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VfB "Veh-nomenal": Stuttgarts fünftes und letztes Meisterstück

Über 200.000 Fans feiern mit den Schwaben

VfB "Veh-nomenal": Stuttgarts fünftes und letztes Meisterstück

Die Stuttgarter feiern die fünfte Deutsche Meisterschaft.

Die Stuttgarter feiern die fünfte Deutsche Meisterschaft. imago images

Bei der Abfahrt nach Stuttgart denke ich noch: Diesmal wird es anders sein. Anders als 1992, bei meiner ersten live miterlebten Deutschen Meisterschaft des VfB. Am 16. Mai 1992 ging es ebenfalls mit dem PKW nach Leverkusen und mit der Erwartung im Gepäck, ein besseres Freundschaftsspiel zu sehen. Der Titel würde wohl an Frankfurt gehen, vielleicht Dortmund, Stuttgart bestenfalls eine gute Saison feiern. Alles sprach für eine unspektakuläre Dienstreise - die dann doch zur Meisterfeier geriet. Mit etwa 13.000 freudetrunkenen Fans nach dem Abpfiff im Leverkusener Stadion und weiteren rund 10.000 am Stuttgarter Flughafen bei der nächtlichen Rückkehr des Teams. Tags darauf feierte eine ähnliche hohe Anzahl von Anhängern ihren Klub beim Autokorso und vor dem Stadion. Ausnahmezustand in Stuttgart. Ausnahmezustand? Eher Kinderfasching im Vergleich zu diesem 19. Mai 2007.

Der Traditionsklub ist diesmal der Favorit, spielt als Tabellenführer zuhause gegen Cottbus, das als Aufsteiger den Klassenerhalt schon ausgiebig feiern durfte. Kein echter Stolperstein in Volkes Augen. Eine Konstellation, die bis drei Spieltage zuvor noch unrealistisch erschien. Als Bremen mit zwei und Schalke mit vier Punkten vor den Schwaben gen Titel strebten. Doch die Konkurrenz aus Nord und West schwächelte, während der VfB sich keine Blöße gab und jetzt vor der Krönung steht.

Trainersteckbrief Veh
Veh

Veh Armin

Spielersteckbrief Hildebrand
Hildebrand

Hildebrand Timo

Spielersteckbrief Gomez
Gomez

Gomez Mario

Spielersteckbrief Hitzlsperger
Hitzlsperger

Hitzlsperger Thomas

Spielersteckbrief S. Khedira
S. Khedira

Khedira Sami

Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
VfB Stuttgart VfB Stuttgart
70
2
FC Schalke 04 FC Schalke 04
68
3
Werder Bremen Werder Bremen
66
Bundesliga - Torjäger 2006/07
VfL Bochum Gekas Theofanis
20
Borussia Dortmund Frei Alexander
16
Bayern München Makaay Roy
16
Bundesliga - Topspieler (Tor) 2006/07
FC Schalke 04 Neuer Manuel
2,61
VfL Bochum Drobny Jaroslav
2,76
1. FC Nürnberg Schäfer Raphael
2,79

20.000 auf dem Schlossplatz, 70.000 bei der geplanten Meisterfeier

Die Stadt hat sich herausgeputzt. Mit rund 20.000 Fans wird beim Public Viewing auf dem Schlossplatz gerechnet. Mit rund 70.000 bei der abschließenden Meisterfeier, zu der die Mannschaft nach erfolgreichem Spiel stoßen soll. Vom Stadion aus per Autokorso in die Stadtmitte, wo sie gegen 20 Uhr im Rathaus und dann bei der öffentlichen Meisterfeier mit den Deutsch-Rappern von Fanta4 erwartet wird. So ist es geplant. So kommt es allerdings nicht.

Schon die ganze Woche vor diesem 34. Spieltag der Saison 2006/07 geht es drunter und drüber in der Metropole am Neckar. In den städtischen Büroräumen. Beim VfB, bei dem sich über 200 Journalisten für die Partie akkreditieren wollen. Aus ganz Europa, aber auch aus Mexiko, Ecuador oder Japan, von wo aus die kurioseste Bitte kommt: ein Akkreditierungswunsch inklusive der Frage, in welcher Stadt der VfB überhaupt beheimatet sei.

Die Mannschaft feiert Meistertrainer Armin Veh.

Die Mannschaft feiert Meistertrainer Armin Veh. imago images

Veh wird zum "Zauber-Veh"

Aufgeregtes Vorgeplänkel für den großen Tag, an dem die Kollegen und ich zwei Stunden vor dem Anpfiff im Stadion eintreffen. Angespannte Ruhe dagegen im und rund um das Stadionrund. Eine Gelassenheit, die der Verein ausstrahlt. Die Trainer Armin Veh vorlebt, der längst den von VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt bei seinem Dienstantritt verpassten Stempel der "Übergangslösung" abgewaschen hat. Dessen Arbeit die Öffentlichkeit mit veh-nomenal bezeichnet, die ihn zum "Zauber-Veh" gemacht hat. Lockerheit, die sich breitmacht, wie die Hitze an diesem Samstag. Klub und Mannschat ruhen in sich und zeigen sich nahbar wie selten zuvor und nie mehr danach.

Bei den beiden Trainingseinheiten vor der Partie, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollen, dürfen die Journalisten beiwohnen. Anders, als international üblich, sogar die kompletten Einheiten. Und sogar den rund 200 Unentwegten, die zwei Tage vor dem großen Spiel bei strömendem Regen vor den Toren des Trainingsgeländes stehen, um einen Blick auf ihre Helden zu werfen, wird schließlich Einlass gewährt.

Das wurde aus der Stuttgarter Meistermannschaft von 2007

Alle rücken zusammen

Die Region, die Stadt, der Verein, dessen Trainer, Mannschaft und Fans - alle sind zusammengerückt. Eine große Gemeinschaft, die auch diese Mannschaft ausmacht. Die dieser Mix aus erfahrenen Haudegen wie Timo Hildebrand, Fernando Meira oder Thomas Hitzlsperger sowie erfolgshungrigen Jungprofis wie Mario Gomez, Serdar Tasci und Sami Khedira regelrecht lebt. Auch an diesem Samstagnachmittag, der so beginnt, wie es nicht beginnen sollte: Mühsam, zäh, ereignislos. Dafür geht Schalke schnell 2:0 gegen Bielefeld in Führung, droht gefährlich zu werden. Und es geht noch schlimmer: Cottbus geht in Führung. Sergiu Radu trifft.

Große, ungläubige Augen und kritisches Gemurmel auf der Pressetribüne. Ein ungutes Gefühl kriecht in unser aller Magengruben hoch. Sollte es wie 1992 wieder eine Überraschung geben? Diesmal zu Ungunsten des VfB? Das Tor der Gäste, die in der Hinrunde dem VfB außerdem noch ein 0:0 abgetrotzt hatten, sorgt für ungläubiges Staunen, Murmeln, Schweigen auf den Tribünen. Bleierne Ruhe, gespenstisches, ungläubiges Murmeln. Die Arme der über 50.000 VfB-Anhänger im mit 56.000 Zuschauern ausverkauften Stadion werden sichtlich schwer.

Khediras Kopfball lässt die Stimmung explodieren

Nur kurz. Dann schwappt das Meer aus Fanschals, Papp-Meisterschalen, Spruchbändern und Fahnen wieder hoch, verschlingt im lauter werdenden Sing-Sang der Tribünen jeden Zweifel und alle Zweifelnden und gibt den Spielern Oberwasser. Vor der Pause erzielt Hitzlsperger mit unbändigem Mut und fast schon brachialer Wut und Wucht den Ausgleich. Ecke Pavel Pardo, Volleyschuss von "Hitz, the Hammer" aus rund 20 Metern. Knallhart unter die Latte. Das Stadion bebt, die Hoffnung lebt und wird Mitte der 2. Halbzeit gekrönt. Khediras Kopfball, die Führung, die Entscheidung, lässt das Netz zappeln und die Stimmung explodieren.

Bei den Fans hat Armin Veh natürlich großen Eindruck hinterlassen.

Bei den Fans hat Armin Veh natürlich großen Eindruck hinterlassen. imago images

Heute wie 1992 verschwimmt mit dem Abpfiff alles im Jubel, dem Trubel und den Tränen der Freude in diesem Moment des Glücks. Spieler, Trainer, Management und Staff in Schweiß, Bier und Sekt geduscht, aufeinander, nebeneinander, übereinander. Fragen, über das Ersichtliche hinaus, zwecklos. Der Job des Journalisten wird aufs Minimum reduziert, beobachten und notieren. Wir werden irgendwann abgehängt, als die Mannschaft in die Cabrios steigt, um im Autokorso zum Rathaus zu fahren. Fahren? Schleichen, stehen trifft es besser.

Feierei bis die Sonne aufgeht

Vieles, was zwischen Stadion und Stadtmitte passiert, ist dennoch ziemlich genau überliefert. Etwa sechs Stunden braucht der VfB-Tross für die rund sechs Kilometer, ist erst kurz vor Mitternacht am Ziel. Über 200.000, sogar von bis zu 250.000 Menschen wird berichtet, säumen die Straßen und Plätze, haben Lichtmasten und die Rücken ihrer Freunde und Partner erklommen. Hildebrand dauert es zu lange. Der VfB-Keeper springt vom Auto und bahnt sich mit Bruder und Berater seinen Weg durch die Menschenmassen. Sogar weitgehend unbemerkt. Bis zum Schlossplatz, wo die Deutsch-Rapper und VfB-Fans Fanta4 warten und die Stimmung hochhalten. Die Mannschaft kommt erst kurz vor Mitternacht an, und zieht später weiter zu ihrem Stamm-Italiener, wo im privaten Kreis weitergefeiert wird. Bis die Sonne aufgeht. Eine lange kurze Nacht. Wie schon 1992. Von wegen ganz anders.

George Moissidis

Unsere Gratulanten