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Verdient, historisch, unsterblich: Die großen Sieger 2023

kicker eSport Jahresrückblick

Verdient, historisch, unsterblich: Die großen Sieger des Jahres 2023

Dreimal Weltmeister, dreimal ganz großer eSport.

Dreimal Weltmeister, dreimal ganz großer eSport. kicker eSport/Getty Images/Colin Young-Wolff (2)

Manchmal passt einfach alles: Ambiente, Umsetzung, Verlauf, Ausgang. Und manchmal müssen Widrigkeiten überkommen werden, um trotz aller Umstände am Ende den maximalen Erfolg einzufahren.

Die FIFAe Finals 2023 konnten kein Sommermärchen werden. Spätestens mit der Verkündung der saudi-arabischen Hauptstadt Riad als Austragungsort war der eSport-Höhepunkt der FIFA-Saison mit einem faden Beigeschmack versehen. Laut Amnesty International wurden 2022 196 Hinrichtungen in Saudi-Arabien registriert - die höchste Gesamtzahl, die die Organisation im Wüstenstaat seit 30 Jahren verzeichnete. Weltweit übertroffen nur von China und dem Iran. Die Menschrechtslage, insbesondere auch bezüglich Frauen und Mitgliedern der LGBTQIA+-Community, wird international immer wieder heftig kritisiert.

Doch nicht nur der politische Rahmen, sondern auch die Finalturniere selbst gingen mit Problemen einher. Die Technik spielte den Veranstaltern einen Streich, wegen Verbindungsschwierigkeiten musste der Spiel- und Zeitplan immer wieder über den Haufen geworfen werden. Die Vorbereitung wurde den eSportlern erschwert, die Voraussetzungen für Bestleistungen waren suboptimal. Umso bemerkenswerter waren die großen Auftritte, die letztlich in emporgereckten Trophäen mündeten. Wie etwa der FIFAe Club World Cup von RBLZ Gaming, des eSport-Teams von RB Leipzig.

RBLZ gewinnen im Team einfach alles

Um die gesamte Tragweite des Erreichten zu verstehen, muss einige Wochen früher angesetzt werden - im Juni 2023. Nachdem die Leipziger bereits die deutsche Klubmeisterschaft im Rahmen der Virtual Bundesliga (VBL) erfolgreich verteidigt hatten, sicherten sie sich mit dem erstmaligen Gewinn des DFB-ePokal das nationale Double. Ein noch nie zuvor da gewesener Triumph. Was den RBLZ auf Teamebene folglich noch fehlte, war der internationale Erfolg: Die FIFAe-Klubweltmeisterschaft. Zu den Favoriten zählten die Sachsen in Riad allemal. Die entsprechende Liste war jedoch lang und äußerst prominent besetzt.

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Wer vor Beginn des Finalturniers große Zweifel an die Titelfähigkeit des Duos aus Umut 'RBLZ_Umut' Gültekin und Anders 'RBLZ_Vejrgang' Vejrgang hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Die Leipziger schlossen schon die Gruppenphase als bestes Doppel des Wettbewerbs ab: 23 Punkte, ein Torverhältnis von +12 und 8 Gegentreffer stellten Bestwerte dar. Im Vorfeld der K.-o.-Phasen waren die RBLZ auch für die meisten Experten zum Anwärter Nummer eins auf den Gewinn des FIFAe Club World Cup aufgestiegen.

Der dritte und größte Klubtitel der Leipziger im Jahr 2023.   FIFA via Getty Images

'RBLZ_Umut' und 'RBLZ_Vejrgang' wurden ihrer Rolle gerecht und preschten durch die folgenden Runden: Mal knapp und minimalistisch wie gegen Hollywood (1:0, 0:0), mal mit einem Comeback und großer Moral wie gegen Bröndby Esport (0:2, 5:1), mal dominant und souverän wie gegen TG.NIP (4:0, 1:1). Im Finalduell mit Team FUTWIZ Europe wählten Gültekin und Vejrgang dann eine Mischung aus den Varianten eins und drei. Auf dem Papier liest sich die Endabrechnung nach 2:1 und 1:1 eng. Zur Wahrheit gehört aber: RB lag in beiden Partien nicht einmal zurück, der FUTWIZ-Anschlusstreffer zum 3:2-Gesamtresultat fiel kurz vor Schluss - als nur noch wenig Zeit für den Ausgleich blieb.

Die Sachsen sicherten sich nicht nur den FIFAe Club World Cup, sondern auch das Triple. Dies war in der Geschichte des FIFA-eSports noch keinem Verein gelungen. Ein Triumph, der in die Geschichtsbücher einging. Auch weil es die letzten FIFAe Finals waren, die in einer Fußball-Simulation mit klassischer Zusammenarbeit zwischen Weltverband und EA SPORTS ausgetragen wurden.

Genial: Von Null auf Weltmeister 

Wer große Persönlichkeiten des Sports oder des eSports sprechen hört, findet früher oder später oft heraus, dass dem allerersten relevanten Titel der Karriere ein besonderer Zauber innewohnt. Dasselbe trifft auf den ersten großen Erfolg eines Teams zu. Als die Evil Geniuses Anfang August in Kalifornien in die Valorant Champions 2023 starteten, war ihnen bewusst, dass sie sich selbst genau diese Premiere erarbeiten könnten. Die erste große Trophäe in der Valorant-Historie der Organisation - und dann gleich den WM-Pokal.

EG triumphiert: Die Valorant Champions 2023 in Bildern

Doch nicht nur das machte die Endrunde zu etwas Besonderem für EG: Als nordamerikanisches Team hatten die Geniuses in Los Angeles quasi Heimvorteil. Die anderen beiden großen Favoriten Fnatic (Großbritannien) und Paper Rex (Indonesien) hatten zudem deutlich längere Anreisen. Ein WM-Titel vor etlichen der eigenen phrenetischen Fans erschien realistisch. Obgleich die Buchmacher Fnatic und Paper Rex leicht vorne sahen.

Entscheidend ist aber natürlich auf dem Platz - respektive auf den Maps. Und dort machten die Evil Geniuses mit dem überlegenen Gewinn von Gruppe B schon in der Vorrunde klar, das mit ihnen zu rechnen ist. Im Upper Bracket der K.-o.-Phase schalteten sie zunächst die Chinesen von Edward Gaming und die Südkoreaner von DRX aus. Doch wie so oft musste auch ein Rückschlag weggesteckt werden, um ganz zum Schluss tatsächlich jubeln zu dürfen. Dieser ereilte EG in Form von Paper Rex - und einer Pleite im Finale des Upper Brackets.

Die Geniuses bereiten sich auf das Finale der Valorant Champions vor. Colin Young-Wolff

Die Geniuses mussten also den Umweg über das Loser Bracket nehmen, in dem die Brasilianer von LOUD warteten. Hätte der Titelverteidiger einen einzigen Sieg mehr geholt und den historischen, weil bei der Champions-Endrunde bislang noch nie erfolgten Reverse Sweep zustande gebracht, würde an dieser Stelle wohl die Geschichte von LOUD erzählt. EG konnte das Sensationscomeback der Südamerikaner jedoch abwenden - und sich somit die Chance zur Revanche im Grand Final gegen Paper Rex sichern.

Ausverkauftes Kia Forum in Inglewood. Tänzer, Feuer und Nebel für die Pre-Show. Musikalische Untermalung durch Grabbitz und bbno$, die ihre Champions-Hymne "Ticking Away" performten. Alles war angerichtet für ein Spektakel. Die erste Map ging an EG, die zweite wiederum an PRX. Zu nutzen wussten die Indonesier das Momentum allerdings nicht: Mit 13:5 dominierten die Geniuses die nächsten Runden und bescherten sich selbst den Matchball auf Lotus. Dort hieß es 13:10 zugunsten der Nordamerikaner. Das Kia Forum explodierte förmlich. Der erste große internationale Valorant-Titel wird direkt die WM - und dann noch vor den eigenen Fans.

Endgültig "unsterblich": Worlds als 'Faker'-Show

Neu ist das Gefühl des Weltmeister-Daseins für T1 im Gegensatz zu RB Leipzig und den Evil Geniuses nicht. Das südkoreanische LoL-Team hatte die Worlds im Vorfeld der diesjährigen Ausgabe immerhin schon dreimal gewonnen. An Hunger mangelte es der Organisation dennoch nicht: Der letzte Titel lag bereits sieben Jahre zurück. Bei den Worlds 2022 war man zudem denkbar knapp im Finale an DRX (2:3) gescheitert. Auch das Jahr 2023 war bis dato eines der späten Enttäuschungen gewesen: Halbfinal-Aus beim Mid-Season Invitational gegen Bilibili Gaming (1:3) und Finalpleite in den Summer Play-offs der LCK gegen Gen.G (0:3).

JD Gaming trat mit dem Rückenwind des Triumphs beim MSI an, Gen.G hatte zuvor in der LCK gesiegt - doch T1 hatte 'Faker'. Sang-hyeok Lee, den "Unsterblichen Dämonenkönig". Den erfolgreichsten und wohl besten Spieler, den League of Legends, gar der gesamte eSport, je gesehen hat. Auch das T1-Urgestein selbst hatte seit dem Spring Split der LCK im Frühling 2022 nichts mehr für die Pokalvitrine gewonnen. Der 27-Jährige wollte es noch mal allen beweisen.

Sprühfontänen für die erste T1-Weltmeisterschaft seit 2016.  Colin Young-Wolff

Die neu bei den Worlds eingeführten Schweizer Runden überstand T1 mit einer 3:1-Bilanz - nicht perfekt, aber souverän. Ab dem Viertelfinale wurde das Turnier quasi zur Zwei-Länder-Angelegenheit : T1 setzte sich erst mit 3:0 gegen LNG Esports und dann mit 3:1 gegen MSI-Sieger JD Gaming durch - beides chinesische Teams. Auch die Worlds 2023 waren geprägt von der traditionellen fernostasiatischen LoL-Rivalität zwischen China und Südkorea. NRG erreichte als einziges nicht-asiatisches Team die K.-o.-Phase, schied dort aber direkt aus.

"Alle Wege führen zu mir", hatte 'Faker' das Halbfinale eingeleitet. "Wege" war in diesem Fall die Übersetzung für "Roads". Eine Anspielung auf die Golden Road, den Gewinn aller großen Titel in einem Jahr, an der sich JD Gaming versuchte. Den Chinese fehlte nur noch die WM - doch gegen 'Faker' und T1 wurde diese "Road" zur Einbahnstraße, die lediglich bis zur Vorschlussrunde reichte. Nicht nur alle Wege führten zu Lee, auch alle Augen ruhten auf ihm. Trotz Weltklasse-Teamkollegen wie 'Keria' oder 'Gumayusi'.

Im Finale erfolgte das Aufeinandertreffen mit Weibo Gaming, eine weitere chinesische Organisation. Diese schlug sich mehr als wacker, oft fehlten nur wenige Prozente, um einen Teamkampf zu drehen. Am Ende stand jedoch ein dominanter 3:0-Erfolg für T1 - auf den Schultern von 'Faker', der erneut passend kommentierte: "Für sehr lange Zeit habe ich den Aufstieg und Fall von vielen Teams beobachtet. Aber der Spieler, der am Ende immer stand - bin ich." Unsterblich eben.

nas

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