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Unvollendete Abwehr und Offensivpotenzial: Chelsea im Check

Premier-League-Vorschau, Teil 4

Unvollendete Defensive und großes Offensivpotenzial: Chelsea im Check

Chelsea um die deutschen Thomas Tuchel und Kai Havertz hat noch viel Arbeit vor sich.

Chelsea um die deutschen Thomas Tuchel und Kai Havertz hat noch viel Arbeit vor sich. imago images

"Wie geht es weiter beim FC Chelsea?", "Muss Chelsea seine Spieler verkaufen?" - zwei von vielen Fragen, die im Frühjahr rund um die Stamford Bridge kreisten. Ausgangspunkt war der Rückzug des langjährigen russischen Eigentümers Roman Abramovich, der den Klub infolge des Krieges in der Ukraine zum Verkauf stellte - auch, weil er möglichen Sanktionen zuvorkommen wollte.

Knapp drei Monate bekamen die Londoner Zeit, einen neuen Besitzer zu finden. Schließlich genehmigte die britische Regierung Ende Mai einen Deal mit einem Konsortium um den US-Unternehmer Todd Boehly. Die schnelle Abwicklung des Verkaufs bewahrte den Verein vor großen finanziellen Konsequenzen. Die kommende Saison ist also der Beginn einer neuen Ära: Erstmals seit 2003 gehen die Blues mit einem neuen Eigentümer in die Spielzeit.

Wie lief die Transferphase?

Unklar war zunächst, ob die neuen Besitzer an den Weg von Abramovich, der viel Geld in Transfers steckte, anknüpfen. Spätestens nach der Verpflichtung von Raheem Sterling, für den Chelsea rund 55 Millionen Euro an Manchester City überwies, konnten die Anhänger aufatmen - das Konsortium wird die Ausgaben nicht einschränken. Sterling gehört zu den Wunschspielern von Trainer Thomas Tuchel und soll im letzten Angriffsdrittel für mehr Durchschlagskraft sorgen.

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Trotz des Coups läuft die Transferphase bisher nicht wie geplant. Dies könnte auch mit dem Abgang von Marina Granovskaia zusammenhängen. Die langjährige Sportdirektorin, die unter Abramovich die Transverhandlungen führte, verabschiedete sich genauso wie der technische Berater Petr Cech. Granovskaia steht in diesem Sommer Interims-Sportdirektor Todd Boehly aber noch beratend zur Seite.

Dessen Transferbilanz ist bisher aber nicht erfolgreich: Vor allem in der Innenverteidigung ist nach den ablösefreien Abgängen von Antonio Rüdiger (Real Madrid) und Andreas Christensen (FC Barcelona) noch Nachholbedarf. Immerhin leitete Kalidou Koulibaly den Innenverteidiger-Umbruch ein. Der 31-Jährige war in den vergangenen Jahren einer der besten Abwehrspieler der Serie A und kommt mit einer Erfahrung von 236 Partien im italienischen Oberhaus für rund 40 Millionen Euro aus Neapel in die Premier League.

Weitere Innenverteidiger sollten folgen, allerdings sagten die Wunschlösungen ab. Während Nathan Aké Manchester City treu blieb, wechselte Matthijs de Ligt zum FC Bayern München und Jules Koundé zum FC Barcelona.

Die Katalanen stachen den CFC in diesem Sommer noch häufiger aus: Obwohl Tuchel sich um die Verpflichtung seines Ex-Spielers Ousmane Dembelé bemüht hatte, unterzeichnete der Franzose einen neuen Vertrag in Barcelona. Mit Raphinha bevorzugte ein weiterer Außenspieler den FCB.

Rüdiger-Nachfolger: Kalidou Koulibaly

Rüdiger-Nachfolger: Kalidou Koulibaly IMAGO/Gribaudi/ImagePhoto

Kurz vor dem Beginn der Premier League schlugen die Blues dann aber nochmal doppelt auf dem Transfermarkt zu. Carney Chukwuemeka soll vom Ligakonkurrent Aston Villa kommen: Der zentrale Mittelfeldspieler reiste zum Abschluss der Vertragsverhandlung und zum Medizincheck bereits nach London. Er gilt als eines der größten Talente im englischen Fußball und krönte sich zuletzt mit den Three Lions zum U-19-Europameister. Als klassischer Box-to-Box-Spieler kann er Jorginho, Mateo Kovacic und N’golo Kanté im Zentrum entlasten.

Zuvor machten die Londoner den Transfer von Torwarttalent Gabriel Slonina perfekt. Der 18-Jährige trainiert aber erst ab nächstem Jahr unter Tuchel, da er die Saison leihweise bei Chicago Fire zu Ende spielt.

Dazu kehrten einige Leihspieler zurück - die vielversprechendste Entwicklung erlebte Conor Gallagher. Der 23-Jährige, der zuletzt auf Leihbasis für Crystal Palace auflief, durfte sich in der Vorbereitung beweisen. Bei der großen Konkurrenz im zentralen Mittelfeld ist es aber fraglich, ob er sich durchsetzt.

Was bereitet Hoffnung, was Sorgen?

Hoffnung macht der Coach. Seitdem Tuchel an der Seitenlinie das Sagen hat (Januar 2021), stabilisierte sich das Team. Er formte unter anderem Rüdiger, der zuvor auf dem Abstellgleis stand, zu einem der besten Innenverteidiger der Liga. Des Weiteren ist die Offensive durch Sterling noch variabler geworden - sowohl in der Breite als auch in der Tiefe scheint der Angriff größtenteils für die Saison gewappnet zu sein.

Sorgen bereitet bei all dem Offensivpotenzial aber der fehlende Stoßstürmer. Chelsea ließ im vergangenen Jahr durch viele Remis (elf) Punkte liegen - auch, weil ein Angreifer mit Durchschlagskraft fehlte. Zwar gehörte Romelu Lukaku zum Kader, an seine Leistungen bei Inter Mailand knüpfte er aber nicht an. Da der Belgier, den es zu Inter zurückzog, nicht Eins-zu-eins ersetzt wurde, wird Havertz wohl verstärkt auf der Neun agieren.

Während in der Offensive mögliche Ausfälle prominent aufgefangen werden könnten, fehlt es in der Defensive an der Quantität. Die Dreierkette bilden momentan Koulibaly, Thiago Silva und Cesar Azpilicueta - ein erfahrenes und gutes Abwehrgespann. Als Back-ups stehen aber "nur" Trevoh Chalobah, Ethan Ampadu und Malang Sarr zur Verfügung. Es gibt es aufgrund der noch nicht abgeschlossen Transferplanung viele Fragezeichen im Kader. Dies spiegelte sich auch in den Testspielen wider: "Wir sind nicht so konkurrenzfähig. Leider konnte man es heute sehen", sagte Tuchel beispielsweise nach dem 0:4 gegen Arsenal.

Prognose

Für die Nummer drei der Vorsaison startet die Spielzeit kadertechnisch zu früh. Zu viele Personalien sind noch ungeklärt. Da sich die ärgsten Konkurrenten verbessert haben, läuft vieles auf einen spannenden Kampf um die Champions-League-Plätze hinaus.

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Der Abstand zu den Meisterschaftsanwärtern FC Liverpool und Manchester City ist zwar gewachsen, dennoch ist die Kaderqualität weiter hoch. Sollte die Tuchel-Elf vom Verletzungspech verschont bleiben, besitzt sie eine der besten Defensiven der Liga: Die Fünferkette, gepaart mit Kanté als Abräumer im Mittelfeldzentrum, ist im Vergleich mit den Defensivabteilungen von Arsenal und den Spurs stärker einzuschätzen. Dementsprechend sollte es für Chelsea erneut zur Champions-League-Qualifikation reichen.

Für die Saison wird der kommende Monat entscheidend: Falls die Londoner ihren Kader bis zum 1. September - Ende der Transferperiode - noch vollenden, sind sie erster Verfolger des Spitzenduos. Falls nicht, gefährdet die geringe Kaderbreite in der Defensive eine gute Platzierung in der ersten Spielzeit nach der Ära Abramovich.

Aaron Kahnert

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