Olympia

Verseuchte Spiele: kicker-Chefredakteur Jörg Jakob über Olympia

kicker-Chefredakteur Jörg Jakob über Olympia in Peking

Verseuchte Spiele

Umstrittenes Projekt: Für die Skisprungschanze in China wurde ein ganzes Dorf umgesiedelt.

Umstrittenes Projekt: Für die Skisprungschanze in China wurde ein ganzes Dorf umgesiedelt. imago images/ITAR-TASS

Offiziell beginnen die Olympischen Winterspiele an diesem Freitag. Inoffiziell ist der Startschuss bereits gefallen. Kein Wunder: Wer das Ereignis so aufbläht, diesmal um sieben auf nunmehr 109 Entscheidungen, der muss es bis zum 20. Februar irgendwie in eine Form pressen.

Die Warnung vor Gigantismus, der in verfallende Sportstätten mündet, ist bei Weitem nicht neu. Ebenso wenig wie die Kritik am überbordenden Kommerz, der das Internationale Olympische Komitee (IOC) reicher macht, die Aktiven aber in enge Marketing-Fesseln legt. In Peking jedoch, den ersten Gastgeber in Sommer und Winter, spitzt sich nun alles zu, was es an Vorbehalten geben kann: Menschenrechtsverletzungen in China und Umweltverschmutzungen speziell an den Austragungsorten verderben die Vorfreude von Sportlern und Publikum in einem bisher nicht gekannten Maß. Diese Winterspiele sind schon ohne Corona gefühlt verseucht.

Während sich die veröffentlichte Meinung insbesondere in Deutschland an der bevorstehenden Fußball-WM in Katar abarbeitete, bahnten sich in Peking weitaus krassere Umstände eines vermeintlichen Sportfestes an. Es droht eine Propaganda-Veranstaltung für die neue Stärke Chinas unter diktatorischer Führung von Xi Jinping. An dem erhofften, fraglichen Wintersport-Boom in einem riesigen Markt wollen auch Unternehmen aus anderen Staaten profitieren. Westliche Regierungen praktizieren den diplomatischen Olympia-Boykott. Ihre Wirtschaftsbeziehungen brechen sie in der Regel nicht ab, trotz Umerziehungslagern für Uiguren, trotz der Unterdrückung von Tibetern, trotz der Niederschlagung der Freiheitsbewegung in Hongkong.

Wer sagt, Sport sei unpolitisch oder müsse das sein, liegt falsch.

Das IOC und sein Präsident Thomas Bach sagen: "Wir können die politischen Probleme der Welt nicht lösen." Das stimmt. Aber der Sport kann seine Stimme deutlicher erheben, als es das IOC zulässt. Es trägt dazu bei, die freie Meinungsäußerung von Aktiven zu knebeln, stößt damit aber zunehmend auf Widerstand einer neuen Generation von Athleten und Fans. Wer sagt, Sport sei unpolitisch oder müsse das sein, liegt falsch. Politik wird schon gemacht, wenn ein eigener TV-Kanal nur schöne Bilder von der rund 2,5 Milliarden Dollar teuren Rodel-Bobbahn zeigt oder den Kunstschnee, für den ein Naturschutzgebiet beschnitten wurde, als Winterwunderland verkauft.

Alles, was zur Debatte über den Sinn und Unsinn dieser Spiele gehört, wird letztlich auf dem Rücken der Sportlerinnen und Sportler ausgetragen, die noch dazu in einer COVID-19-Abwehrblase leben müssen, wenn sie auf den Höhepunkt ihrer Laufbahn zusteuern. Die annähernd 150 deutschen Starter werden wie alle anderen kein unbeschwertes Treffen der Jugend der Welt feiern können.

Die olympische Idee hat schwer gelitten. Im Wissen darum wird der kicker in seinen digitalen Kanälen und Printausgaben über diese Spiele berichten. Der Sport, die Athletinnen und Athleten, ihre Wettbewerbe und das Interesse der Sportfreunde daran stehen dabei im Mittelpunkt, ohne dass die Begleitumstände ausgeblendet werden sollen.

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