ausreichenden Halt bot, nach fast jeder Aktion lösten sich größere Grasbüschel. Auch der knapp eine Minute andauernde Flutlichtausfall nach gut einer Stunde wird ebenso wenig im Ablaufplan gestanden haben wie die Tatsache, dass trotz nur 15.000 Menschen der mobile Internetempfang stark eingeschränkt war.

Volker Finke und Christian Günter zu Freiburgs letztem Tanz im Dreisamstadion

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Diese Dinge werden sich allerdings wohl recht zügig beheben lassen, bis zu einem echten Heimatgefühl wird hingegen verständlicherweise noch einige Zeit vergehen. "Wenn Heimspiele für mich 30 Jahre an einem Ort stattfinden und plötzlich sind sie an einem anderen Ort - wie soll das gewohnt sein. Es ist völlig ungewohnt, mir geht das wie den Zuschauern, die das erste Mal da sind", schilderte Christian Streich seine Gefühle. Verstärkt werden diese durch die Tatsache, dass er und sein Team weiterhin noch am Dreisamstadion trainieren und erst 75 Minuten vor der Partie mit dem Bus vorgefahren sind, fast wie bei einem Auswärtsspiel.

Wir müssen bei uns bleiben und weiter inhaltlich gut arbeiten.

SC-Sportvorstand Jochen Saier

"Das Stadion ist punktgenau spielfertig geworden. Eventuell können wir ab der kommenden Länderspielphase mit den Profis komplett umziehen und jeden Tag diese tollen neuen Räumlichkeiten und Trainingsplätze nutzen", erklärte Saier, der trotz dieses Meilensteins in der Vereinshistorie, der wirtschaftlich künftig zu einer geringeren Abhängigkeit von Transfererlösen führen kann, mahnte: "Wir alle wissen, dass ein tolles Stadion und schöne Kabinen keine Tore schießen. Wir müssen bei uns bleiben und weiter inhaltlich gut arbeiten." Nur so könne man nachhaltig Freude am neuen Stadion haben.

Fans kritisieren Stadionnamen

Zumindest der herausragende Saisonstart vereinfacht den diffizilen Umstellungsprozess. "Wir haben sehr viele Punkte für den siebten Spieltag. Das hilft total, ich bin gottfroh für die Spieler und für uns", verriet Streich und blickte voraus: "Irgendwann haben wir das zweite, dritte und vierte Spiel hier gehabt und dann ist es nicht mehr so ungewohnt." Auch Vorstand Leki betonte: "Ein Stadion ist auch ein sozialer Ort. Dieses soll jetzt zur neuen Heimat des SC werden, dabei ist es menschlich, dass es Zeit braucht, bis jeder seinen Platz gefunden hat." Mit dem Namen sind jedoch einige Fans, die allgemein die Vermarktung der Spielstätte kritisieren, nicht einverstanden. So prangte zu Spielbeginn ein Protestbanner mit der Aufschrift "Das hat mit Fußball nichts zu tun. Mooswaldstadion" am unteren Ende der Fan-Stehtribüne.

Dennoch: Die Dauer bis zum Heimatgefühl wird aber wohl bei den meisten überschaubar bleiben, verglichen mit der Historie dieses "Leuchtturmprojekts, das weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen wird", wie es Leki nennt. Er erinnerte an über zehn weitgehend zähe Jahre, an die Vorprüfung von 25 Standorten im Jahr 2013 und den gewonnenen Bürgerentscheid zwei Jahre später. Eine Abstimmungsniederlage damals hätte dem SC eine langfristige Zukunft im Profifußball verbaut, so sei nun die "Basis für die kommenden Jahrzehnte gelegt", so Leki, der mit all seinen Mitstreitern noch die durch die Pandemie komplizierte und verlängerte Bauphase seit der Grundsteinlegung am 19. März 2019 zu überstehen hatte. Die große Erleichterung über den Tag der Einweihung war allen Beteiligten deutlich anzumerken.

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Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn nutzte die Gelegenheit, die nachhaltigen, gesellschaftlich wie ökologisch wertvollen Elemente des großen neuen Bauwerks zwischen Flugplatz und Technischer Fakultät der Universität herauszustreichen: Die weltweit größte Solaranlage auf einem Stadiondach, die Anfang 2022 fertiggestellt werden soll, das innovative Wärmekonzept mit Abwärme aus benachbarten Industrieanlagen, das mit Batteriespeichern statt Dieseltreibstoff betriebene Notstromaggregat, die 144 Rollstuhlplätze und 3700 Fahrradstellplätze sowie die Förderung vom E-Mobilität im Stadionumfeld.

Gegen Leipzig dürfen nach aktuellem Stand bereits 20.000 der insgesamt 34.700 Plätze genutzt werden. Aber auch schon die 15.000 Besucher gegen St. Pauli sorgten in der engen Arena für echtes und durch die Coronaeinschränkungen noch ungewohntes Fußballfeeling. "Ich bin nach meiner Auswechslung vom Duschen wieder ins Stadion gelaufen, es war echt geile Stimmung, es hat mega geschallt", fand Grifo: "Gegen Leipzig geben wir Vollgas, freuen uns auf die Fans und machen da weiter, wo wir aufgehört haben." Da hat sich der Deutsch-Italiener nach zwei 3:0-Heimerfolgen in Serie mit drei eigenen Toren gegen den Champions-League-Teilnehmer aus Sachsen aber einiges vorgenommen. Es bleibt abzuwarten, ob Leipzig Lust auf eine Teilnahme an dieser Grifo-Choreographie haben wird.

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Carsten Schröter-Lorenz